Im Spiegel der Homos

Wenn man die Talkshow von Sandra Maischberger zum Thema „Mann, Frau, egal“ verfolgt hat, sah man sich hinterher einmal mehr in der Vermutung bestätigt, dass „die“ Heterosexuellen nicht mehr in der Lage noch willens sind, über ihre eigenen Themen zu debattieren. Was immer eine Problemlage darstellt – sei es die anstehende Frühjahrspflanzung im Garten oder die Frage, wie man es mit den indischen Leihmüttern hält -, Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle müssen als Projektionsfläche herhalten. Dabei kommt ihnen nicht nur die „klassische“ Rolle der Sündenböcke zu, an denen man ein Exempel statuieren kann, sondern sie dienen auch zunehmend als Normierungsinstrument für die heterosexuelle Welt.

Sicher kein Zufall, dass am Wochenende vor der Maischberger-Sendung die F.A.Z. mit einem Artikel zum Thema Leihmutterschaft für homosexuelle Paare zur Stelle war. Halbwegs informativ, holt die Autorin Martina Lenzen-Schulte am Schluss gegen das schwule Klientel aus: „Einer Gruppe aber, die selbst unter Entrechtung zu leiden hat, stünde es wohl gut an, genau zu überlegen, wie weit sie gehen will für ein Kind.“

Das stünde freilich auch einer Gruppe von weniger Entrechteten gut an, möchte man hinzufügen. Die perfide Taktik der Autorin besteht darin, von Homosexuellen das zu fordern, was Heterosexuellen anscheinend erlassen bleiben soll: Rechtfertigung und Reflexion des Handelns.

Auch die Talkshow Maischbergers (siehe Kritik queer.de) bediente sich des Kniffs, das Thema Leihmutterschaft in einem explizit homosexuellen Kontext darzustellen. So konnte der Vertreter der AfD dem schwulen Papa aufs Brot schmieren, man müsse ja auch mal an die Kinder denken. Der konterte geschickt mit der Frage, ob sein Kind denn weniger wert sei.

Maischberger unterließ es nicht, auf die italienischen Modemacher Dolce & Gabbana hinzuweisen, die unlängst das Loblied auf die Mann-Frau-Kind-Familie angestimmt und Kinder aus Leihmutterschaften als „synthetisch“ bezeichnet hatten. Für nicht erwähnenswert hielt Maischberger die Nachricht von den heterosexuellen Eltern, die im Sommer 2014 das „bestellte“ Baby von der thailändischen Leihmutter nicht wollten, weil es behindert war. Auch nicht die „Dresdner Rede“ von Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, in der sie sich in einen Furor gegen „halbgare“ Kinder hineinsteigerte, gewürzt mit direkter Homosexuellenfeindlichkeit: Nehmen Frau-Mann „medizinische Unterstützung“ beim Kinderkriegen in Anspruch, ist das für Lewitscharoff zwar „fragwürdig“, lässt sich aber, laut der Schriftstellerin, „vielleicht noch halbwegs verstehen“. „Grotesk“ wird es aber für sie in Fällen, „in denen sich lesbische Paare ein Kind besorgen, indem entweder ebenfalls ein anonymer Spender oder ein naher Verwandter der Freundin der künftigen Mutter herangezogen wird, um sein Sperma abzuliefern“.

Also: Heteros böse, Homos noch ein bisschen böser. Auch in der Talkshow sah sich der schwule Vater mit dem Vorwurf konfrontiert, dass seine Inanspruchnahme der Leihmutterschaft irgendwie schlimmer ist als wenn es Heteros tun – und sollte sich jetzt mal exemplarisch rechtfertigen.

Die Doppelstrategie ist, einerseits das Ressentiment gegen Homosexuelle als letztlich doch verantwortungslos zu schüren, andererseits die Rolle von Heterosexuellen zu vertuschen bzw. das Verhalten der Heterosexuellen als weniger erklärungsbedürftig zu rechtfertigen.

Gerade was Leihmutterschaft bzw. Fortpflanzungsmedizin angeht, scheint es derzeit so, als ob diese Industrie der Homosexuellen zuliebe erfunden worden wäre. Dem ist nicht so. Das haben Heteros schon vor Jahrzehnten selbst getan. Sie ist eine direkte Folge nicht der Angst vorm Aussterben der Menschheit, sondern der rigiden Norm zum Kinderkriegen.

Homosexuellen kommt paradoxerweise nicht nur die Sündenbock- und Entlastungsfunktion zu – sie werden mittlerweile selbst Teil im Spiel der Normierung. Indem Homosexuelle zu Vorzeigefamilien, zu Vorzeigeeltern werden, erhöhen sie den Druck und werden, gewollt oder ungewollt, zu Akteuren eines neuen Zwangs zur Familie bzw. zur Zeugung von Kindern. Krude Ansichten von Blutbanden haben da ebenso ihren Platz wie Vorstellung von Nation als archaische Stammesgemeinschaft. Auch die exzellente Replik des schwulen Vaters auf den AfD-Politiker in Maischbergers Talkrunde musste sich (und sei es rhetorisch) folgender Erklärung bedienen: „Ich bin genauso zuständig für das Fortbestehen unseres Staates wie eine andere traditionelle Familie auch.“

Über all das wäre im homosexuellen Zusammenhang spannend zu diskutieren. Doch in den Feuilletons und Talkshows, die sich an eine nach wie vor völlig unbedrohte und völlig unangefochtene heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft wenden, wird die Fokussierung etwa auf Ausbeutung von Leihmüttern durch Schwule, zur Stellvertreter- und Alibi-Debatte. „Die“ Mehrheitsgesellschaft will gar nicht über sich selbst und ihr Verhalten debattieren. Sie will Probleme im schwulen Gewand vorgeführt bekommen, damit sie sich je nach Lust und Laune ereifern, distanzieren oder normieren lassen kann. So kann sie sich selbst einerseits mit ihren Problemlagen (oder auch Wünschen) wiedererkennen, andererseits aber auch in bestehenden Illusionen von Familie, Ökonomie und vermeintlich natürlichen Privilegien verharren. / ©RH

4 Responses to “Im Spiegel der Homos”


  1. 1 robertniedermeier April 16, 2015 um 1:10 pm

    Mal nicht allein den rechtsreaktionären Heteros die Schuld zuweisen, rechtsreaktionäre Homophile sind auch scheiße. Siehe neuesten Beitrag von D.B. auf T.E.

  2. 3 Inge Meier April 18, 2015 um 7:06 am

    Wirklich SEHR guter und sehr gut wort gewürzter Artikel! (-:

  3. 4 Ralf April 18, 2015 um 10:45 am

    D.B. spielt doch eh in einer eigenen Liga und außer Konkurrenz. Für mich genügt voll und ganz, dass er jahrzehntelang im katholischen Räderwerk Karriere machte und die ganze Heuchelei der dortigen homophilen Homophobie beförderte. Soll er jetzt auch die Klappe halten.

    Aber direkt zum Thema: Immerhin gibt es ja gerade eine Debatte über die 65jährige, die jetzt „künstlich“ schwanger ist. In der hiesigen Tageszeitung steht dazu heute z.B. ein sehr kritischer Kommentar der Redaktion. Langsam müssen sich auch Heten die berüchtigte Frage stellen lassen, ob nicht ihr Kinderwunsch mehr mit Selbstverwirklichung zu tun hat als mit echter Liebe zum Nachwuchs.


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