Schluss mit der Verharmlosung – Warum mir ein Beitrag vom Nollendorfblog Probleme bereitet

Je länger sich David Berger zu Kritik an seiner Tätigkeit als „Männer“-Chefredakteur und an seinem Stil, die Szene mit Splittern reaktionären Gedankenguts aufzumischen, ausschweigt, desto mehr fühlen sich andere berufen, für ihn zu sprechen und ihn in Schutz zu nehmen.

Dazu zählt nun auch der Kollege vom Nollendorfblog. In seinem jüngsten Artikel tut Johannes Kram so, als nehme er zu einer Kontroverse um eine Entscheidung der DAH, künftig keine Anzeigen mehr im Magazin „Männer“ zu schalten, Stellung, um dann aber um Schutz für David Berger zu bitten.

Es werde versucht, diesen „sozial zu ächten“ und: „(…) die Art und Weise, wie gerade öffentlich von Häme bis Hass gegen David Berger geschossen wird, bereitet mir wirklich Sorgen“.

Sorge bereitet ein Halbsatz (!) der DAH, in dem David Berger vorgeworfen wird, „mit teils rechtspopulistische Aussagen“ zu provozieren.

Es wird allerdings nicht einmal mit einem Halbsatz versucht nachzuprüfen, ob etwas an dieser Aussage dran sein könnte.

Und auch die weitergehende Frage, was Bergers Anteil an der Debatte ist, wird elegant im Keim erstickt: Es stimme einfach nicht, „dass Berger Auslöser und alleiniger Verursacher der jetzigen Eskalation ist“.

Allein der Umstand, jemandem so etwas zu unterstellen, löst Betroffenheit aus:

„Der Rechtspopulismus-Vorwurf ist eine Einladung zur sozialen Ächtung. Und dazu eine Einladung, die von weiten Teilen der Szene offensichtlich mit großem Vergnügen allzu gerne aufgenommen wird.“

Bei mir löst Betroffenheit aus, mit welcher Leichtigkeit der Artikel alle Kritik an Berger ignoriert. So auch die profunde Darstellung auf  „queer.de“, wie Debatten derzeit mit Halbwahrheiten, Lügen und Denunziationen wie unverhohlenen Drohungen geführt werden.

Bei mir löst Betroffenheit aus, dass auch nicht mit einem Wort, geschweige denn einem Halbsatz auf jene verwiesen wird, die seit Wochen von David Berger „gedisst“ werden (um mal einen sehr freundliches Wort für Bergers Verhalten zu benutzen).

Bei mir löst Betroffenheit aus, dass ausgerechnet in Berger der Schwächere in einer Debatte ausgemacht wird, den es zu schützen gilt. Der Artikel stilisiert ihn (wie auch Berger sich selbst) zum Opfer und versucht dadurch, ihn gegen Kritik zu immunisieren. Der schwarze Peter wird elegant wie diffus den anderen, der Community zugeschoben. Die soll sich doch bitteschön fragen, ob Ausgrenzung okay ist – und auch hier immunisiert Krams Beitrag den Schutzbefohlenen sogleich gegen Kritik: Natürlich könne man Berger vorwerfen, er grenze andere aus, aber das sei ja kein Argument, ihn auszugrenzen. Kein einziges Mal ist Berger Gegenstand einer kritischen Bemerkung oder einer moralischen Aufforderung, sich doch mal zu mäßigen. Nicht Berger muss sich etwas fragen lassen vom Nollendorfblogger, sondern „wir“.

Man hätte sich einen klitzekleinen Nachweis, vielleicht einen Halbsatz, gewünscht, wer denn Berger wie ausgrenzt.

Sollte sich die Vermutung einer Ausgrenzung auf die Flut von asozialen Facebook-Kommentaren beziehen (was ich vermute), dann gehört es zur Sachlichkeit, dass sich das Lager der Berger-Beschimpfer und das Lager der Berger-Sympathisanten durchaus die Waage halten.  Man sollte zudem eine Facebook-Blase auch als solche erkennen.

David Berger ist Chefredakteur eines Magazins. Er kann dort alles publizieren, wonach ihm verlangt. Er hat diverse Kanäle, etwa die HuffPost, um Artikel dort weiter zu verwerten. Er hat ein Facebook-Profil, auf dem er alle blockt, die ihn kritisieren, kann also auch dort ungestört schreiben, was er will. Wird er als Mensch ausgegrenzt? Wenn ich sehe, wie er Seit an Seit mit Klaus Wowereit im Schwulen Museum posiert, fällt es mir schwer, an Ausgrenzung zu denken. Ich hätte auch nicht gelesen, dass ihm das Schwule Museum oder irgendeine Kneipe oder ein Fitnessstudio den Zutritt verweigert hätte.

Der Artikel verwendet eine – neuerdings meist von der AfD, „Familienschützern“ oder anderen rechtsreaktionären Kreisen benutzte – Taktik, Kritik (berechtigt oder nicht) und jegliche Form der Widerrede zu einem Phantasma von Zensur und Ausgrenzung hochzustilisieren.

Unter bewusster Behauptung von Halbwahrheiten wird ein Popanz aufgebaut. Der Autor erscheint als moralisch integre Person, die wütende Berger-Kritiker zur Sachlichkeit und Räson ruft. Eine Pose, die in unserer heilen Konsens-Gesellschaft (die, nebenbei gesagt, Berger definitiv nicht mag) immer gut kommt.

Schlimmer aber ist, dass der Artikel das „System Berger“ (wie es Norbert Blech nennt) durch willfährigen Verzicht auf kritische Analyse rechtfertigt. Er duckt sich weg vor Kritik an Berger wie vor Selbstkritik. Damit macht sich dieser Beitrag des Nollendorfblogs durch seine Einseitigkeit und das bewusste Ignorieren von Vorgängen – unnötigerweise – zum Handlanger einer Person und ihrer dubiosen Praktiken.

©RH

Nachtrag: Ursprünglich hatte mein Text den gepfefferten Titel „Der Vasall“. Das führte dazu, dass die Person des Nollendorfbloggers im Fokus stand und nicht der von mir beanstandete Text. Darum habe ich die Überschrift nachträglich verändert.

5 Responses to “Schluss mit der Verharmlosung – Warum mir ein Beitrag vom Nollendorfblog Probleme bereitet”


  1. 1 robertniedermeier Dezember 10, 2014 um 12:13 pm

    Dafür darf Kram halt in Talkshows im Publikum sitzen, wenn Berger mal wieder scheinheilig einen Schwulenaktivisten darstellt. Auch Johannes Kram ist nichts weiter als ein Vasall des Systems Bruno Gmünder.

    • 2 Markus Dezember 11, 2014 um 5:21 am

      Robert: Thema verfehlt. Vielleicht solltest Du eher an deiner Fixierung auf Bruno Gmünder arbeiten.
      Rainer hat recht, es geht in seinem Response um den ARTIKEL von Johannes und nicht um seine Person. Und ich wüßte nur wenige excellente Schreiber wie Johannes, die ihren eigenen Kopf haben und es ganz und gar nicht nötig haben, sich von wem auch immer vereinnahmen zu lassen. Also ein bißchen vorsichtig mit deienr Fixierung auf Personen…

      • 3 robertniedermeier Dezember 13, 2014 um 9:44 pm

        Artikel werden von Personen geschrieben, insbesondere, wenn es sich um einen polemischen, einseitig parteiischen Text handelt, sollte man auch den Hintergrund in die Kritik mit einbeziehen. Und ja, ich halte Kram für einen Teil des Systems Gmünder. Dass du mir deshalb eine als persönlichen Angriff gemeinte Fixierung auf Bruno unterstellst, macht dein Anliegen, man solle Text und Person trennen, nicht plausibler.

  2. 4 RH Dezember 10, 2014 um 12:25 pm

    Ich merke schon, der reißerische Titel war ein Fehler. Letztlich ging es mir um den konkreten Beitrag im Nollendorfblog und darum, dass ich finde, dass Johannes sich (und uns) mit diesem Beitrag keinen Gefallen getan hat. Ich mir mit der Überschrift wahrscheinlich auch keinen! Wenn es irgend geht, bitte ich, Person und Artikel (und ich kritisiere letzteres) zu trennen.

  3. 5 fink Dezember 10, 2014 um 1:34 pm

    Was ich sehr schade an dieser ganzen Diskussion finde, ist, dass das Reden über Personen das Reden über Themen inzwischen weitgehend verdrängt.

    Natürlich ist es auch nicht ganz unwichtig, zu schauen, wer wem was in welchem Tonfal vorgeworfen und wer was wo verschwiegen hat. Da sind ernste Kränkungen geschehen und die muss man wohl auch ernst nehmen.

    Aber nicht nur die DAH, sondern auch andere haben hier einige Fragen aufgeworfen, die es verdienen, inhaltlich diskutiert zu werden.

    Wie verhält es sich mit verschiedenen Männerbildern, die innerhalb der Szene (-Medien) propagiert bzw. diskreditiert werden? Was sagt das über das Verhältnis von Schwulenbewegung und Feminismus, von Sexismus und Heteronormativität aus?

    Was ist eigentlich Queer Theory wirklich? Welche Chancen bietet diese Denkströmung? Und was stellen sich die Menschen, die ein Unbehagen damit haben, fälschlicherweise oder richtigerweise darunter vor? Wo sind tatsächliche Spannungen zwischen dem Konzept „queer“ und politischem Schwulsein und wie kann man mit ihnen umgehen?

    Welche Bedeutung hat Ausgrenzung in den Szenen? Wer schließt wen wann wovon warum aus – und ist das vielleicht manchmal sogar sinnvoll?

    Welche Formen von Religionskritik sind strategisch sinnvoll und fair, welche Formen schleppen Xenophobie im Gepäck?

    Es gibt so viel zu diskutieren. Und natürlich kann das auch passieren, indem man z.B. hier Berger zitiert, da die Aidshilfe und dort sonst wen. Aber bitte lasst uns zu einer themenorientierten Diskussion kommen und unsere Energie nicht allein in der Rekonstruktion erschöpfen, wer wann wen am Zopf geziept hat.


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