Sensibel

Westerwelle_TheaterSchulzeitHomosexuelle meiner Generation sind ja hochsensibel, wenn Wörter wie „sensibel“ oder „empfindsam“ im Zusammenhang mit dem Schwulsein fallen. Wir wittern dann einen zwar oft gutgemeinten, aber letztlich doch eklig verklemmten Versuch, die sexuelle Orientierung eines Menschen nicht klar benennen zu müssen. Ein Zucken durchlief mich, als am Montag Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier für den verstorbenen Guido Westerwelle im Auswärtigen Amt das Wort fallenließ.

Dieser habe „eine außergewöhnliche Empfindsamkeit für Menschen“ gehabt. „Er war sensibel. Er war verletzlich.“ Nun muss man heutzutage kaum noch jemand sagen, dass Westerwelle schwul war. Aber trotzdem ist es merkwürdig, dass auch Steinmeier weder „schwul“ noch „homosexuell“ verwendet. Am Ende der Rede zitiert er Westerwelles Satz: „Ich will Michael und meine Freunde nicht verlieren.“ Natürlich wissen alle, dass mit Michael Westerwelles Mann gemeint ist. Am Anfang hatte er von den Anwesenden als ersten Michael Mronz begrüßt. Natürlich ist Steinmeier kein verdruckster Sozi, der noch peinlich das Wort „schwul“ vermeiden müsste. Rhetorisch gesehen, verwendet er den Hinweis auf die Sensibilität Westerwelles, um gegen das Bild von dessen distanzierter Kälte – „Arroganz“ wäre wohl treffender – anzugehen. Aber wird damit nicht zugleich ein ganz grundlegendes Moment homosexuellen Lebens berührt (und sei es als Stereotyp)?: Sich hinter einer Fassade zu verstecken? Etwas vor den anderen verbergen (zu müssen)? Dem Vorurteil, femininer Zartheit zu entgegnen, indem man sich extra zielstrebig, klar, männlich gibt, schon mal Clown, aber knallhart in der Sache?

Auch die ARD ließ es sich, im Eingang zur Übertragung des ökumenischen Trauergottesdienstes in Köln, nicht nehmen auf ein sensibles Detail der Schulzeit Westerwelles hinzuweisen: „Dort liebt er die Theaterbühne!“, dazu eine Aufnahme aus einem Fotoalbum. Nur so. Worte wie „schwul“ oder „homosexuell“ fielen nicht. Auf die Frage, inwieweit seine Homosexualität etwas mit seiner Politik zu tun gehabt haben könnte, kommt man schon gar nicht. Was wahrscheinlich daran liegt, dass die Mehrheit der Hetero-Mehrheit niemals auf die Idee käme, ihre Sexualität könnte ihre Entscheidungen mitbestimmen – und so wird der Theaterverweis ganz neutral zum unisexuellen Marker für ein bisschen Geltungssucht und den Wunsch nach Aufmerksamkeit und natürlich für das Stereotyp, dass Politiker immer auch Schauspieler sind. Also Leute, die eine Rolle spielen, aber eigentlich es ganz anders meinen. Und wenn sie dazu noch auf ganz besondere Weise anders sind, dann kann man das schon auch mal „sensibel“ nennen.

Auf das Wort „sensibel“ so übersensibel zu reagieren, ist ein Reflex aus alten Zeiten, der einige ältere Schwule wie mich befallen kann. Es ist ja eigentlich auch ein schönes Wort. Sensibilität. Es hat halt seine Geschichte und ist zudem hoffnungslos altmodisch. / ©RH

3 Responses to “Sensibel”


  1. 1 knipserei April 6, 2016 um 9:23 pm

    Ich bin da auch immer recht sensibel. Aber auf der anderen Seite: Warum sollte auf einer Beerdigung die sexuelle Orientierung eines Menschen Thema sein? Soweit ich weiß, hat auch niemand bei der Beerdigung von Helmut Schmidt betont, dass er ne Hete war.
    Ich finde das im Grunde eher gut, dass jetzt der Mann vom Mann bzw. die Frau von der Frau, der Mann von der Frau und die Frau von dem Mann einfach genannt wird – dann ist doch allen klar.
    In den meisten Fällen hat die sexuelle Orientierung auch wenig mit der Lebensleistung zu tun. Und gerade Westerwelle war jetzt echt keiner, der sich für uns Schwule / Lesben wirklich und mit Nachdruck eingesetzt hätte.

    • 2 RH April 6, 2016 um 9:55 pm

      Schön, wenn man Teile von sich so wunderbar abspalten kann bzw. wer dies für einen entscheidet. Gerade bei H. Schmidt wäre es vielleicht gar nicht so schlecht gewesen, seine Heterosexualität zu erwähnen. Sind ja noch genug Schwule zu seiner Hamburger Zeit und auch als er Bundeskanzler war, kriminalisiert und drangsaliert worden.

  2. 3 Ralf April 9, 2016 um 9:37 am

    Mir fehlt vor allem das Wort „selbsterniedrigend“. Das kommt mir nämlich immer dann in den Sinn, wenn Schwule vor der kath. Kirche kriechen. Natürlich ist es einerseits eine sehr private Entscheidung, seinen Abschied von der Welt in Form einer religiösen Feier und in einer kath. Kiche feiern zu lassen. Andererseits ist es bei einer öffentlichen Person auch ein Signal… Ich erinnere mich an den vernagelten Widerstand der FDP gegen die Lebenspartnerschaft – und daran, dass dann ausgerechnet der FDP-Vorsitzende eine solche einging, die er noch kurz vorher zu verhindern getrachtet hatte. Mein Mann und ich verdankten Guido Westerwelle und seiner Partei, dass wir nicht aufs örtliche Standesamt durften, sondern zur Kreisverwaltung mussten, die gewöhnliche Bürger sonst nur aufsuchen, wenn es um Kfz-Angelegenheiten oder Abfallbeseitigung geht. Dass wir beim anschließenden Fototermin vor der benachbarten Burgruine ein Hetero-Paar sahen, das gerade aus dem Standesamt kam, traf unsere Sensibilität. Vielleicht war Westerwelle in Wahrheit einfach weniger sensibel als ignorant. Wie seine Taten und Entscheidungen auf die Betroffenen wirkten (insbesondere auf diejenigen, denen er doch durch Zugehörigkeit zur selben sozialen Gruppe eigentlich verbunden sein sollte), nahm er nicht wahr. Oder -schlimmer- war es ihm egal? So stand er denn doch -wie leider viele andere, die ich nicht gerne schwul nennen möchte und lieber als homophile Homophobe bezeichne- unseren Unterdrückern allzu nahe. So gesehen, hat er wohl nicht einmal gemerkt -oder es billigend in Kauf genommen-, dass er seinen letzten Tag auf Erden als Heimkehr in den Schoß einer ihn hassenden Organisation zelebrieren ließ. Ein sensibler Mensch hätte sich diese Selbsterniedrigung nicht angetan, er hätte sie als solche erkannt und sie weder sich selbst noch allen anderen seinesgleichen zugemutet. So hat er uns verlassen, wie er gelebt hatte: als Mensch einer bestimmten sexuellen Orientierung, als Angehöriger einer bestimmten Minderheit, mit denen beiden er sich aber nie zu identifizieren vermochte, für die er sich nie offen eingesetzt, ja die er in entscheidenden Fragen und Momenten immer abgelehnt und bekämpft hat. Ich bedaure sehr, dass er so früh gehen musste. Ich bin nur ein Jahr jünger als er war, da bewegt einen das noch ein wenig mehr. Ich bedaure seinen Tod auch deshalb, weil ihm so die Einsicht in seine Rückgratlosigkeit und die Falschheit seiner schwulenfeindlichen Politik versagt geblieben ist, die er möglicherweise bei längerem Leben noch würde gewonnen haben können – vielleicht sogar mit einem eigenen Wort öffentlichen Bedauerns. (Das haben wir allerdings von Helmut Schmidt, um dessen Erwähnung hier aufzugreifen, auch nie gehört. Indes -ironischerweise- von Fidel Castro.)


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