Die Forderung, mitmauscheln zu dürfen – Erhalten Schwule und Lesben einen Sitz im ZDF-Fernsehrat?

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) wirft seine Kampagnen-Maschine an, um für einen Sitz für LSBTI im ZDF-Fernsehrat zu streiten. Viel lieber hätte man alles unter der Hand ausgemauschelt. Sah auch gut aus – bis jetzt.

Aufgrund eines Urteils des Bundesverfassungsgerichtes vom März 2014 muss der ZDF-Staatsvertrag neu geregelt werden. Um dem Gebot der Staatsferne zu genügen, dürfe der Anteil staatlicher Vertreter in den Gremien der öffentlich-rechtlichen Anstalt ein Drittel nicht übersteigen. Also weniger Politiker, mehr Repräsentation gesellschaftlicher Gruppen. In der geplanten Neuregelung – die diese Woche beraten, im Sommer beschlossen werden soll – sehen Bund und Länder statt der bisherigen 77 Mitglieder im ZDF-Fernsehrat nur noch 60 vor. Der Fernsehrat bestimmt u.a. Richtlinien für das Programm und wählt, die wahrscheinlich wichtigste „Macht“, den Intendanten des Senders. Der LSVD protestiert nun dagegen, dass die gesellschaftliche Gruppe der Schwulen, Lesben, Transgender keinen Sitz erhalten soll.

Der Forderung nach einem Sitz geht eine Enttäuschung voraus: Denn in den Eckpunkten zum ZDF-Staatsvertrag vom Oktober 2014 war eine Beteiligung von LGBT noch vorgesehen. In einer Stellungnahme vom LSVD vom 18.2. diesen Jahres heißt es:

„In uns vorliegenden Eckpunkten zum ZDF-Staatsvertrag der ‚politischen AG‘ der Länder vom 07. Oktober 2014 waren LSBTI noch berücksichtigt. Im Arbeitspapier der ‚politischen AG‘ zur Zusammensetzung des Fernsehrat des ZDF vom gleichen Datum ist der Bereich ‚LSBTTIQ (homosexuell – bisexuell – transsexuell – transgender – intersexuell und queer)‘ noch ausdrücklich unter den ’16 Lebensbereichen‘ aufgeführt, von denen es in der Vorlage hieß: ‚Diese sollen im Staatsvertrag verankert und den einzelnen Ländern zugewiesen werden. Die Zuordnung im Einzelnen ist noch offen.'“

Mit Protestbriefen soll der gemeine Schwule und die gemeine Lesbe nun seinen Unmut äußern und Druck auf die Verantwortlichen ausgeübt werden. (Weiteres dazu, inklusive eines Muster-Protestbriefes, findet man auf der Internetseite vom LSVD.)

Plötzlich wird etwas öffentlich diskutiert, das bislang niemandem auch nur eine Zeile wert gewesen ist. Man hatte aufs geräuschlose Durchwinken gehofft. Jetzt, wo die Staatsvertreter doch keine Homo-Vertreter haben wollen, ruft man nach Öffentlichkeit, die man vorher gar nicht haben wollte.

Es ist naheliegend, dass der LSVD davon ausgeht, dass er der Verband ist, der einen Vertreter bzw. eine Vertreterin für den Fernsehrat bestimmt / bestimmt hätte- auch wenn das so genau nicht gesagt wird. Ausgezeichnet durch jahrzehntelangen Einsatz für die Rechte von Schwulen, zunehmend auch Lesben, ab und an auch für die Rechte von Transgender, ist das ja auch nicht verkehrt. Man könnte auch fragen: Wer sollte es denn sonst machen?

Womit man bei der grundlegenden Frage von Vertretung, Repräsentation innerhalb der „Community“ wäre. Also jener Frage, die zu stellen, einem in unserer demokratischen Gesellschaft noch immer den Ruf als Störenfried, Nestbeschmutzer und – bestenfalls – altlinker Schwachkopf, der die Zeichen der Zeit nicht blickt, einbringt.

So richtig die Forderung, nach einer Vertretung von Schwulen und Lesben und Transgender im Fernsehrat vom ZDF ist, so ärgerlich ist, dass die nun gestartete Kampagne nur dem Umstand geschuldet ist, dass es nicht so läuft, wie manche, die sich als Vertretung fühlen, es gern gehabt hätte: Nämlich unter der Hand, still, ohne weitere Beteiligung irgendeiner wie auch immer gearteten „Community“.

Die Debatte blendet – wie nicht unüblich – aus:

  • Welche Gruppe, welcher Verband soll warum die Vertretung von LGBT in Deutschland übernehmen?
  • Welche Person übernimmt das Amt / die Funktion / den Sitz?
  • Was sind inhaltliche Schwerpunkt, Ziele und Ansichten der entsandten Vertreterin, des Vertreters (wenn man, im Fall des ZDF-Fernsehrates, denn jemanden entsenden könnte)?
  • Wie wird „die“ Community, die man vertritt / vertreten will, in die Entscheidungen eingebunden?

Solche Fragen werden im System der, nett gesagt, stillschweigenden Repräsentation nicht mehr öffentlich – nicht in Zusammenhängen der LGBT-Community, nicht in den Zusammenhängen der Verbands-/Gruppenvertretungen im Allgemeinen. Hetero und Homo nimmt sich hier nichts, wenn es darum geht, sich innerhalb eines Systems zu verankern – und die Stimme für eine Gruppe zu übernehmen, ohne dass die Gruppe jemals dazu gefragt würde.

Es gehört zu den Paradoxien der aktuellen, selbstbewussten LGBT-Community, dass sie funktioniert, ohne eine zu sein bzw. sein zu müssen. Die Frage nach Vertretung, sowohl innerhalb als auch außerhalb, solch einer „fragil-temporären“ (wenn überhaupt) Community, behält ihre Relevanz. / ©RH


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