Battleworld ESC: Die Führer und der Weg

War Bushido eigentlich zu teuer? Immerhin ist er ja mit dem Integrations-Bambi geadelt, seine Platten laufen wie mit Geld geschmiert, er wäre also ideal für eine Botschaft fürs glückliche Miteinander. Bei der ARD, genauer: beim federführenden NDR, hat man sich aber für Xavier Naidoo als Deutschlands Vertreter beim ESC 2016 entschieden (und die Entscheidung revidiert, siehe Update am Ende des Textes!) Ist okay, zumal Xavier Naidoo besser singt als Bushido und eigentlich auch die schöneren Songs hat und von der Liebe und der Zerbrechlichkeit des menschlichen Miteinanders weiß. Leider meint der Sänger auch einige andere Dinge zu wissen, die er uns mitteilen muss.

Dass unsere Führer (gemeint ist wahrscheinlich eher Gott und weniger Hitler oder Mussolini) nie da sind, wenn nötig, dass man, wenn man wütend ist, einem Pädophilen schon mal Arme und Beine abhacken möchte, dass echte Männer sich durchs Mösenficken auszeichnen und Deutschland besetztes Gebiet ist und überhaupt die USA an allem schuld sind, einschließlich des Anschlags von 9/11. (Das mit dem Antisemitismus-Vorwurf spare ich mir hier, weil hier anscheinend die Rechtsanwälte des Sängers, der von sich selbst sagt: „Ich stehe für Meinungsfreiheit“, geregelt haben, was Meinung sein darf und was nicht. Siehe „Störungsmelder“ oder auch „Rheinneckarblog“ zu Naidoos Auseinandersetzung mit der Amadeu Antonio Stiftung.)

Nun singt Xavier Naidoo also für ein Land, das eigentlich nicht souverän ist, beim nächsten ESC. Verfügt hat das ein Konglomerat selbstherrlicher, noch nicht allzu alter Männer, die sich jetzt zu einer noch festeren Burg zusammenschließen und ihre Befehlsgewalt und die Absolution, die sie Xavier Naidoo erteilt haben, verteidigen. Alles so sauber orchestriert, dass man gar nicht weiß, was zuerst da war: der Shitstorm im Internet oder das Video, in dem sich der Sänger gegen den Shitstorm verteidigt. Der erste Aufschrei war noch nicht einmal verhallt, da wurde der erste Artikel von Thomas Schreiber veröffentlicht, in dem er zugibt, man habe gewusst, dass Naidoo polarisiere. Also die übliche „Wir wollten eine Diskussion anstoßen!“-Leier. Und dass der Naidoo ein netter Mensch ist und auch schon mal Türsteher in der Schwulendisco war. An dieser Stelle ein Dankeschön an Xavier Naidoo, denn als Homo weiß man, dass Türsteher in der Schwulendisco oft allen Grund hätten, homophob zu sein!!

Thomas Schreiber darf sich „Unterhaltungskoordinator“ der ARD nennen. Er ist quasi der Chef vom ESC und muss in dieser Funktion alljährlich ein Heer kreischender ESC-Fans bändigen. Damit es richtig kreischt, muss es aber vorher auch richtig aufgemischt werden. Denn ESC-Fans sind für Leute wie Thomas Schreiber eigentlich eine taube und noch mehr tumbe Masse, die aufgestachelt werden muss, damit die Quote stimmt. It’s showbiz … and economy, too! Kritik dient Thomas Schreiber dazu, sich selbst als Mann zu beweisen. Das gefällt ihm und auch Adjutanten wie Jan Feddersen: Männer, die im Sturm der Entrüstung standhaft bleiben, nicht wanken, bis der Ansturm der ESC-Volltrottel, die es nicht blicken, wie prima die Entscheidung für Xavier Naidoo ist, und die erbärmliche Mainstream-Meinung erschöpft aufgeben. So sichert man sich Bonuspunkte in der männerbündlerischen Parallel-Welt von ARD und ESC. Solche Männer sind, um es mit einem von Xavier Naidoo gern gebrauchten Wort zu sagen, die „Führer“, die uns in Zeiten des Unterhaltungsnotstandes den Weg weisen.

Zusammengeschlagene Schwule in Moskau sind dabei so unerheblich wie verhaftete und verfolgte Menschenrechtler in Aserbaidschan. Kollateralschäden, die man publikumswirksam mit Krokodilstränen beklagen bzw. mit Schmonzetten wie „Ein bisschen Frieden“ zusülzen darf. Und das Publikum singt fleißig mit. Kein Diktator und kein Unrechtsregime dieser Welt würde den echten ESC-Fans aufhalten, mitzumachen beim musikalischen Budenzauber. Man weiß sich als Schlagertouri stets gut beschützt von den Sicherheitsapparaten des Gastgeberlandes, die man zugleich als unfein ablehnt. Und nach jedem politisch zweifelhaften Land kommt auch wieder der Sonnenschein in Form eines gelobten Landes wie Schweden oder Norwegen.

In der bewusst „provozierenden“ Inszenierung des ESC ist die Kritik daran längst eingepreist und als Teil des Werbe-Marketings neutralisiert. Die kleine Elite-Riege von „echten“ Fans und Fanclub-Verwaltern längst durch Sonderbehandlung ins Männerbund-Kartell, mit oder ohne Zustimmung, eingegliedert. Gegen Strukturen wie die Fußball-Liga oder gar die FIFA ist das alles harmlos. Es gibt also Schlimmeres als den ESC und – das gehört nun mal als Wahrheit dazu – der Erfolg gibt den ESC-Machern recht.

Weil aber alles, was zur selbstverständlichen Normalität geworden ist, schnell langweilig wird in der Aufmerksamkeitsökonomie, müssen die ESC-Macher Jahr für Jahr einen neuen „Battle“ veranstalten. Dafür schiebt man Figuren wie Xavier Naidoo auf die Bühne, die in ihrer religiös verbrämten Egomanie irgendwie auch gut passen für den quasi-religiösen Kult, den der ESC um sich selbst macht. Man polarisiert und sichert sich in der orchestrierten Empörung die eigene Machtbasis und die Legitimation, weiterkämpfen zu dürfen. Wie beim Dschungelcamp gibt es kein Niveau, das man nicht unterschreiten, keine menschliche Würde, die man nicht in den Dreck ziehen könnte. Danach freut man sich umso mehr, über die eiskalt inszenierten Momente menschlicher Wärme.

Man muss sich also eigentlich nicht so sehr über Xavier Naidoo aufregen, man muss einfach mal für sich klären, ob man den ESC-Menschenzirkus auch künftig angucken und das System honorieren will. Letztes Jahr habe ich das getan. 2016 werde ich es – freilich nachdem ich mit diesem Artikel meinen kleinen Tribut an die siegreiche Selbstreferenzialität des ESC-Kultes entrichtet habe – nicht tun. Denn dies ist die einzig reelle Entscheidung, die einem die (in einem Marketing-Sinne) totalitär geworden ESC-Maschinerie lässt: Mitmachen oder nicht – anschalten oder ausschalten. / ©RH

Update, 14.20 Uhr: So schnell kann alles anders kommen: Xavier Naidoo wird nicht beim ESC 2016 antreten. Mal sehen, wie die Unterhaltungskoordinatoren nun koordinieren. Es fügt meiner These, dass die Kritik eingepreist ist, um sich selbst als kämpferischen Mann zu präsentieren, eine Variante hinzu: Kann auch schiefgehen. Mit der Auswahl der Sänger wie mit der Aktualität von Blogbeiträgen!!! Seufz! Freuen wir uns also auf den nächsten „Battle“.


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