Läuft bei dir – Von einer Community, die es vielleicht gar nicht gibt, und denen, die sie umso energischer vertreten

Blogger-Kollege Steven Milverton hat anlässlich eines Interviews von Ansgar Dittmar von den Schwusos, den Schwulen in der SPD, und Alexander Vogt von der LSU, den Schwulen in der CDU/CSU, die Frage nach der demokratischen Legitimation von „Community-Vertretern“ gestellt. Etwa so:

„Wer hat sie (aus)gewählt? Wer hat sie beauftragt? Wer hat sie auf ihre Pöstchen gesetzt? Ist die Community jemals aufgerufen worden ihre Vertreter zu wählen?“

In einer Art Rundumschlag spricht er sehr vielen ab, eine demokratische Berechtigung zu haben:

„Mit Community-Vertretern sind wohl die gemeint, die von kleinen Gruppen die dem LSVD, dem Schwulen Netzwerk NRW, den Aids-Hilfen, dem Dunstkreis um die Bundesstiftung Magnus-Hirschfeld, den CSD-Vereinen und anderen Zirkel in internen Verfahren mit bestimmten Funktionen betraut wurden. Keiner von ihnen hat eine über die jeweilige Organisation hinausgehende demokratische Berechtigung zur Vertretung der Community.“

Man liest am besten den Beitrag von Steven Milverton in Gänze.

Die folgenden Gedanken meinerseits sind weniger eine Replik auf Milvertons Text, als vielmehr von ihm inspiriert. Wenn ich es recht sehe, ist Milvertons Ärger weit mehr als in mangelnder Legitimation im Umstand begründet, dass sich zunehmend häufiger die Vertreter der Community recht barsch Kritik durch eben jene Community verbitten und selbstherrlich agieren.

Verengung und Vereinnahmung des Community-Begriffes

Meines Erachtens existiert eine Verengung der Vorstellung davon, was Community ist / sein könnte, auf eine im (gesellschafts)politischen Betrieb angekommene Community. Sie gibt medial den Ton an und gebärt sich als einzig relevante Gruppe von Schwulen und Lesben. Sie regelt für Homosexuelle relevante Fragen – keineswegs nur zum Schlechten für eine Mehrheit von uns! Dabei wird ihr die allgemein, nebulös verbleibende Bevölkerungsgruppe der Schwulen, Lesben, evtl. Transgender, zur Klientel. Das Verhältnis zu dieser Klientel ist dabei weitgehend instrumentell bedingt.

Eine bedeutende politische Entscheidung jüngster Zeit markiert die Entkopplung vom Verständnis von Community als Ursprung: die Errichtung der Hirschfeld Stiftung.

Das einseitige Verständnis von Community als politisierte Gruppe resultiert – Ironie oder Zwangsläufigkeit – daraus, dass der Kampf um Anerkennung im Wesentlichen auf die Politik angewiesen war und ist. „Wir“ brauchten die Politik, um unsere Interessen durchzusetzen.

Dabei wurden noch bis in die neunziger Jahre hinein – bedingt durch ein wachsendes Selbstbewusstsein -, Forderungen durch einzelne Homosexuelle, durch Teile der Schwulenbewegung, später durch die Bewegung der Aids-Hilfen, von außen an die Politik herangetragen.

Spätestens aber seit dem Einzug der Grünen in den Bundestag und nach Verabschiedung des Lebenspartnerschaftsgesetzes ist das Wirken von Außen einer Arbeit innerhalb eines institutionalisierten Politbetriebs gewichen. Zum Erfolg einiger zentraler Forderungen dürfte dies maßgeblich beigetragen haben.

Neutralisierung von Kritik

Die Errichtung einer Hirschfeld Stiftung Ende 2011 markiert eine Zäsur. Sie ist eine von der Politik (dem Bundestag) selbst geschaffene Institution, in der Politikerinnen und Politiker, mithin die Politik, sich selbst zu Vertretern der Community machen und quasi hermetisch abschließen.

Ein Kuratorium besteht aus nach Proporz zusammengesetzten Politikern der im Bundestag vertretenen Parteien und von Personen, die durch LGBT-Organisationen entsandt werden. Zudem gibt es einen „wissenschaftlichen“ Fachbeirat. In dem sitzen auch, wie man an der Person Karla Etschenberg sehen kann, die jüngst durch Verbreitung homofeindlicher Stereotype unter dem Deckmantel „Kinderschutz“ von sich Reden machte, äußerst „kontraproduktive“ Kräfte. Gerade am Sitz der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung im Beirat zeigt sich, wie willkürlich die Auswahl erfolgte. Eine breite öffentliche Debatte wurde bewusst vermieden. Die Außenwirkung der Stiftung wird weder durch die von ihr geförderten (meist universitären) Projekte noch durch Debatten der in den Gremien sitzenden Personen geprägt, sondern allein durch den Vorstand Jörg Litwinschuh.

Niemand wird behaupten können, die Hirschfeld Stiftung sei Forderung einer breiten Öffentlichkeit von Schwulen und Lesben (etwa auf CSD-Paraden) gewesen. Die Stiftung war ein Lieblingsprojekt von Volker Beck, mit dem er ursprünglich für die Grünen Zugriff auf (und Macht über) Gelder für die Aufarbeitung der Geschichte der Verfolgten von Homosexuellen durch die Nazis erhalten wollte. Die FDP hat ihm eins ausgewischt, indem sie das Projekt schließlich nach ihren Vorstellungen in einer schwarz-gelben Regierungskoalition durchgedrückt hat.

Insofern die Hirschfeld Stiftung ein Beschluss des Bundestages ist, ist sie selbstverständlich demokratisch legitimiert. Es ist aber kein Projekt, das vorher nochmals (wie auch?) bei allen in der Bundesrepublik lebenden Schwulen und Lesben um ein Placet nachgefragt hätte. Es ist auch kein Projekt, das – wie einst die Akademie Waldschlösschen – sprichwörtlich „mit eigenen Händen“ von Schwulen und Lesben aufgebaut worden wäre. Und wie immer Jörg Litwinschuh die Stiftung leitet, welche guten und wegweisenden Projekte die Stiftung auch immer fördern mag: Die Zustimmung einer „Basis“ braucht es dafür nicht.

Ziel der Stiftung ist demnach auch nicht Politik oder die Beteiligung von Schwulen und Lesben an Politik, sondern Aufklärung gegen Diskriminierung und stimmungsfördernde, gleichwohl verbissene Verbreitung von Zeitgeist-Themen wie etwa Homosexualität im Fußball. Die Stiftung ist ein Instrument der Politik bzw. der Polit-Community, um Kritik aus der Community an der Politik gleichsam zu neutralisieren.

Die Gleichgültigkeit der Community

Spätestens hier muss man anmerken: Der „Basis“ ist es wahrscheinlich sowieso egal, wer was wie in ihrem Namen tut.

Basisdemokratisch war die Community noch nie; fast alle Forderungen bzw. die Kampagnen, die Forderungen politikkonform zuschnitten, waren eine Sache kleiner Gruppen und Verbände, die einfach die Initiative ergriffen haben. (Diese „Selbstermächtigung“ ist der Normalfall fast aller Interessensvertretungen.)

Das gilt auch für den LSVD, ein Verband, der zwar, mithilfe der Grünen, sich effektiv in den Politgremien aber auch Teilen der Zivilgesellschaft vernetzte, sich aber was die Mitgliederzahlen angeht mit dem real existierenden politischen Desinteresse der Community konfrontiert sieht.

Das muss nicht bedeuten, dass die Arbeit als solche nicht von Vorteil für eben diese Community wäre. Man sollte bei Verbänden wie dem LSVD (bei dem man im Übrigen gut daran tut, die Landesverbände einzeln zu beurteilen) – völlig ungeachtet der Frage nach der Legitimation – nicht reflexhaft so tun, als arbeiteten sie nun per se gegen die Community. Selbst wenn einige LSVD-Verbände in den letzten Jahren eher staatstragende Biedermeierlichkeit verströmen, selbst wenn sie aufgrund ihrer effektiven Vernetzung das Aufkommen anderer Verbände erschweren: In einem weiten Sinne vertritt der LSVD wenig, was eine breite Community nicht unterstützen könnte.

Das Ende der Verfolgung, der Diskriminierung, eine rechtliche Sicherung gleicher Rechte, so ließe sich vielleicht ein unausgesprochener Konsens umschreiben, auf den sich Arbeit „im Namen von Schwulen und Lesben“ bezieht. Ich glaube, der Journalist Werner Hinzpeter war der Einzige, der sich – in seinem Buch „Schöne schwule Welt“ – traute, auf die Kehrseite eines so konzipierten Vertretungsanspruchs hinzuweisen. Durchgesetzt hat sich das kritische Potenzial leider nicht.

Fehlendes Konsens-Update

Das große Versagen besteht darin, dass der / dass ein Konsens schon lange nicht mehr aktualisiert, durch eine breite Debatte erneuert wurde. Ein eingespieltes System von politischer Repräsentanz, ein Politbetrieb, in dem auch Homosexuelle angekommen sind, trifft auf eine zersplitterte, sich entlang marktkonformer Konsuminteressen ausdifferenzierende Community, die weniger denn je willens oder in der Lage ist, aus sich heraus Vertreter zu bestimmen, zu legitimieren.

Das Jugendwort des Jahres 2014 könnte auch der Slogan für die schwul-lesbische Welt in Deutschland sein: Läuft bei dir!

Es ist ein trauriges Paradox, dass die Ankunft von Schwulen und Lesben in der Politik (als „Klientel“), also diese Form der Politisierung, die sich ausschließlich auf den Politbetrieb hin ausrichtet, von einer Entpolitisierung der Community begleitet wird, sofern sie die Möglichkeit, aus sich heraus etwas zu entwickeln, abgegeben hat.*  Wer wollte kritisieren, dass Einzelne oder engagierte Gruppen dies an „unserer“ Stelle tun? Läuft doch … irgendwie!

Die zentrale Frage jeder Community – „Wie wollen wir miteinander leben?“ – wird faktisch nicht mehr gestellt. Die Frage wäre eigentlich auch die Grundfrage jeder Politik. Es ist schade, dass es keinen schwulen Politiker, keine lesbische Politikerin mehr zu geben scheint, der bzw. die gewillt wäre, die Frage wieder konstruktiv an die Community, deren Repräsentant man sich doch wähnt, zurückzugeben.

© Rainer Hörmann

*Das erfreuliche Engagement etwa gegen die Verfolgung von LGBT in Russland könnte als Versuch gesehen werden, Konsens wenigstens in Bezug auf bzw. den Umweg über die Situation in anderen Ländern herzustellen.

 

5 Responses to “Läuft bei dir – Von einer Community, die es vielleicht gar nicht gibt, und denen, die sie umso energischer vertreten”


  1. 1 Michael Seif Januar 5, 2015 um 11:17 pm

    „Die Stiftung war ein Lieblingsprojekt von Volker Beck, mit dem er ursprünglich für die Grünen Zugriff auf (und Macht über) Gelder für die Aufarbeitung der Geschichte der Verfolgten von Homosexuellen durch die Nazis erhalten wollte.“
    Wie kommst Du zu dieser Erkenntnis? Könnte es vielleicht sein, dass er das nicht für die Grünen sondern für die Verfolgten gemacht hat?
    So fängt man keine Diskussion an sondern erstickt jeglichen Dialog?
    Schade…

  2. 2 Michael Seif Januar 5, 2015 um 11:19 pm

    Und übrigens wurde die Stiftung nicht vom Bundestag (leider) sondern von der Bundesregierung errichtet.

  3. 3 RH Januar 6, 2015 um 8:45 am

    Lieber Michael Seif, zu einer Pauschalkeule „Dialog ersticken“, nur weil ich etwas nicht so formuliere, dass es dir passt, fällt mir nichts ein. Aber auch wenn der Dialog zu Ende ist, will ich einseitig meinerseits hier dieses Zitat aus einem Kommentar von Elmar Kraushaar aus der „taz“ vom 9.7.2002 anfügen:

    „Nur bei dem letzten Coup des forschen Kölners ließ selbst die taz die Fanfaren im Schrank. Klammheimlich sollte die Kollektiventschädigung für homosexuelle Nazi-Opfer über die politische Bühne gebracht werden. Eine öffentlich-rechtliche Stiftung ist geplant, mit 15 Millionen Euro dotiert, benannt nach dem schwulen Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld. Der Bundestag hat schon mal Ja gesagt, der Beck ist schließlich ein Netter.
    15 Millionen Euro sind eine Menge Geld, und dass sie in die richtigen Hände kommt, dafür hat Beck gesorgt: Das Kuratorium der Stiftung soll – neben den Vertretern vom Bund – ausschließlich besetzt werden mit politisch Getreuen, allen voran sein Interessenklüngel, der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD): Zwar ist in dem Gremium kaum einer vorgesehen, der auch nur annähernd den hochgesteckten Stiftungszielen genügt – kein Historiker und kein Sexualwissenschaftler -, dafür garantieren die Designierten die Nutzung der Gelder ganz im Sinne des Volker Beck.“ (Link: http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2002/07/09/a0171)

    Ferner „FAZ, 26.1.2006“:
    „Einer der Protagonisten war Volker Beck, der die Stiftung und ihr Kuratorium einseitig ausrichten wollte. Bald war die Rede von einer ‚Lex Beck‘, Hauptnutznießer sollte nach den Vorstellungen des Grünen-Abgeordneten der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) sein, dessen Sprecher Beck zugleich war. Das Vorhaben wurde im Bundesrat gestoppt. Rot-Grün, als Koalition im Herbst 2002 wiedergewählt, verlor daraufhin in der folgenden Legislaturperiode das Interesse an einer ‚Magnus-Hirschfeld-Stiftung‘.“ (Link: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/magnus-hirschfeld-institut-es-war-seiner-zeit-um-jahrzehnte-voraus-1304737.html)

  4. 4 arcados Januar 7, 2015 um 9:23 pm

    „Unter der Fuchtel der Hetero/as“!
    In der Schweiz ist am 1.7.2014 eine Sexualstrafgesetzänderung in Kraft getreten, die das „Schutzalter“ für sexuelle Darstellungen und Darsteller, sowie für Prostitution von 16 auf 18 Jahre erhöht hat. Auf Erkundigung beim „Schwulen- und Lesbenbüro“ Pink Cross, das in der Nachfolge der Homosexuellen Arbeitsgruppen als eine Art Interessenvertretung gedacht ist, hat man mir mitgeteilt, dass diese Institution nicht vorher „zur Vernehmlassung“ eingeladen worden ist. Wie das mit anderen Parteien und Gruppen so üblich ist. Weiterhin ist das Schutzalter für sexuelle Aktivitäten (noch) bis 16 belassen worden.

    Woraus geschlossen werden kann, dass die Abbildung und Information über Homosexualität für Jugendliche zur Kinderpornografie gezählt wird. Wie soll man nun die Jungs ohne Zensur informieren??
    Interessanterweise ist ein Paragraf eingefügt worden, nach dem die sex. Darstellungen von 16-17 Jährigen davon ausgenommen sind, „wenn sie nur unter 16-17 Jährigen kursieren würden“. So ein Schwachsinn! Da sparen sich die Jugendstaatsanwalten einfach diese Verfahren! …

    Das Schwulenbüro ist seit längerer Zeit völlig damit beschäftigt, sich für die Öffnung der Ehe und für die Rechte von Trans* einzusetzen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die Interessen von Schwulen sind nicht identisch mit denjenigen von Lesben, Bisexuellen und Trans*! Aber Schwule gibts im Strafrecht ja nicht mehr, denn wir sind ja jetzt rechtlich „den Hetero/as gleichgestellt! Wie bitte???? Wir dürfen uns nun an Hetennormen erfreuen…

    Was die von den USA übernommene und europaweit eingeführte Erweiterung der „Kinderpornografie“ bis 18 politisch bedeutet, das erleben wir ja in Deutschland… oder in Russland.
    http://www.arcados.com/wp-content/uploads/2012/07/Graupner-EU-kipo-11.pdf
    Solche Themen stehen nicht in der farbigen schwulen Regenbogenpresse.

  5. 5 Ralf Januar 10, 2015 um 3:06 pm

    Was Du zur Selbstermächtigung von Vertretern einer jeden „Community“ gesagt hast, Rainer, kann man nur unterstreichen. Ziemlich genauso sieht’s doch bei den wohl lautesten Vertretungen sog. Communities aus, den Funktionären von Kirchen, Synagogen und Moscheen. Bischofskonferenzen, Synoden, Zentralräte usw. sprechen im Namen von Hunderttausenden und Millionen, ohne legitimiert zu sein. Wieso wird derart ätzend gegen Schwule Stimmung gemacht, die das vertreten, was sie für ihresgleichen als gut, richtig und erstrebenswert betrachten? Sie verhalten sich wie alle anderen selbsternannten Interessenvertreter einer jeden gesellschaftlichen Gruppe. Wem’s nicht passt, soll selbst mitmachen und sich für aus seiner Sicht notwendige Korrekturen einsetzen. Nörgler, die alles besser wissen und nur stänkern, helfen uns allen wenig.


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