„ein innerlich zerrissener Homosexueller“? Über den Umgang mit Leben und Werk Fritz Bauers ist ein Streit entbrannt

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Ist Fritz Bauers Homosexualität wirklich eine biografische Tatsache oder ist sie eine Behauptung, um seine Person zu diskreditieren? Um die Darstellung von Leben und Werk des Staatsanwaltes, der maßgeblich am Zustandekommen des Frankfurter Auschwitzprozesses Mitte der sechziger Jahre beteiligt war, ist ein Streit entbrannt. Im Zentrum der Kritik steht dabei das Fritz Bauer Institut und eine von ihm geförderte Biografie. Es werde eine Demontage Fritz Bauers betrieben, so der Vorwurf, den der Journalist und Publizist Kurt Nelhiebel in einem Beitrag „Die Nestbeschützer“ im „Tagesspiegel“ erhebt.


Der heute 87-jährige Kurt Nelhiebel war ab 1963 Berichterstatter vom Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main für die Zeitung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Anlass für seine Kritik an der Darstellung des Lebens Fritz Bauers durch das nach ihm benannte Institut ist eine Ausstellung über Bauer, die im Sommer im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main gezeigt worden war und seit heute im Thüringer Landtag zu sehen ist. So hält Nelhiebel etwa ein dort gezeigtes Faksimile, ein Treuebekenntnis zu den nationalsozialistischen Machthabern, das Bauer 1933 unterzeichnet haben soll, für eine Fälschung, mit der Bauer verunglimpft werden solle.

In einem Interview mit dem „Deutschlandradio“ verweist der Historiker und Direktor des Fritz Bauer Instituts dagegen auf Forschungen über frühe Konzentrationslager. Inhaftierte hätten, um wieder freizukommen, solche „Loyalitätserklärungen“ unterschreiben müssen. Dies sei Teil der Demütigungsrituale der Nationalsozialisten gewesen – als solches müsse es auch im Zusammenhang mit der Person Bauers erwähnt werden. Bauer war 1933 acht Monate lang im KZ Heuberg inhaftiert gewesen.

Nelhiebel stört sich aber auch an der Darstellung von Fritz Bauer als Homosexueller bzw. an einem Ereignis, dass der Biograf Ronen Steinke als Beleg für eine Homosexualität Bauers anführt. Bauer sei 1936 im dänischen Exil kurzzeitig wegen homosexueller Handlungen verhaftet worden.

In seinem Beitrag für den „Tagesspiegel“ vom 8.12.2014 schreibt Nelhiebel: „Steinke zeichnet Bauer als innerlich zerrissenen Homosexuellen, der seine Freilassung aus Nazi-Haft mit ebenjenem ‚Treuebekenntnis‘ zu Hitler erkauft und nach 1945 seine jüdische Herkunft verleugnet habe.“

Mehr noch als im erwähnten Artikel für den „Tagesspiegel“ hat Nelhiebel in einer Rezension der Biografie im August diese Darstellung kritisiert. Weder sei Homosexualität in Dänemark strafbar gewesen noch Bauer jemals verhaftet worden.

„Von der Straße aus konnte man beobachten, dass der Deutsche sich ausgezogen hat, ohne sich einen Pyjama anzuziehen“, so ein von Steinke verwendetes Zitat aus den Polizeiakten. Dazu Nelhiebel: „Was soll man davon halten? Irmtrud Wojak, die als Erste auf die dänische Polizeiakte über Fritz Bauer gestoßen ist, erwähnt die ‚angeblichen homosexuellen Freundschaften‘ in ihrer Biografie mit sieben Zeilen. Warum lässt es Ronen Steinke nicht auch dabei bewenden?“

Steinke lasse sich über Bauers angebliche Homosexualität in einer Weise aus, „die jeden Spanner freuen wird. Hieb- und stichfeste Beweise hat er nicht“. Schon gar nicht gebe es Äußerungen von Bauer selbst zu (s)einer Homosexualität. 2003 habe keiner der Festredner zum 100. Geburtstag Fritz Bauers (Bauer starb 1968) angebliche Homosexualität erwähnt. Ronen Steinke lenke, so lässt sich Nelhiebels Position zusammenfassen, „damit von den Verdiensten eines Mannes ab, dessen sexuelle Orientierung für die Bewertung seines Lebenswerkes völlig unerheblich sei“.

Der „FAZ“-Rezensent Nils Minkmar hatte sich im April diesen Jahres in seiner Rezension zur Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt wenig an dem Hinweis auf eine Homosexualität Bauers gestört. „Aus seiner Homosexualität machte er kein öffentliches Thema“ heißt es und: „Man erkennt gerade genug aus diesen in der Ausstellung präsentierten Akten, um nachzuvollziehen, welche Gefahr das Schwulsein damals barg und dass die Trennung zwischen privat und öffentlich schlicht eine lebensnotwendige Maßnahme war.“

Nelhiebel hält dagegen, dass mit dem Verweis auf eine angebliche Homosexualität letztlich nur ein auch in der Nazi-Zeit verwendetes, gängiges Mittel der Denunziation nun immer noch – in einer vom Fritz Bauer Institut geförderten Biografie – verbreitet würde, um das Ansehen der Leistung Bauers in der Aufarbeitung von Nazi-Unrecht zu beschädigen. „Was hat den Journalisten Steinke eigentlich dazu getrieben, sich in seiner Fritz-Bauer-Biografie über die angebliche Homosexualität des hessischen Generalstaatsanwalts zu verbreiten? Bestand ein dringendes öffentliches Interesse an der Offenlegung des Intimlebens von Fritz Bauer?“

Steinke müsse sich fragen lassen, „ob der Behauptung über die Homosexualität Fritz Bauers am Ende gar antisemitische Motive zugrunde liegen“.

Im Interview mit dem „Deutschlandradio“ reagierte der Direktor des Fritz Bauer Instituts: „Da [im Tagesspiegel-Artikel] steht, als Vorwurf gemeint, Steinke würde Bauer als innerlich zerrissenen Homosexuellen verunglimpfen. Was will so eine Formulierung eigentlich? Offenbar sind homophobe und antisemitische Klischees auch im Umgang mit Fritz Bauer weit verbreitet. Und oftmals gerade von denen, die glauben, ihn in Schutz nehmen zu müssen.“

An der aktuellen Debatte ist nicht nur interessant, inwieweit 2014 noch Differenzen über die angebliche oder tatsächliche Homosexualität einer historisch wichtigen Persönlichkeit bestehen, sondern auch der Umstand, ob und wie diese gegebenenfalls benannt oder verschwiegen werden sollte. Ist es wirklich so, dass mit einem Verweis auf die sexuelle Orientierung eine Person und ihr Lebenswerk (immer noch) diskreditiert werden kann?

© RH

Link: Internetseite Fritz Bauer Institut

1 Response to “„ein innerlich zerrissener Homosexueller“? Über den Umgang mit Leben und Werk Fritz Bauers ist ein Streit entbrannt”


  1. 1 Ralf Dezember 9, 2014 um 5:56 pm

    Angesichts der bis 1969 fortdauernden Verfolgung nach dem nationalsozialistischen § 175 ist es kaum vorstellbar, dass ein Homosexueller Generalstaatsanwalt werden, sein und bleiben konnte. Seine Gegner hätten ihn anlässlich des Auschwitz-Prozesses damit aus Rache vernichtet, wenn es auch nur den kleinsten verwertbaren Hinweis gegeben hätte.


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