Wer zerstört wen? Die Ausstellung „Ken. To be destroyed“ im Schwulen Museum*

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Ginge es in „Ken. To be destroyed“ hauptsächlich um die Geschichte des transsexuellen Onkels in den 1950er- und 1960er-Jahren, man könnte sich die Ausstellung sparen und statt dessen einen biografischen Abriss lesen. Tatsächlich geht es aber darum, was die Künstlerin mit dem historischen Material heute macht. Das ist alles andere als unproblematisch – und darum gut fürs Schwule Museum*.

Im Nachlass ihrer Mutter Audrey fand die Künstlerin und Fotografin Sara Davidmann auch Briefe und Fotografien, die früher ihrem Onkel und ihrer Tante Ken und Hazel Houston gehört hatten. Verpackt waren sie in zwei braune Briefumschläge, auf einem davon stand „Ken. To be destroyed“. Einerseits ein Wunsch, dass nichts überliefert werden soll, andererseits ein Zeichen, dass die Mutter es selbst nicht schaffte, die Unterlagen zu zerstören.

So fand Sara Davidmann heraus, dass ihr Onkel transsexuell war, es jedoch nur im Privaten auslebte. Nach außen unverändert ein Mann, beginnt er im Privaten, eine weibliche Identität auszuleben. Seine Ehefrau Hazel bleibt bei ihm, suchte aber (brieflich) den Austausch und den Rat ihrer Schwester Audrey. Die bewahrte nach dem Tod Kens (1979) und Hazels (2003) die privaten Unterlagen auf. Zusammen mit weiteren Dokumenten, wie etwa Tagebücher und Notizen über medizinisch-therapeutische „Maßnahmen“, lässt sich so – ansatzweise – eine Geschichte über Transsexualität und den Umgang damit im Großbritannien der 50er-, 60er-Jahre rekonstruieren. Sara Davidmann tut dies auf künstlerische und/oder gewaltsame Weise. Anstatt „nur“ die Dokumente zu präsentieren, werden sie ihr zum Material, das bearbeitet werden muss. In der Transsexualität ihres Onkels findet Sara Davidmann auch ihre eigene Faszination für Drag Queens und Transgender wieder.

Davidmann_The_DressIn einem kleinen, dadurch fast schon intimen Raum des Schwulen Museums* sind ihre Arbeiten nun ausgestellt. Von den Dokumenten sind nur Details zu sehen, Fetzen, Ausschnitte, verkleinert, vergrößert, gerahmt und collagenartig an die Wand gebracht. Die gezeigten „Fotografien“ sind nachträglich, von Hand kolorierte, bearbeitete Abzüge von Fotografien. Sie habe sich, schreibt Sara Davidmann auf einer der Texttafeln der Serie „The Dress“, gefragt, „wie Ken sich wohl während des Fotografierens gefühlt haben mochte“. Denn in der Öffentlichkeit bleibt Ken ja der Mann, der seine Frau Hazel fotografiert. Sara Davidmann löscht mit Kreide, Textmarker, Tipp-Ex und Chemikalien alles, bis auf das Kleid, aus den Bildern. Selbst das Gesicht Hazels. „I want to isolate the dress“, heißt es in einem Doku-Film. Das ist eine artige Wiedergabe der Tatsache, dass sie die Existenz Hazels auslöscht, um der (weiblichen) Existenz des Onkels auf die Spur zu kommen.

Auf der gegenüberliegenden Wand findet sich ein mit Schreibmaschine getipptes Zitat aus einem Brief von Hazel: „‘E‘ knew I was beginning to resent this woman who was taking my husband and was also taking my place as mistress of my own home.“ Wenn Ken zur Frau wird, dann nimmt diese Frau der Ehefrau Hazel nicht nur ihren Ehemann, sondern macht ihr auch noch die Rolle als Hausherrin streitig. Die stille Wut einer anscheinend geduldigen Ehefrau.

KandHazel

Die Serie „Closer“ nimmt sich eine Fotografie von einem Tanzabend, an dem Ken und Hazel teilnahmen, und „zoomt“ sich mit hochaufgelösten Ausschnitten an Details heran. Es ist eine vergebliche Suche: „Beim Betrachten dieser fotografischen Details fragte ich mich, warum wir immer davon ausgehen, dass wir alles sehen können, was da ist.“

Eine 19-minütige Film-Dokumentation zeigt die Person Sara Davidmann und ihr künstlerisches Vorgehen. Dort erfährt man auch, dass ihre Schwester nicht einverstanden ist mit einer Fotografie, die die beiden als Kinder mit den Eltern zeigt. Sara will aber das Foto für die Ausstellung – und schneidet kurzerhand die Gestalt der Schwester heraus. In der Berliner Version der Ausstellung ist die so zerstörte Fotografie nicht zu sehen.

Das Schicksal des transsexuellen Onkels mag berühren, irritieren, wirklich verstörend (faszinierend?) ist aber Sara Davidmanns Umgang mit dem Material. Für das Schwule Museum*, das mit seiner Aneinanderreihung von „Devotionalien“ ab und an auch den Charme eines heimatkundlichen Folklore-Museums hervorruft, ist „Ken. To be destroyed“ ein Glücksfall. Die kleine Ausstellung zeigt exemplarisch, wie Geschichte(n), wie ein Blick auf Geschichte dem Material – auch gewaltsam – abgerungen wird, vielleicht werden muss. Indem sie sich selbst in den Prozess hineinnimmt, sich also als Künstlerin und ihren Umgang mit dem Material thematisiert, bricht Sara Davidmann mit dem verlogenen Narrativ eines, auch geschlechtlich, neutralen, allwissenden Erzählers. Ihre Arbeit fehlt genau jene Unschuld, mit der hierzulande schwule, lesbische, transgender Geschichte immer noch gern als „reine“ historische Faktensammlung präsentiert wird. / ©RH

„Ken. To be destroyed“ ist noch bis 30. Juni 2016 im Schwulen Museum* in Berlin zu sehen.


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