Quo vadis, Baden-Württemberg? Das Ländle auf dem (Rück-)Weg zur Homo-Feindlichkeit?

Flagge_Ba-WueIn Freiburg hat, wie es scheint, die Polizei die Jagdsaison auf Schwule eröffnet ein Auge auf Schwule geworfen,* die am Baggersee cruisen. Offiziell will die Polizei nur die Einhaltung von „Nutzungsbeschränkungen am Baggersee“ kontrolliert haben. Möglicherweise hat jemand den Müll nicht korrekt entsorgt bzw. getrennt! Das ist in Schwaben und Baden die größte aller möglichen Sünden. Gleich danach kommt im Südwesten aber anscheinend immer noch die Homosexualität.

Die rot-grüne Regierung spricht zwar gern von gleichen Rechten – de facto aber unternimmt sie wenig, um Schwule, Lesben, Transgender konkret vor Denunziation und Diskriminierung zu schützen. Und wie in Freiburg zu sehen ist, kommt es nun auch unter einem Grünen-Bürgermeister zu Einschüchterungen. Ausgerechnet am CSD-Wochenende fiel es der Polizei ein, am Cruising-Treff zu kontrollieren? Deutlicher könnte die Symbolik nicht sein.

Passend dazu das symbolisch schöne Foto auf der Internetseite der Stadt Freiburg, wie OB Salomon dem Dalai Lama so herzlich die Hände schüttelt! Gelernt hat er bei der Begegnung wohl das schweigende Lächeln. Und so fehlt bislang jede Äußerung von ihm zum Vorgehen „seiner“ Polizei gegen Homosexuelle.

Der Fall Freiburg deutet an, was es heißt, wenn die repressiven siebziger und achtziger Jahre zurückkehren im Ländle. Auch damals hat die Polizei Homosexuelle nicht geschützt, sondern sehr aktiv die Einhaltung von Beschränkungen kontrolliert …

Homopolitisch ist die Landeshauptstadt Stuttgart fest im Griff der „Demo für alle“, der sogenannten Bildungsplangegner, die sich „natürlich“ nur um Kinder sorgen, aber dafür Homosexuelle zurück in die Unsichtbarkeit drängen wollen. Ganz im Sinne der russischen Strategie, die Schwule und Lesben aus der Öffentlichkeit drängt, um sie so unbemerkt verfolgen und jagen zu können. Die Landesregierung ist längst mit ihrem Bildungsplan, „Sexuelle Vielfalt“ im Schulunterricht zu thematisieren, zurückgerudert und hat ihn auf den St. Nimmerleinstag (vor allem aber nach den Landtagswahlen!) verschoben.

Klar macht Fritz Kuhn als OB Stuttgarts den Schirmherr des CSD – zugleich werden Bildungsplangegner hofiert, indem man ihnen das repräsentative Alte Schloss als Tagungsort zur Verfügung stellt. Soviel Meinungsvielfalt muss sein!

Mit Grünen-Politikern wie Tübingens OB Boris Palmer gibt es dagegen „Vordenker“, die nur allzu gern lästige Themen wie das Adoptionsrecht für Homosexuelle schon mal gedanklich entsorgen. Hinterher ist natürlich alles nicht so gemeint gewesen.

Bei der CDU macht sich derweil der katholische Spitzenkandidat Guido Wolf schon mal mit denunziatorischen Seitenhieben gegen Homosexuelle warm! „Wie homophob ist die Südwest-CDU“, fragte man im April in der „Männer“-Redaktion. Es ist schon jetzt klar, dass die CDU sich in der heißen Phase des Landtagswahlkampfes mit homofeindlichen Parolen gegen eine angeblich zu homofreundliche Rot-Grün-Regierung in Stellung bringen und die Ressentiments schüren wird.

Ich bin aufgewachsen in Stuttgart – und mit 25 Jahren vor dem Klima der Sozialkontrolle nach Berlin geflohen. Zuletzt hatte ich den Eindruck, dass sich Stuttgart und das Ländle gewandelt hätten, dass ein wenig südländische Gelassenheit die Oberhand gewinnt. Heutzutage sitzen die Menschen in Stuttgart im Schlosspark im Gras und trinken an warmen Sommerabenden ein Glas Rotwein! Zu meiner Zeit wäre man dafür von drei Parkwächtern gleichzeitig gejagt worden. Aber in diesen südländischen Charme mischt sich zunehmend (wieder) eine unangenehme Rigidität. Ein Land wie Baden-Württemberg kann Veränderungen nicht einfach zulassen. Es muss sie kontrollieren und – darin Bayern nicht unähnlich – in eine Fassade von heiler Welt stecken können! Die CDU setzt dabei auf altbekannte Parolen – und Rot-Grün ist froh, wenn sich die Wutbürger an Homosexuellen austoben und nicht länger am Stuttgarter Bahnhofsprojekt.

Viel Ärger müssen übrigens weder CDU noch Rot-Grün von den im Land verbliebenen Schwulen und Lesben fürchten. Man macht gern social net(t)working, was heißt: Man trifft sich gern im Hinterstübchen wahlweise auch mal öffentlich auf der Hocketse, schlotzt a Viertele mitanander ond schwätzt a bissle. Hauptsach, s’bleibt onder ons. Es ist kein Zufall, dass von Stuttgarts Szene – anders als etwa von München, Köln und/oder Berlin – Null Impulse für den Rest der Republik ausgehen.** Und über den Vorfall am Freiburger Badesee wird man sich auch anderswo (etwa als Diaspora-Schwabe im schwabenfeindlichen Berlin!) wahrscheinlich mehr ärgern als im Ländle selbst. Denn dort ist man ganz traditionell sexualitätenübergreifend froh, wenn alles schön sauber bleibt. Noch immer! / ©RH

**Nachtrag: Mit dem „veganen CSD“ hat immerhin Freiburg jenseits des Baggersees für eine Debatte über unsere homo- und transsexuellen Ernährungsgewohnheiten gesorgt!

* „Jagdsaison“ ist vielleicht doch ein bisschen arg viel Drama, darum die Korrektur! RH

5 Responses to “Quo vadis, Baden-Württemberg? Das Ländle auf dem (Rück-)Weg zur Homo-Feindlichkeit?”


  1. 1 Felix Juli 23, 2015 um 9:59 pm

    Als schwuler Aktuell-Stuttgarter muss ich sagen, dass dieses Bild ziemlich schwarz gezeichnet ist. Klar ist Stuttgart nicht Berlin aber Stuttgart ist auch nicht Moskau. Nichts kotzt mich mehr an, als wenn die besorgten Vollidioten durch die Stadt ziehen, es macht mich wütend und traurig. Trotzdem darf man eine mediatisierte grölende Minderheit nicht als repräsentativ für Baden-Württemberg sehen. Die Demos für alle brachten es auf maximal 4000 Teilnehmer. Allein beim Stuttgarter CSD letztes Jahr waren über 230 000 Teilnehmer und Besucher auf den Beinen. Manche Dinge muss man in Relation betrachten, auch wenn ich damit diese Demos weder klein noch gutreden möchte. Es ist ein gefährlicher Trend und dass die CDU meint auf diesen Wagen aufspringen zu müssen ist absolut verwerflich. Das lässt sich nicht schön reden. Aber ist das anderswo in Deutschland besser? Die Bundes CDU und die CSU sagen doch nichts anderes als die besorgen Irren (Stichwort: schlechtes Gefühl von Frau Merkel), nur mit schöneren Worten und diplomatischer (oder auch nicht).

    Dass sich in Baden-Württemberg derzeit unerfreuliches tut ist nicht zu leugnen aber es deshalb als Homo-Hasser Land, dem man als LGBT nur den Rücken kehren kann zu inszenieren halte ich für sehr pauschal.

    Ich lebe gerne hier! Ich bin offen geoutet, in der Szene (Die es tatsächlich gibt! Und die tatsächlich Spaß macht!) verwurzelt und habe in der Öffentlichkeit noch nie offene Diskriminierung oder homophone Gewalt erfahren (die es ja tatsächlich auch im gelobten Land Berlin geben soll).

    Vielleicht eignet sich ein Land mit merkwürdigen Bewohnern, das den meisten eh schon suspekt ist als Feindbild im sonst so toleranten Deutschland.

    Trotzdem möchte ich daran erinnern, dass wir hier nicht in Kellerlöchern hocken und die Inquisition fürchten müssen, denn diesen Eindruck bekomme ich häufig wenn ich lese wie so über BW berichtet wird.

    • 2 RH Juli 24, 2015 um 6:44 am

      Lieber Felix,
      danke für den ausführlichen Kommentar. In einem Punkt sei aber gesagt: Die Entgegenstellung Berlin toll, der Rest doof, war noch nie mein Ding – und du wirst sie weder in diesem Blog noch in einem meiner Bücher finden. Trotzdem darf man als Ex-Stuttgarter Enttäuschung drüber äußern, dass von Ba-Wü unter Grün-Rot wenig positive Signale ausgehen. Übrigens in vielerlei Hinsicht, nicht nur homopolitisch.
      Dass es sich in Stuttgart gut leben lässt, keine Frage (und wenn es schon manche Kneipe meiner alten Tage nicht mehr gibt, gibt es ja immer noch Kässpätzle und Maultaschen – kulinarisch steckt das Ländle Berlin ganz locker in die Tasche!)
      Ich wünsch dir einen schönen CSD am Samstag! (bekanntlich sind Samstage ja gute Tage zum Schwulsein!)
      Rainer

  2. 3 Kommentator Juli 24, 2015 um 10:20 am

    Kurze Anmerkung: grün-rot, nicht rot-grün

  3. 4 Bernd Gaiser Juli 25, 2015 um 7:00 am

    Wir lieben Dramen, lieber Rainer, die sind für uns das Salz in der Suppe! Und was das Ländle betrifft: Die Menschen und ihre Parteien sind dort, wie überall. Siehe Umfrage der Berliner CDU zur Ehe für alle. Auch nicht gerade ein Ruhmesblatt für die Möchtegern-Großstadtpartei auf ihrem langen, steinigen Weg.

    • 5 RH Juli 25, 2015 um 7:47 am

      Klar, bei der CDU in Stuttgart wäre so ein Ergebnis zur Ehe homo-feindlich, bei der CDU Berlin ist ihre armselige Umfrage Ausdruck einer großstädtischen Debattenkultur!!!


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