Sterben gehört nicht mehr zur schwulen Welt

Der Bundestag hat heute ein Gesetz beschlossen, das die „geschäftsmäßige“ Hilfe beim Suizid Sterbenskranker verbietet. Interessanterweise gehörte zu den Gründen, warum überhaupt über Sterbehilfe debattiert wurde, das „Geschäft“ eines schwulen Ex-Politikers, nämlich das des ehemaligen Justizsenators von Hamburg, Roger Kusch bzw. des von ihm gegründeten Sterbehilfe-Vereins.
Weil der Tod sich um die sexuelle Orientierung der Sterbenden in der Regel wenig kümmert, interessiert sich auch die schwule Welt nicht für Themen wie Tod, Sterben und Sterbehilfe, Sterbebegleitung.

Bezeichnend war das Schweigen der Aidshilfe(n) zu diesem Thema. Auch dort kommt der Tod nicht vor. Seit HIV/Aids den Schrecken als „Todesurteil“ (glücklicherweise!) verloren hat , ist HIV/Aids zu einem Life-Management geworden. Es gab Zeiten, da hätten sich viele Schwerstkranke gewünscht, beim Sterben begleitet zu werden – mit der Möglichkeit zum selbstbestimmten, als würdevoller empfundenen Tod. In den achtziger und neunziger Jahren war Sterben im Zuge der Aids-Epidemie ein Thema in der schwulen Welt. Die teilweise heute noch durchgeführten Gedenkmärsche am Weltaidstag sind mit ihrer Kerzen-Symbolik ein letzter Widerschein davon. Die Erinnerung an das Sterben und den Tod erscheint aber, wie so vieles in der schwulen Welt,  auch nur noch als ein folkloristisches Moment. Wäre uns von dem Ringen mit der Immunschwächekrankheit noch etwas Substanzielles geblieben, hätten wir es in die Debatte einbringen können. Aber, nicht ohne Traurigkeit gesagt, es war vielleicht auch schlicht niemand mehr übrig, der noch vom Sterben, der Angst davor hätte erzählen können. Vielleicht ist aber auch schlicht heute niemand mehr da, der sich so emotionales, verweichlichtes Gejammer noch anhören will.

Die Sterbehilfe-Debatte war schwulen Publikationen keine Zeile wert. Fast schon historisch erscheint da die Rede von Volker Beck im November letzten Jahres, wo er auf das Sterben seines Mannes eingeht und über die Schwierigkeiten, eine palliative Versorgung zu erhalten, spricht. Dort, wo sie geführt wurde: nämlich ausschließlich in heterosexuellen Mainstream-Medien, tauchte immer wieder das romantische Bild auf, das wir alle vom Sterben haben: schmerzlos, im Kreis der Familie, der Freundinnen und Freunde. Diese verklärende Vorstellung dürfte auch die Mehrheit der schwulen Männer hierzulande teilen. Ich tue es auch. Die Wahrscheinlichkeit sagt etwas anderes voraus: Die überwiegende Mehrheit von uns wird allein im Krankenhaus sterben. Und dann löst sich auch ein, was die neue schwule Rechte derzeit so gerne fordert: Homosexualität wird endlich wieder Privatsache werden! Sie wird zusammen mit der ebenfalls unansehnlichen Sterblichkeit im Schrank verschwinden. Dem Rest der schwulen Welt fehlen Vision, Solidarität, Spiritualität oder einfach nur Interesse, daran etwas zu ändern.

In der schwulen Welt geht es um (sexuelle/männliche) Effektivität, die in der Entfaltung des eigenen Egos gefälligst von anderen Homos befördert und möglichst wenig von ihnen behindert werden will. Sterben nervt da einfach. Ist nicht sexy, kann weggeklickt werden. / ©RH


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