Selfie mit Beziehung! oder: Wie Liebe in der Netzwelt dem Ego dient

Herzen

Der Valentinstag ist eine wunderbare, weil romantische Idee! Sie kann inspirieren, sie kann Anlass sein, sich dem schönen Gefühl der Zuneigung, der Schwärmerei für einen Menschen hinzugeben. Wer keinen Partner hat, wird bei der Betrachtung der flächendeckenden Beziehungsfrömmelei daran erinnert, dass man selbst nur allzu oft von einem Partner, einer Liebe, einer Beziehung träumt. Das kann kurzzeitig schmerzen. Wobei der Schmerz im Zeitalter der digitalen Ego-Selbstvermarktung seine Ursache weniger im Fehlen des lebendigen Gegenübers haben dürfte, als darin, dass man ohne Beziehung nichts hat, womit man im Netzwerk punkten – genauer: was man im Netzwerk teilen kann. Denn die Vorstellung, dass Liebe und Beziehung etwas ist, das zwei Menschen im Rahmen einer exklusiven Intimität miteinander teilen, ist dem Zwang 2.0 gewichen, seine Beziehung offenherzig mit anderen zu teilen.

Wer in einer Beziehung ist, kann dem Datum 14. Februar kaum entrinnen. In einer Beziehung macht man manchen rituellen Blödsinn mit, weil der andere den Blödsinn mitmacht. Gerade im Beziehungsleben ist es nahezu unmöglich, den gesellschaftlichen Zwängen und Regelungen, über welche Transfers zu welchen Zeiten Liebe kommuniziert werden muss, zu entkommen. Apropos Kommerz … ja, Valentinstag ist ein böses Produkt des bösen Kapitalismus (genauer: der hinterhältigen Blumen-Mafia). Aber mal ehrlich: Der böse Kapitalismus wäre schön blöd, wenn er unsere Blödheit, jeden Blödsinn mitzumachen, nur um ihn mitgemacht zu haben, nicht ausnutzen würde.

(Spätestens an dieser Stelle sagen Paare immer gern so was wie: „Wir schenken uns das ganze Jahr über Kleinigkeiten. Ganz spontan. Da brauchen wir so einen Tag nicht.“ Die Erfahrung lehrt, dass solche Männer einander niemals auch nur irgendetwas schenken!!!)

Misst man das Argument, der Valentinstag sei eine Erfindung der Industrie, daran, wie willfährig die Leute einem auf Kontrollfantasien basierenden Konzern – derzeit von einem Schwulen geleitet! – Hunderte von Dollar für das eigene, nicht mit einem Partner zu teilende Internettelefon zahlen, ist es eigentlich die nettere Variante, wenn man das Geld für Blumen ausgibt und wenigstens so tut, als liebe man das Gegenüber.

Dass die gute Tat des Schenkens auch für den Schenkenden von Nutzen ist, wird sich spätestens in den unzähligen Selfies im Internet zeigen. Dazu Blumenbilder rauf und runtergescrollt, Herzchen in jeder Twitter-Nachricht und in jedem Facebook-Post, dazu Fotos vom Liebsten und Treueschwüre, am besten noch mit einem Dalai-Lama-Spruch über Einzigartigkeit, der schon von 100.000 anderen Usern geteilt wurde. Beziehungen sind halt nur relevant, wenn sie von anderen bemerkt werden bzw. wenn man sie anderen ungefragt aufs Auge drücken kann. Dem Ego geht es darum, seine Timeline mit Dingen zu füllen, mit denen es sich gesellschaftlich einordnen kann: Mein Haus, meine Yacht, meine Himalaya-Kletterwand, mein Essen von gestern Abend, meine Katze im Spiderman-Kostüm und – ach, ja – meine große, große Liebe, mein ein und alles.

Keine 30 Sekunden, dann wird die große Liebe abgelöst vom Sonnenuntergangs-Selfie, von der automatischen Nachricht der Fitness-App, wieviele Kalorien verbrannt wurden beim Tippen auf die Tastatur (Online-Blumenhandel!) und vom GPS-Tracking, dass das glückliche Paar jetzt in der Cocktail-Bar („Seite gefällt mir“) sitzt. Kein Foto werden wir erhalten, wie beide sich schweigend gegenüber sitzen und auf ihre Smartphone-Displays starren. Der eine hat gerade von seinem morgigen Sexdate eine Nachricht erhalten und der andere sucht schon mal, ob sich nicht ein noch günstigeres Zimmer für die geplante Urlaubsreise finden lässt. Jetzt aber doch noch rasch ein Beziehungs-Selfie: Zwei Egos, Wange an Wange, mit dem Barkeeper als Zeuge im Hintergrund – und schwupp hochgeladen!

Natürlich sind Zweierbeziehungen schon immer Mittel gewesen, gemäß herrschender Normen die eigene Position darzustellen bzw. zu sichern. Die digitale Welt verstärkt diese Seite, insofern der Einzelne nur isoliert in das Netzwerk eintreten kann – man kann nicht zu zweit online gehen! Wie das digitale Ego muss sich auch „Beziehung“ an der Zahl der Gefällt-mir-Klicks messen lassen. Im Netz zur Schau gestellte Beziehungen können nicht romantisch sein. „Beziehung“ wird durch ein Arrangement von Fotos, Klicks, Kommentaren etc. hergestellt. „Beziehung“ wird zum Mittel der sozialen Destinktion, sie dient dazu, einen sozialen Status zu vermitteln, der von der (gefühlten/geglaubten) Mehrheit mit Aufmerksamkeitsklicks honoriert bzw. im negativen Falle mit Nichtachtung bestraft wird. In der Welt des digitalen Netzes dient „Beziehung“ vorrangig der Aufwertung des eigenen Selbst, sie ist eine Währung im Aufmerksamkeitshandel. Im Netz kann nur sein, wer sich selbst veräußert. Im Netz dreht sich alles um mich – und darum, mit anderen „etwas“ zu teilen. Geteilt wird mit den anderen Netzwerknutzern die Suggestion, es gäbe da etwas Unteilbares, etwas, was man nur mit einem anderen Menschen teilt: die Liebe.

Jede Beziehung lebt von ihrer Exklusivität. Doch unter den Bedingungen sogenannter sozialer Netzwerke ist sie nur inklusiv, als Versatzstück der Herstellung des eigenen Egos in einem Aufmerksamkeitsregime zu haben. Eine Beziehung, die am Valentinstag bei Kerzenschein eine schöne Zeit miteinander hat und dabei das Smartphone ausgeschaltet lässt, kein Selfie macht, nicht die aktuelle Position auf dem Sofa twittert, eine Beziehung, die einfach zu zweit ungetextet genießt … eine solche auf Intimität beruhende Beziehung kann es in einer digitalen Welt nicht geben. / ©RH

Rückblick: Letztes Jahr war romantischer …

Kein-Valentinstag

3 Responses to “Selfie mit Beziehung! oder: Wie Liebe in der Netzwelt dem Ego dient”


  1. 1 Toolboxx Blogger Februar 16, 2016 um 6:22 am

    Mein lieber Scholli: Ganz schön abgeklärt! Deiner Meinung, daß Männer im sog. „Internet-Zeitalter“ nur noch eine Beziehung miteinader eingehen, damit Sie durch Selfie-geposte Ihr Ego pflegen können, kann ich mich leider nicht anschließen.

    …verdammt! Vermutlich bin ich doch ein Romantiker…(?)

    • 2 RH Februar 16, 2016 um 8:25 am

      In meinem Alter kann man schon mal so tun, als ob man abgeklärt wäre. Klar, meine Beschreibung gilt für alle, alle, alle (ohne Ausnahme!). Und wer im Internet postet, tut dies immer mit Berechnung (das gilt jetzt wirklich für alle!).
      PS: Dann sind wir beide wahrscheinlich die letzten Romantiker!😉

  2. 3 Bernd Gaiser Februar 16, 2016 um 8:40 am

    Schön, dass es das noch gibt!


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