Lederszene-Tanztheater oder: Rumgehopse ist nicht geil

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Das Video „Folsom Street“ will den Mythos der vitalen, vielfältigen Leder- und Fetisch-Szene bewahren. Und zugleich ein bisschen gegen die Gentrifizierung in San Francisco sein. Ein Hingucker im Hochglanz-Retro-Stil – aber ist es auch überzeugend?

Folsom ist eine Marke. So erfolgreich, dass man sie sogar in Deutschland importiert hat. „Das Straßenfest ist“, so lässt es sich bei Wikipedia nachlesen, „der jährliche Höhepunkt der Veranstaltungen der US-amerikanischen Leder- und Fetisch-Szene“. Zum diesjährigen Folsom Street Fair in San Francisco am 27. September haben die Organisatoren den Regisseur Aron Kantor beauftragt, einen Kurzfilm zu produzieren, der nun auf „Vimeo“ veröffentlicht ist. Der beschreibt es gegenüber dem „Out“-Magazin als sein Ziel, mit „Folsom Street“ Geschlechtsidentitäten (Gender) zu beleuchten, Männlichkeitsideale herauszufordern und atypische Ausdrucksformen von Identität, Individualität und Sexualität zu feiern. „Anderssein“ will er in einem Stil präsentieren, der eigentlich Hollywoods Hochglanzproduktionen vorbehalten ist.
Und so ist die Vorlage seines Folsom-Videos nicht ganz zufällig eine Tanz-Choreografie von Regisseur Bob Fosse, genauer: „The Rich Man’s Frug“ aus dem Film/Musical „Sweet Charity“.

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Damit könnte es genug sein, aber Aron Kantor selbst bringt die Gentrifizierung San Franciscos ins Spiel. So gerät ihm sein kurzer Film zur „Zeitkapsel“, die an die Vielfalt, die Vitalität, an den Traum von sexueller Freiheit einer Subkultur erinnern soll. Eine Subkultur, die inzwischen vom wohlhabenden Homo-/Hetero-Bürgertum gern antizipiert, durch steigende Mietpreise aber auch nachhaltig platt gemacht wird.
In Berlin gilt der Schöneberger Kiez als ein solches gentrifiziertes Viertel, wo dem, der frühmorgens aus der „Scheune“ wankt, der Bio-Supermarkt entgegenlacht und wo mittlerweile in den meisten Kneipen selbst bei tropischen Temperaturen um 22 Uhr niemand mehr draußen sitzen darf, weil die Anwohner sonst Ärger machen. In den guten alten Tagen des „Knast“, möglicherweise die einzig echte Lederkneipe, die Berlin je hatte, war dies nie ein Thema. Umso besser, dass der deutsche Ableger vom Folsom Straßenfest schon Samstag nachmittags stattfindet. Wenngleich auch hier mit der Vorgabe, dass nackte Ärsche im öffentlichen Raum nur bedingt entzücken und darum bedeckt bleiben sollen. Als der Berliner „Tagesspiegel“ Front gegen die Veranstaltung als Verherrlichung von Gasmasken-SM (und dies auch noch mit Grußwort Wowereits) machte, wurde gern auf den nahe gelegenen Kindergarten verwiesen. Der hatte zur Zeit des Straßenfests zwar schon geschlossen, aber sei’s drum!

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Zurück zum Folsom-Video: Ästhetisch brillant, ganz im Retro-Charme des 70er-/80er-Jahre-Ledermannes, der in der Eingangssequenz durch die nächtliche Straße läuft, Frotzeleien von herumstehenden Transen anhören muss, um dann in der Bar in den Dunkelraum einzutauchen, wo aus Körpergetatsche, ein bisschen Peitschenschwingen und In-den-Schritt-Greifen sogleich ein rhythmisches Miteinander wird, das in einer höchst artifiziellen Choreografie mündet. Männlein, Weiblein und Dazwischenlein. So mögen wir es gern!
Gleichwohl verfehlt das Video eine wichtige Komponente. Er mag beeindruckend gefilmt, geschnitten, getanzt sein – das künstliche Rumgehopse mag lustig sein, geil ist es nicht. Einzelne Gestalten, von denen man einen Blick erhascht, mögen geil sein, das Video selbst ist es nicht.
Das eigentliche Moment der Lederszene war aber einst die Geilheit. Der Mythos vom rauen Kerl, vom ganzen Mann, der mit seiner zweiten Haut, dem Leder, verschmilzt, um dann – in einer Synästhesie von Tasten, Riechen, Schmecken mit einem anderen Mann verschmilzt. (Wie auch das Geheimnis, das Geheimnisvolle eines ihrer Momente war, das durch Folsom öffentlich und obsolet wurde!)
Das Video kann dies nur als Kuschelrunde inszenieren, wenn die Protagonisten am Schluss wie auf dem Tablett ineinander verschlungen daliegen. Die Kamera blickt distanziert von oben herab auf das Durcheinander. Ein optisch wunderbares Tableau, dem doch der eigentliche Kern entgeht.

Relax

Der (lange Zeit zensierte) Videoclip zu „Relax“ von Frankie goes to Hollywood ist da weitaus geiler, schmutziger, direkter und frecher als der von Aron Kantor präsentierte Hochglanz. Im Video „Folsom Street“ gerinnt die Lederszene, die Subkultur endgültig zum Mythos. Zur, um es mit Thomas Mann zu sagen, „zeitlosen Immer-Gegenwart“, die aber insofern eine Lüge bleibt, weil sie eine Geschichte erzählt, die es niemals gab, uns aber stets als wirklich entgegentritt.
Weil dies so ist, kann sie uns von Folsom auch (im wahrsten Sinne) immer wieder neu verkauft werden. In einer durchökonomisierten Gesellschaft wird der Mythos als Folklore zugänglich gemacht. Der Film von Aron Kantor bleibt letztlich weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Weder formuliert er eine wirkliche Kritik an den angeblich zu kritisierenden Verhältnissen der Gentrifizierung – schon gar nicht am Folsom Street Fair selbst -, noch schöpft er die Möglichkeiten aus, die ein Mythos bietet. Er bleibt eine gefällige Retro-Show auf hohem Niveau. / ©RH

2 Responses to “Lederszene-Tanztheater oder: Rumgehopse ist nicht geil”


  1. 1 fink August 19, 2015 um 3:26 pm

    Es gibt ein Repertoire an codierten Gesten, die für eine Kamera oder ein voyeuristisches Publikum „Erotik“ signalisieren sollen. Dabei muss man sich synchron mit anderen steif herumräkeln, am Besten an irgendwas lecken und offenbar vor allem sehr sehr ernst gucken, denn „Erotik“ hat in dieser Perspektive nichts mit Spaß oder gar Ausgelassenheit zu tun, sondern ist eine Frage von millimetergenauer Körperbeherrschung und Selbstdisziplin. Arbeit eben, wie alles andere auch. Das muss irgendwann aus der käuflichen Erotik, wo es ja wirklich Arbeit war, in die Pop-Industrie rübergewandert sein, und nun denken anscheinend alle, so geht Erotik.

    Für mich gibt es kaum etwas Ungeileres, als mir Menschen anzuschauen, die mithilfe dieses Gestenrepertoires derartig bemüht darum ringen, Sexyness auszustrahlen. Insofern stimme ich deiner Sicht zu: Hier bleibt leider das Wichtigste auf der Strecke, nämlich echte Geilheit.

    Der Mann in der Jeansweste, der als Einziger mit einem Lächeln ein winziges Fünkchen Charme und daher auch Sexyness in die unterkühlte Eiswüstenerotik des Folsom-Videos zaubert, ist übrigens Mario Diaz, der Sänger von „Dirty Sanchez“. Wie ich gerade lese, ist er auch mitverantwortlich dafür, dass nach der Aids-Krise wieder so eine Art Re-Sexualisierung in der New Yorker Clubszene strattfinden konnte (Suchstichwörter: „Amber On A Three Way Call“ / „Mario Diaz Club King“).

    Mir fiel beim Betrachten des Videos ein Klassiker ein, der der gleichen Grundidee folgt (Mann geht in Lederbar, Spannung baut sich auf, plötzlich wird getanzt), der aber wirklich Charme und einen sanften ironischen Humor zeigt. Und obwohl die Hauptdarsteller nicht in mein Beuteraster fallen, spüre ich da so etwas wie Erotik. Vielleicht, weil man hier richtige Menschen sieht, denen man Spaß am Leben (und am Filmdreh) zutraut, und nicht nur Burlesque-Darsteller_innen im Streben nach einer perfekten Bühnenfassade.

    • 2 RH August 19, 2015 um 3:40 pm

      Danke für den interessanten Hinweis auf die „Leistungskörper“ im Wechselspiel Tanz-Sex und natürlich für den wahrlichen „Klassiker“😉


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