Schluss mit der Anbiederung!

„Erziehungswissenschaftlerin“ Karla Etschenberg, die vor geraumer Zeit mal vorschlug, Pornos im Schulunterricht zu gucken, hat ein wenig von ihrer heiteren Gelassenheit verloren. Und ich erlaube mir, deswegen auch ein wenig von meiner zu verlieren!
Neuerdings gibt Frau Etschenberg erst einem tendenziösen öffentlich-rechtlichen Radiosender, dann einem Nazi-Blatt ein Interview und fürchtet darin, Homosexuelle könnten an deutschen Schulen für homosexuelles Handeln werben. (Bericht queer.de) Besser kann man die Paranoia vor „Homo-Propaganda“ gar nicht befördern. Karla Etschenberg ist Mitglied im Fachbeirat der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Deren Geschäftsführer zeigt sich recht schockiert und sucht jetzt das „Gespräch“ mit Frau Etschenberg.*

Bleibt abzuwarten, ob auch Frau Etschenberg ein Gespräch mit einem Schwulen sucht. Eine Moschee in Berlin sucht es jedenfalls nicht:

In Berlin war für den 24. November ein Gespräch von Vertretern der Şehitlik-Moschee im Bezirk Neukölln mit VertreterInnen von Schwulen-/Lesben-Verbänden – Völklinger Kreis, LSVD Berlin-Brandenburg – vereinbart. Diesen Termin ließ die muslimische Gemeinde nun platzen. Man fürchtet „Missbrauch“ (!) und: „Von einer Einladung an Homosexuelle könne keine Rede sein.“ („B.Z.“) Klarer geht’s nicht! Der LSVD-Chef drückt sein Bedauern aus, man wolle den Termin nachholen und befinde sich – so gegenüber „queer.de“ -„in einem intensiven Austausch mit dem Moscheevorstand“.

In beiden Fällen schlagen homophobe Menschen Schwulen und Lesben verbal bzw. durch ihr (Nicht-)Handeln ziemlich unverblümt ins Gesicht. Sie haben Null Achtung vor ihren Mitmenschen, sie besitzen keinen Funken sozialen Anstandes. Und was machen die Schwulen? Suchen das Gespräch!

Wieso?

Frau Etschenberg gehört umgehend aus der Hirschfeld Stiftung geschmissen (sie darf sich dann gern unzensiert in sämlichen Nazi-Magazinen ausheulen, wie sie von Homos zensiert wird!); der Kontakt zur Moschee in Neukölln gehört umgehend abgebrochen. Es gibt soviele Muslime – homo- wie heterosexuell -. die in ihrem Alltag vorleben, dass ein gemeinsames Miteinander in Deutschland problemlos möglich ist. Das muss man stärken – und nicht einige homophobe und feige Führerpersönlichkeiten einer einzelnen Moschee hofieren.** Auch dieser Moschee steht es frei, sich – wie Frau Etschenberg -, von der Täter- in die Opferrolle zu flüchten und rumzuheulen!

Was mich so empört an der eifrig-anbiedernden Suche nach Gespräch durch „unsere“ (?) Vertreter, ist der Umstand, dass sie das Spiel von Homosexuelle denunzierenden Menschen mitspielen, ihnen ein Alibi für ihre Hetze, ihre Verachtung, ihre Herablassung bieten.

Anscheinend zeigt das Dauerfeuer von AfD, „Familienschützern“ und die permanente Hetze in Medien wie Deutschlandfunk, FAZ oder „Welt“ und neuerdings der ARD mit ihrer Themenwoche, Wirkung. Hat man uns Homos wieder da, wo man uns haben will: in der Defensive? In der Rolle des kriecherischen Bittstellers?

Die beiden Vorfälle dieses Wochenende zeigen, wie unter dem Druck, sich als „liebe Homos“ beweisen zu müssen, das schwul-lesbische Selbstbewusstsein von Leuten, die sich staatstragend in der Rolle der „Vertreter“ von LGBT sehen, verbogen wird! Gäbe es an so einem Tag nicht tapfere Leute, wie die TeilnehmerInnen einer vom CSD Dresden organisierten Demo gegen die Hetze der „Besorgten Eltern“ (Bericht beim „Nollendorfblog“) man müsste den Glauben verlieren. / ©RH

*Nachtrag 16.11.: Eine Stellungnahme der Hirschfeld Stiftung kann man auf Facebook lesen. Eine Userin forderte in den Kommentaren daraufhin, alle Unterstützer der Bildungspläne aufzuhängen, „die gute, alte traditionelle Antwort auf’s Kinderschänden“! Die Hirschfeld Stiftung erwägt Strafanzeige.

**Nachtrag 21.11.: queer.de spricht von einer „Farce“, nachdem vom LSVD Berlin-Brandenburg gestern ein neuerlicher Termin für ein Gespräch in der Moschee verkündet, dieser aber kurz darauf erneut von der Leitung der Moschee abgesagt bzw. dementiert wurde.

6 Responses to “Schluss mit der Anbiederung!”


  1. 1 Thommen_64 November 15, 2014 um 4:26 pm

    Wir müssen weg kommen von der verallgemeinernden „Homophobie“. Nicht JedeR hat immer Angst. Es gibt eine Gruppe von Frauen und Männern, die sich einzelne Vorurteile gezielt herausziehen, um sie gezielt gegen uns zu verwenden!
    Gisela Bleibtreu-Ehrenberg hat schon 1978 davor gewarnt, dass nach all der Emanzipation in Zukunft immer noch der „Kinderschutz“ für die Manipulation der Gesellschaft herhalten müsse!

    „Es bildete sich bald eine neue Derivation heraus (Homosexualität als stete Kindergefährdung), die das Fortbestehen der Ächtung ‚vernunftgemäss‘ erscheinen liess.“ (Tabu Homosexualität 1978, S. 405/406, Nachw. Was können wir tun?)

    Damit wird hartnäckig festgehalten, dass Homosexualität keine „natürlichen“ Wurzeln in der Kindheit und Jugend haben kann! (Die Diskussion wird mit „Pädophilie“ sehr schnell verhindert!)

  2. 2 RH November 15, 2014 um 4:34 pm

    Frau Etschenberg hat natürlich keine „Angst“ vor Homosexuellen, warum auch? Aber scheinbar hat sie Angst vor dem, was Homosexuelle rein theoretisch tun könnten (mehr als vor dem, was Heteros rein theoretisch tun könnten!). In meinem Text ging es aber eigentlich um ein anderes Thema – wenn aber stattdessen die Frage ist, wie passend der Begriff Homophobie ist, meinetwegen.
    PS: Bei der Moschee geht es dagegen um Angst – wenn auch vielleicht mehr um die Angst vor möglichen Reaktionen der eigenen Gemeinde denn um Angst vor Homosexualität.

    • 3 bajazbasel November 16, 2014 um 3:34 pm

      Es geht meistens um eine Angst vor der Angst der „Anderen“! Also um Projektionen! Diese füllen die Leerstellen der Angst! Auch bei Schwulen! Und diese Frau hat eindeutig ihre Maske fallen gelassen, was nur wenige Frauen tun! Wir sollten das beachten und weniger Angst haben davor, als „frauenfeindlich“ denunziert zu werden!

  3. 4 robertniedermeier November 15, 2014 um 5:27 pm

    Zwei Aufreger in einem Post zu vereinen, mag den Kreislauf anregen, verfehlt aber den Kern zweier doch unterschiedlicher Problemfelder.
    Kann auch kein „Alibi“erkennen, welches „liebe Schwule“ als „kriecherische Bittsteller“ den „Homosexuelle denunzierenden Menschen“ geben würden. Im Falle der Şehitlik-Moschee ist es wichtig, das Demokraten trotz Attacken von Rechts im Dialog mit anderen Minderheiten bleiben. Natürlich auch in Kontakt zu deren institutionalisierten Vertretern stehen. Vereine und Verbände sind halt Institutionen, die mit anderen auf institutioneller Ebene kommunizieren müssen. Und der LSVD arbeitet doch auch längst mit Moslems zusammen, die nicht zu den konservativen und aktuell sehr feige agierenden Şehitlik-Moschee-Funktionären gehören.
    Steinert tut gut daran, gesprächsbereit zu bleiben. Gegenseitiges aufeinander Eindreschen ist Mist, und genau das, was sich die Reaktionären wünschen, um Gräben zu vertiefen.

  4. 5 Ralf November 15, 2014 um 5:59 pm

    Auf queer.de kommentiere ich den Artikel zur Ankündigung des „Gesprächstermins“ damit, dass die Religiösen (gleich welcher Art) gefälligst Menschenwürde und Grundrechte zu respektieren haben und dass es da nichts zu bereden gibt. Den jetzigen Artikel zur Absage kommentiere ich dort damit, dass der LSVD sich wieder mal angebiedert und wieder mal einen kräftigen Arschtritt kassiert hat. Deinem Artikel hier, Rainer, kann ich nur voll und ganz zustimmen. Die Kriecherei hat immer nur ein Ergebnis: das dankbare Gewinsel der Masochisten vom LSVD für den neuesten Peitschenschlag, den diese Anbiederungsspeichelleckkriecher durch ihre „Gesprächs“-Ankündigung erst ermöglicht und öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt haben. Statt klarzustellen, dass Aberglaube und Mythologie nicht das Maß aller Dinge sind und dass sich Religiöse im Jahre 2014 in Mitteleuropa verdammt noch mal den für alle verbindlichen Regeln unterzuordnen haben und ihre Hetzparolen nicht mehr geduldet werden, wälzen sich die LSVDler auf dem Boden und betteln um Gesprächstermine, als ob es überhaupt was mit Menschenrechtsfeinden zu diskutieren gäbe! Diese genüssliche Selbsterniedrigung widert mich an, und sie gibt uns alle der Lächerlichkeit preis.

  5. 6 RH November 15, 2014 um 6:48 pm

    @ Ralf: Im konkreten Fall würde ich es frei nach Nietzsche formulieren: Das Religiöse ist meist zur Tat nur hinzu gedichtet. / Beim LSVD Berlin/BB scheinen mitunter andere Schwule und Lesben hinzugedichtet. Das ist insofern zwangsläufig, weil sich Netzwerkpolitik immer von der Basis entfernen und eigenen Regeln folgen muss. Dadurch wird auch jede Kritik / jeder Vorschlag von außen (aus der schwul-lesbischen Szene) sofort abgewiesen und man weigert sich, andere Stimmen als die eigene überhaupt wahrzunehmen, wie an der unprofessionellen Reaktion auf Nachfragen des Nollendorfblogs oder der völligen Überforderung, wie der LSVD Berlin/BB mit dem Engagement von Enough is Enough umgehen soll, zu sehen war.


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