Vom Eise befreit – Michael Cunninghams Roman „Die Schneekönigin“

Deutschland steht vor seinem ersten frühlingshaften Wochenende – dazu liest sich der Titel des neuen Romans von Pulitzer-Preisträger Michael Cunningham wenig einladend: „Die Schneekönigin“. Wer sich dadurch vom Lesen abhalten lässt, verpasst aber eine wunderschöne Erzählung über Liebe und die Versuche, der immer währenden Gefahr ihrer Erstarrung zu entgehen …

Buchcover_Cunningham-Schneekoenigin

Buchcover

Liebe ist bekanntlich eine Himmelsmacht – und so muss es nicht verwundern, dass ein Lichtphänomen am Abendhimmel von New York den Auftakt zu Michael Cunninghams Roman „Die Schneekönigin“ bildet. Nicht mehr als ein diffuser Lichtfleck, den nur Barrett Meeks, der gerade von seinem Liebhaber per SMS eiskalt abserviert wurde, wahrnimmt und der den schwulen Enddreißiger den gesamten Roman hindurch rätseln lässt, ob die Erscheinung nichts als Einbildung oder doch eine bedeutungsvolle Botschaft war. Man nimmt nichts vorweg, wenn man verrät, dass Barrett am Ende keine Antwort, aber vielleicht dennoch den Mann fürs Leben gefunden haben wird.

Zusammen mit seinem fünf Jahre älteren Bruder Tyler und dessen Freundin Beth lebt Barrett im abgehängten Stadtteil Bushwick, in einer etwas schäbigen, aber bezahlbaren Wohnung. Die Brüder hängen beide ihren Lebensträumen nach: Barrett, der Kunstliebhaber und Literat, Tyler, der Musiker – beide wirtschaftlich prekär. Beide kümmern sich um die an Krebs erkrankte Beth. Als diese plötzlich wieder zu gesunden scheint, scheint dies auch die Erstarrungen der anderen zu lösen.

Soweit das erste Drittel des Romans, der danach erst seine zahlreichen Bezüge, Themen und Anspielungen entfaltet. Natürlich kommt wenig so, wie erhofft. Cunningham erzählt in ruhiger, reflektierter Sprache. So unaufgeregt, dass man fast gar nicht merkt, dass „Die Schneekönigin“ nicht nur gelegentlich auf das Märchen von Andersen anspielt, sondern auch auf das Verhältnis von Kreativität und Drogen. „Schnee“ ist eben auch eine Bezeichnung für Kokain, eine Droge, die mit eiskalter Chemie Lebendigkeit verspricht – ausgerechnet Tyler verfällt ihr. Er ist stets auf der Suche nach dem genialen Song und stets ein Schwarzmaler, was die politische und gesellschaftliche Zukunft angeht.

Cunningham siedelt seine Geschichten im zeitlichen Umfeld der zweiten Amtszeit des konservativen Präsidenten George Bush und kurz vor der Wahl von Barack Obama an, der seinen Wahlkampf mit der Formel „Change“ – „Wandel“ führte. In den eingestreuten Verweisen auf politische Vorgänge in den USA, auf den wirtschaftlichen Niedergang, spiegelt sich ebenfalls das Motiv von Erstarrung und Hoffnung auf Veränderung.

Gegenüber Tyler gerät Barretts Geschichte im gesamten Roman etwas in den Hintergrund. Der kreativen „Krise“ (nebst Drogenabhängigkeit) seines Bruders steht dessen spirituelle Suche nach Lebenssinn gegenüber. Sein Grübeln über die Lichterscheinung entspringt nicht zuletzt dem dringenden Gefühl – vor allem, wenn sich gerade eine Beziehung per SMS getrennt hat -, „in der Welt nicht ganz unbegleitet zu sein“. Doch gerät dies, wie Maria Russo in ihrer Buchkritik für die „New York Times“ zurecht anmerkt, eher statisch. Barrett mag der sympathischere Charakter sein, eindringlicher wird aber, zumal gegen Ende des Romans, Tyler geschildert.

Gleichwohl bildet die Liebe der Brüder zueinander ein wesentliches Moment der Erzählung – und erhält weit mehr Raum als etwa die Liebe von Tyler und Beth. Sie seien, heißt es an einer Stelle über Barrett und Tyler, sich einig geworden, „sich in der Öffentlichkeit wie gewöhnliche Brüder aufzuführen und ihre keusche, brennende Liebe für sich zu behalten wie eine Sekte mit zwei Mitgliedern, die als ganz normale Bürger durchgehen und warten, bis ihr Tag gekommen ist“.

Nach dem 1998 erschienenen Roman „Die Stunden“, der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und erfolgreich verfilmt wurde, ist „Die Schneekönigin“ vielleicht Cunninghams bestes Buch, weil er vom bemüht wirkenden Kreativlabor-Stil, der manche seiner letzten Veröffentlichungen mitunter gefällig, aber belanglos wirken ließ, wieder zu einer ernsthaften, gleichwohl ausbalancierten Dichte und erzählerischen Leichtigkeit findet.

„Die Schneekönigin“ schildert mit großer Empathie die Versuche von Menschen, dem Leben einen Sinn, einen Song, eine Liebe abzuringen. Man könnte den Roman auch als Versuch Michael Cunninghams sehen, sich aus eigener Erstarrung zu lösen und dem Leben einen Roman abzugewinnen. Ein durchaus gelungener und zum Lesen wärmstens empfohlener Versuch. / ©RH

Buchinfos: Michael Cunningham – Die Schneekönigin. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eva Bonné,  Luchterhand Verlag 2015, 288 Seiten, Preis: 21,99 €, ISBN: 978-3-630-87458-6

2 Responses to “Vom Eise befreit – Michael Cunninghams Roman „Die Schneekönigin“”


  1. 1 Bernd Gaiser März 7, 2015 um 1:15 pm

    Angesichts der Flut von Neuerscheinungen ist es oft schwer, die richtige Auswahl zu treffen. Das war vor einigen Jahrzehnten noch anders, als die Anzahl veröffentlichter queerer Literatur – von und über Lesben und Schwule – noch rar war. Darum bin ich jedem dankbar, bei dem ich das Gefühl habe, mir als Wegweiser durch den Dschungel und das Dickicht sich überschlagender Veröffentlichungen zu dienen. Vor allem, wenn es derart kompetent geschieht, wie in diesem Fall!


Comments are currently closed.



Das Buch zum Blog

Archiv

Kreuz-und-queer-Blog