Jetzt aber richtig? Gedanken über den lauten Ruf nach Ehe-Öffnung zu einem Zeitpunkt, da wir es uns schon in der Hängematte bequem gemacht haben

Trautes-PaarIn Deutschland ist die Forderung nach Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben (unter dem misslichen Slogan „Ehe für alle“) zu einem zentralen innenpolitischen Thema avanciert. Den Anstoß gab aber nicht das Drängen deutscher Homosexueller, sondern ein Referendum in Irland. Um es vorneweg klarzustellen: Ja, die Ehe-Öffnung ist wichtig, richtig und sollte möglichst heute als morgen erfolgen. Gleichwohl scheint mir in der plötzlichen Hitzigkeit der Debatte innerhalb der deutschen Homosexuellen etwas zu fehlen, etwas wie eine Reflexion über die eigene Rolle am bisherigen Zustand. Die Fixierung auf die Ehe, die massive Verkürzung als Kampagnen-Thema scheint mir politisch naheliegend, aber verdrängt jede weitergehende gesellschaftliche Überlegung und jede Chance, ein Thema auf andere Optionen hin zu beleuchten …

1.
Die derzeitige Wut, der Frust über die teils mit elitären Naturrechtsfantasien begründete Verweigerung der CDU/CSU-Mehrheit, die Ehe für schwule wie lesbische PartnerInnen zu öffnen, kann nicht nur im Umstand liegen, dass uns hier nach wie vor die Gleichbehandlung versagt wird. Dazu leben wir schon zu lange in einem System, das uns zwar diskriminiert, in dem es sich aber „irgendwie“ auch gut leben lässt. Dazu ist die Lebenspartnerschaft doch schon zu sehr „ehe-ähnlich“ geworden, und sei es insofern, dass trotz der realen Benachteiligungen Partnerschaften gesellschaftlich bereits als Heirat wahrgenommen und auch so akzeptiert werden.
In der Heftigkeit steckt möglicherweise auch ein Stück Wut und auch Scham über die eigene Rolle, den eigenen Beitrag bzw. Nicht-Beitrag an den jetzigen Verhältnissen. Nur wird das momentan verdrängt, weil es sich nicht mit dem schönen Selbstbild des edlen Kämpfers verträgt. Ein Kämpfer, der doch wirklich so tut, als sei Ehe schon stets sein Ziel und die Ehe das Ziel der Homosexualität schlechthin gewesen. Dem ist nicht so!

2.
Vor der Verabschiedung des Gesetzes über die eingetragene Lebenspartnerschaft im Februar 2001 bzw. dessen Inkrafttreten im August desselben Jahres gab es nicht nur von Seiten der Politik wie der Mehrheitsgesellschaft (genauer: ihrer Medien) viel Widerstand. Es gab intern, innerhalb der Community (genauer: ihrer Medien sowie einer Vielzahl ihrer Gruppen) ausgiebige Debatten über Sinn und Unsinn der Ehe, über verschiedene Beziehungs- und Lebensmodelle, u.a. über den französischen PACS, eigentlich ein fortschrittlicher Ansatz, aber schon da hatten Deutschlands Homosexuelle keine Lust, für andere Beziehungsformen außer ihrer eigenen mitzudenken.
Das Lebenspartnerschaftsgesetz wurde gefeiert und akzeptiert, auch weil von der Politik / unseren politischen Vertretern signalisiert wurde, mehr sei nicht zu machen – durchaus klang aber an, dass die Lebenspartnerschaft mit ihren Mängeln – volle Pflichten wie in einer Ehe, aber weniger Rechte – nach und nach verbessert werden könnte, auch und gerade auf dem Klageweg und mit Hilfe der Gerichte. Gegner hatten schon angeführt, dass die Lebenspartnerschaft, würde sie erlaubt, das Einfallstor zur Ehe von Homosexuellen werden könnte. Die Einführung der Lebenspartnerschaft markierte aber zunächst den Schlussstrich unter jegliche Diskussion über andere Modelle von Beziehung und welche Rolle der Staat dabei spielen sollte.

3.
Bezeichnenderweise waren beim „Nachbessern“ fast ausschließlich die finanziellen Aspekte, vor allem das Steuerrecht, wichtig. So wahr wie das Argument, dass es nicht einzusehen ist, warum homosexuelle PartnerInnen für ihr Füreinandereinstehen schlechter gestellt werden sollen – etwa bei der Steuer, Stichwort: Ehegattensplitting -, so wahr ist eben auch: Den Homos ging es wie den Heteros vorrangig ums Geld. Der soziale und politische Terz, den man vorher gemacht hatte, war vergessen. Jetzt beherrschten Steuer-Kleinklein und eine die homosexuelle Mehrheit nie wirklich begeisternde Kampagne zur Aufnahme des Merkmals „sexuelle Identität“ in den Artikel 3 des Grundgesetzes die Agenda. Von einer Ehe-Öffnung – das Wort war überhaupt nicht im allgemeinen Sprachschatz angekommen! – war jahrelang keine Rede. Und auch nicht von der Tatsache, dass Deutschlands Schwule und Lesben einfach keinen Mumm hatten, schon 2000/2001 zu sagen: Entweder Ehe oder gar nix! Das Risiko fürs „Gar nix“ war ziemlich hoch! So gesehen ist das lautstarke Fordern heute einer recht komfortablen Position geschuldet. Damals aber siegte, nennen wir es mal, „taktischer Pragmatismus“. Zugleich verlängerte sich die wenig schmeichelnde Rolle des Homosexuellen als ewiger Bittsteller um noch ein bisschen mehr Recht. Das mag politisch sinnvoll gewesen sein, emotional und psychologisch erzwang es das sich Fügen unter ein mangelhaftes Konstrukt, das Eingeständnis, mehr nicht zu bekommen, und die Kränkung, wie schon seit Jahrzehnten weiterhin mit einer Beweispflicht belegt zu sein, dass Homosexuelle gut und artig sein können.

4.
Es ist bezeichnend für Deutschland, dass es erst des Referendums in Irland und der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes in den USA bedurfte, um die eigentlich nur noch rhetorisch mitgeschleppte Idee einer „echten“ Ehe zu befeuern. Natürlich haben einige Verbände hierzulande die letzten Jahre stets die volle Gleichstellung als Ziel betont, de facto aber hatte sich doch schon eine Haltung „Ach, das kriegen wir aber durchs Bundesverfassungsgericht“ durchgesetzt. Und Aufreger-Thema in Kneipen, Lokalmagazinen und den spärlichen Resten, die uns als „Diskussionsorten“ geblieben sind, war es definitiv nicht. Da mussten erst wieder andere zeigen, wie es geht – und Erfolg haben. Ohne den (in anderen Ländern), würde Schwuler, Lesbe sich in Deutschland gar nicht bewegen lassen.
Ein letztlich kleiner, aber leider an den Schalthebeln der Macht sitzender Teil verhindert in Deutschland die völlige Gleichstellung von Lebenspartnerschaft und Ehe. Völlig zurecht wird jetzt laut und massiv die Ehe-Öffnung gefordert. Von vielen homosexuellen Medien, Gruppen und Internet-Kampagnen und mit ziemlich klarer Unterstützung einer erstaunlich großen Zahl von Heterosexuellen!
Aber zur Redlichkeit gehört: In der Empörung über die Verweigerung der Ehe (und des darin liegenden Symbols der Gleichstellung) soll auch verheimlicht werden, dass die Homosexuellen selbst all die Zeit zuvor den Arsch nicht hochgekriegt haben. Die Klage, Deutschland hinke angesichts zahlreicher Länder, die die Ehe für Schwule und Lesben öffnen, hinterher, trifft halt auch auf die große Mehrheit der Homosexuellen selbst zu. Wir (ja, wir!!) haben es in 14 Jahren politisch nicht geschafft, aus der Lebenspartnerschaft eine Ehe zu machen – und wir wollten es auch gar nicht so dringend.
Nichts spricht dagegen, trotzdem nun das Moment Irland / USA zu nutzen und für eine Mobilisierung und neuen Schwung zu sorgen. Aber so zu tun, als könne man keinen Tag länger mit dem Provisorium Lebenspartnerschaft leben, ist auch ein bisschen verlogen!
Kühn gedacht: Die jetzt so heftige Forderung nach sofortiger Ehe-Öffnung mit ihren schroffen Tönen ist vielleicht nicht nur dem Widerstand gegen den anhaltenden Widerstand der Gegner geschuldet, sondern ist auch ein Versuch, ein Stück Selbstachtung wiederzugewinnen. Kühn gedacht!

5.
Ein weiterer, eigentlich gesondert zu behandelnder Punkt wäre das Adoptionsrecht, das quasi mit der Ehe gegeben sein soll. Es ist kein Zufall, dass das Bauchgrummeln der Kanzlerin hier ansetzt. Mit der edlen wie biedermeierlichen Forderung nach Ehe und dem Idyll lebenslanger Treue soll auf schon fast verzweifelte Art ein Bauchgefühl besänftigt werden, dass vermutet, homosexuelle Eltern schadeten den Kindern, weil sie sie mit einem negativen Image belasteten. Homo-Paare sind halt doch nicht normal und müssen darum von Kindern ferngehalten werden, besagt das Bauchgefühl. (Und natürlich schwingt da auch auf ziemlich miese Weise das Kinderschänder-Argument mit.)
Die Wahrheit aber ist: Sowenig die Heteros Homos gebraucht haben, um auf Analverkehr, Seitensprung, Ehe zu dritt und Sex mit Kindern zu kommen, sowenig sind Heteros verlässliche Beweise dafür, dass das eigene Ego zugunsten des Kindeswohl aufgegeben würde. Bis heute lassen es sich Homosexuelle gefallen, von Heterosexuellen deren eigenen Ängste, Lebenslügen, Unzulänglichkeiten als negative Stereotype angeheftet zu kriegen.
Die Strategie ist seltsamerweise aber nicht, diese ins Lager der Gegner zurückzugeben, sondern stattdessen sich so eng wie möglich an das wohlfeile Selbstbild anderer anzuschmiegen. Das homosexuelle Selbstbild ist, so fürsorglich und so treu und so artig und so rechtschaffen und so selbstlos wie die Heteros zu sein. Genauer: so, wie die Heteros es gerne wären.
Ein ganz kärgliches Argument der Gegner der Ehe-Öffnung lautet, unter homosexuellen Paaren sei die Scheidungsrate höher, weil wir eben nicht so treu seien wie eine um das Kind besorgte Mann-Frau-Ehe. Ganz abgesehen davon, dass es faktisch, statistisch nicht stimmt: Die Ehe für Schwule und Lesben müsste eingeführt werden, selbst wenn die Scheidungsrate höher wäre!

6.
Das Thema Ehe-Öffnung wird leider andere Themen nicht obsolet machen: Aufklärung an Schulen und in allen (!) gesellschaftlichen Gruppen, Kampf gegen Homophobie (auch und gerade in Verbindung mit Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Rassismus), Schutz gegen Übergriffe, Solidarität mit LGBT in anderen Ländern, Themen innerhalb der LGBT-Welt wie Armut, Alter, Situation von schwulen, lesbischen, transgender Flüchtlingen.
Verdrängt, vielleicht auch nur schöngeredet, wird in der Ehe-Debatte massiv die soziale Atomisierung der Gesellschaft. Mit der Ehe wird ausgerechnet auf ein Modell gesetzt, das bislang die Erosion dauerhafter sozialer Bindungen unter dem Ansturm postindustrieller, globaler Ökonomisierung gerade nicht aufhalten konnte! Die Ehe von Homosexuellen wird von homosexuellen Medien und Gruppen fast ausschließlich „egoistisch“, als persönliches Glücksmoment verhandelt – und vereinzelt als Wiederbelebung konservativer Werte gepriesen. Aber wieso sollte eine Homo-Ehe an sich leisten können was die Hetero-Ehe an sich nicht vermag? Nicht einmal ansatzweise oder mit derselben Energie wird das soziale Netz der Community thematisiert und gefördert. Stattdessen wird gerade „Community“ gegeißelt und systematisch von „Meinungsführern“ – rechts wie links – zerstört.

7.
Die Vehemenz und Ungeduld der Forderung nach sofortiger Ehe-Öffnung steht in eigenartigem Kontrast zur simplen, aber nicht gern ausgesprochenen Tatsache, dass Homosexuelle noch sehr, sehr lange anders sein werden und dies noch sehr, sehr lange zu spüren bekommen werden. Weder wird Homosexualität jemals „the new normal“ werden noch wird Homosexualität jemals anders sein können als anders! Um im Anderssein „normal“ zu werden, müsste nicht nur Heterosexualität als Norm setzendes Merkmal sich „auflösen“, Homosexualität müsste dann auch aufhören, sich an der Heterosexualität zu orientieren. Wahrscheinlich ein Ding der Unmöglichkeit und insofern auch ein Grund der permanenten Kränkung, die homosexuelles Leben – individuell wie kollektiv – prägt. Das spricht dafür, pragmatisch sich der vorhandenen Gesellschaft zu verschreiben – einer Gesellschaft, in der man angenehmerweise nicht so viel darüber nachdenken muss. Also auf in den Kampf!

© Rainer Hörmann

2 Responses to “Jetzt aber richtig? Gedanken über den lauten Ruf nach Ehe-Öffnung zu einem Zeitpunkt, da wir es uns schon in der Hängematte bequem gemacht haben”


  1. 1 Bernd Gaiser Juli 3, 2015 um 9:22 am

    Wer könnte sich diesem Aufruf verweigern. Ich schließe mich ihm gerne an. Im Wissen darum, dass die politisch motivierte Forderung in der Praxis immer noch nur eine mäßige Resonanz findet. Weil die Bedingungen dafür nach wie vor immer noch alles andere als ideal sind. Mit Ausnahme derjenigen, die sich nicht davon beeinträchtigen lassen.

  2. 2 fink Juli 3, 2015 um 12:29 pm

    Eine kluge Analyse, Rainer. Ich bin da ganz bei dir.

    Insbesondere die von dir angesprochene schwule Sehnsucht nach einem „Artigkeits-Zertifikat“ und die Verdrängung der Diskussionen über weitere Beziehungesmodelle durch die „Ehe für alle!“-Doktrin habe ich auch schon schmerzlich konstatiert. Für mich ging die extreme Betonung der Ehe-Diskussion in den letzten zwei Jahrzehnten (!) durchaus mit einer Verarmung der politischen Diskussionslandschaft einher. Vor allem hat sich die Strategie von einem stolzen Anderssein zu einer betonten Differenzauslöschung verschoben.

    Du sprichst am Ende von einer permanenten Kränkung homosexuellen Lebens, und das ist für mich der Punkt, in dem ich die Dringlichkeit der Eheöffnungsforderung dann doch nachvollziehen kann. Für mich ginge es bei der Eheöffnung nicht zuletzt um ein Zeichen der Gesellschaft, dass homosexuelle Beziehungen ohne Halbherzigkeiten und ohne Herumgedruckse wirklich als gleichwertig anerkannt würden. Es ginge zum ersten Mal nicht um hingeworfene Brosamen, sondern, pathetisch gesagt, um ein ernstgemeintes „Ja“ zu unserem Leben.

    Für mich war es in den letzten Tagen zum ersten Mal vorstellbar, dass das passieren könnte (auch wenn ich inzwischen wieder desillusioniert bin). Diese Generation könnte die erste in Deutschland sein, die ohne ausdrückliche staatliche Diskriminierung schwuler und lesbischer Beziehungen leben würde. Die erste, bei der die Kränkung zumindest von staatlicher Seite endlich beendet wäre. Das ist nicht wenig, und es beinhaltet symbolisch sehr viel mehr als die Gewährung konkreter Privilegien für die betreffenden Paare. Bei aller Skepsis gegenüber dem Ehe-Monotheismus kann ich deshalb verstehen, weshalb der Wunsch nach dieser gesellschaftlichen Entscheidung wirklich dringend ist.

    (Mehr zum Thema: https://derzaunfink.wordpress.com/2015/06/22/das-paarprivilegien-projekt-fast-wie-richtige-menschen/)


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