Die Kassiererin

Am letzten Tag des Jahres stehe ich in der Kassenschlange im Supermarkt. Der übliche Verlegenheitseinkauf – drei, vier Nichtigkeiten, die erworben werden müssen, um symbolisch eine auch nur symbolisch vorhandene Leere des Kühlschranks abzuwenden. An der Kasse sitzt meine Lieblingskassiererin. Wuchtig, blond, mit frohem Gemüt und sonorer Stimme.

Zugleich mit der Begrüßung „Guten Tag!“ erklingt auch schon das Piepen des Scanners, über den die erste Ware gezogen wird.

Natürlich weiß ich nicht genau, wie es die Kassiererin mit ihrem Geschlecht hält. Ich vermute aber einfach, dass die augenscheinlich Mann-zu-Frau-Trans-Person sich mit der schlichten Kategorie „Frau“ begnügt, ohne Sternchen, ohne Unterstrich. Eigentlich stellt sich das Problem nie wirklich, denn die höfliche Anrede mit „Sie“ genügt, wobei das große „S“ in der mündlichen Sprache interessanterweise keinen Ausdruck findet.

Ich weiß absolut nichts über die Kassiererin. Wir haben nie miteinander geredet, sieht man einmal von den wenigen Worten und Sätzen ab, die sich zwangsläufig ergeben an einer Kasse. Also etwa „Haben Sie eine Payback-Karte?“ – eine Frage, die sie immer noch stellt, obwohl sie die Antwort weiß -, oder die kurzen Kommentierungen, wenn der Kartenleser ewig braucht: „Wird sich doch noch ein Rest Geld vom Konto kratzen lassen!“. Also immer in einem jener Momente, da etwas im gewohnten Procedere schiefläuft und in denen eine kurze, intime Vertraulichkeit aufscheint, die spätestens dann endet, wenn man der Kasse den Rücken kehrt.

Sie weiß natürlich, dass ich schwul bin. Aber weit mehr scheint sie sich dann doch für meine aufs Band gelegten Lebensmittel zu interessieren, die sie stets mit stoischem Gleichmut über den Scanner zieht. Queer-Theorie ist nicht ihr Ding!

Ich werde es wohl auch nicht erleben, dass ich ihr eines Abends in meiner schwulen Lieblingskneipe begegne, und es bleibt wohl eine alberne Vorstellung, dass sie mir eines Tages auf einer CSD-Parade von hinten auf die Schulter klopft, ich mich umdrehe, wir uns anlachen und zeitgleich triumphierend rufen „Wusst ich’s doch!“, bevor wir mit unseren Flaschen lauwarmen Sektes anstoßen.

Die Kassiererin gehört für mich einfach zur Community mit den vier bis sechs Großbuchstaben! Irgendwie.

„Haben Sie eine Payback-Karte?“

Meine Zeit im Supermarkt nähert sich mit dem Begleichen der Rechnung dem Ende.

„Ich wünsche Ihnen ein schönes neues Jahr!“

„Das wünsch ich Ihnen auch!“

In ihrem linken Augenwinkel blitzt es schalkhaft, als habe sie ihren Spaß am Wissen, wie ich mir den Kopf über ein Geheimnis zerbreche, das es gar nicht gibt. Ich verlasse den Supermarkt. Hinter mir ertönt das Piepen des Scanners.

© Rainer Hörmann

2 Responses to “Die Kassiererin”


  1. 1 knipserei Dezember 31, 2014 um 5:24 pm

    Schöner Text! Warten wir mal bis zum nächsten Einkauf ab!


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