Keine Zeile wert – Wieso interessiert der Anschlag auf die Meinungsfreiheit in Paris die schwulen Medien nicht?

In Paris haben fanatische Attentäter eine vergessen geglaubte Todesdrohung wahrgemacht und bei einem brutalen Überfall auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ zwölf Menschen ermordet, darunter der Herausgeber Stephane Charbonnier und vier für das Magazin arbeitende Zeichner. Es liegt nahe, dass das Verbrechen im Zusammenhang mit den Mohammed-Karrikaturen des Magazins steht – derzeit sind aber weder die Täter gefasst noch die Hintergründe geklärt.

Auch „queer.de“ hat einmal über das Magazin berichtet, nämlich im November 2011, als das Cover einem Cartoon zeigt, „in dem ein Mann in traditioneller muslimischer Kleidung einen Redakteur mit ‚Charlie Hebdo‘-Hemd einen nassen Schmatzer geben. Darüber steht in großen Lettern: ‚Liebe ist stärker als Hass'“.

amour

Im Artikel werden auch die diversen Drohungen gegen die Redaktion, auch der Vorwurf der Islamophobie erwähnt. Und der Hintergrund des Cartoons:

„Die Idee für die Titelseite geht auf einen Vorfall vom Sonntag zurück: Damals schleuderten mehrere Menschen dem Herausgeber des Magazins vor einem Pariser Hotel homophobe Beleidigungen entgegen. Stephane Charbonnier küsste daraufhin als Reaktion öffentlich einen Mann.“

Beim heutigen Attentat kam auch Stephane Charbonnier ums Leben. Ebenso vier der für das Magazin arbeitenden Karrikaturisten und sieben weitere Menschen.

Ihr Tod ist „queer.de“ keine einzige Zeile wert. (Weder auf ihrer Internetseite noch auf Facebook oder Twitter. Und – soweit ich das übersehen kann, auch keinem anderen schwulen oder queeren Online-Magazin) Das ist bedauerlich, weil „queer.de“ das einzig relevante und verbliebene bundesweite Nachrichtenmagazin ist. Eine Meldung wäre wichtig gewesen, nicht, weil man anderes als alle nationalen Medien über den Anschlag hätte erzählen können, eine Meldung wäre als Zeichen wichtig gewesen.

Um jetzt nicht zu überziehen: Natürlich ist es immer so, dass, wenn man sich von einem aktuellen Ereignis betroffen fühlt, man sich fragt, warum es andere völlig unberührt lässt. Und scheinbar fand die Redaktion die Sache nicht so wichtig oder bedeutend oder menschlich, politisch schockierend wie ich. Das ist dann halt so – und trotzdem finde ich das Schweigen falsch.

In den sozialen Netzwerken wird der Cartoon des Kusses mit seiner Botschaft, dass Liebe stärker ist als der Hass, derzeit weltweit verbreitet. Wenigstens dort weiß man noch um die Wichtigkeit von Solidarität angesichts einer Tragödie.

Immerhin die Macher von „Enough is Enough“ bezogen – neben vielen Einzelpersonen – via Facebook Position – innerhalb einer Antwort auf Kritik, dass „Enough is Enough“ eine Teilnahme von Schwulen und Lesben an einer Kundgebung der türkischen Gemeinde gegen den Berliner Ableger von Pegida organisiert hatte:

„Wir werden immer Farbe bekennen und für eine offene, plurale, gleichberechtigte Gesellschaft der Akzeptanz ohne Vorurteile. Und wir bleiben auch bei unserer Überzeugung, selbst dann, wenn vereinzelte kriminelle Extremisten und Fanatisten weltweit Schrecken und Terror verbreiten. Unsere Gedanken sind gerade jetzt bei den Familien der Opfer des Terroranschlags in Paris!“

© Rainer Hörmann

Nachtrag: Michael Zgonjanin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die „Box“ via Facebook zu einer Veranstaltung in Köln aufgerufen hatte!

 

3 Responses to “Keine Zeile wert – Wieso interessiert der Anschlag auf die Meinungsfreiheit in Paris die schwulen Medien nicht?”


  1. 1 knipserei Januar 7, 2015 um 8:33 pm

    Man könnte böse sein und behaupten: Wir Schwule interessieren uns dann für Politik, wenn es um unsere Rechte geht. Bei den Rechten für andere wird es manchmal schon erschreckend dünn. Aber, um polemisch zu werden, es war ja auf dem letzten CSD so anstrengend, dass man da seine Jahresleistung politischer Aktivität verbraucht hat.
    Dass Intoleranz auch andere betrifft … tja … das ist ja gerade für uns Schwule sooo schwer vermittelbar.

  2. 2 Christian Knuth Januar 7, 2015 um 9:06 pm

    Nun, über unsere Facebookseite haben wir ebenfalls sowohl den Cartoon, als auch den Post von Enough kommentiert gepostet. Er betraf uns auch ganz direkt, da wir selbst zusammen mit Enough am Montag demonstriert hatten … Gruß, Christian

    • 3 RH Januar 7, 2015 um 9:26 pm

      @ Christian: Klasse! Und jetzt freue mich auf die weitere journalistische Begleitung des Anschlags und seiner möglichen Folgen bzw. seiner möglichen Bedeutung (auch) für schwules Leben / schwule Freiheit auf der Internetseite von „blu“ und in den Print-Ausgaben. Fände ich gut. (Ansonsten: Schade, dass wir uns nicht persönlich kennen. Ich war auch auf der Demo!)


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