Debatte um Sterbebegleitung / Sterbehilfe – Kein schwules Thema?

Im Bundestag gab es gestern die erste Plenardebatte zum Thema Sterbebegleitung. Ohne Fraktionszwang äußerten etwa 50 Abgeordnete ihre teils persönliche Ansichten zum Thema. Es gab in dieser Debatte etwas, das mich berührt hat: Volker Beck sprach konkret die Situation eines schwulen Mannes an, der seinen Lebenspartner beim Sterben begleiten will:

Beck ging auf die Palliativversorgung ein, die die Schmerzen eines Sterbenden lindern soll.
„Ich musste vor einigen Jahren in dieser Stadt (Berlin) die Erfahrung machen, wie es um die Palliativversorgung tatsächlich bestellt ist. Ich muss sagen: Wäre ich nicht so entscheidungserfahren, durchsetzungsstark und jung, dann wäre ich an dieser Aufgabe gescheitert. Es gibt selbst in einer Stadt wie Berlin keine verlässliche ambulante palliative Versorgung, es gibt Ansätze dazu. Wir haben auch viel Geld dafür auf den Tisch gelegt.“
(…)
„Es kann doch nicht sein, dass ein älterer Mensch, der seinen Lebenspartner oder Ehegatten zu Hause versorgen will, weil er austherapiert ist und weil sie denken: ‚Es ist schöner, wenn wir gemeinsam die letzten Stunden in dergewohnten Umgebung verleben können‘, sich als Manager dieses Versorgungssystems bewähren muss, dass er dem standhalten muss, dass er Apothekengänge, den Besuch von Pflegediensten und Ärzten – die Fachärzte kommen noch nicht einmal – organisieren muss, damit sein Angehöriger anständig versorgt ist. Eigentlich will er sich um seinen Partner kümmern, aber er kommt gar nicht mehr dazu, das Zwischenmenschliche, das Abschiednehmen in den Mittelpunkt zu stellen, weil das in unserer Versorgung nicht vorgesehen ist. Hier müssen wir dringend etwas tun.“

Volker Becks Lebenspartner Jacques Teyssier war 2009 an Krebs gestorben, nachdem die Chemotherapien keine Besserung mehr brachten. Volker Beck hatte ihn beim Sterben begleitet, dafür auch seine politische Aktivitäten ruhen lassen.

Ich finde es schön, das mit Volker Becks kurzer Erinnerung wenigstens eine „schwule“ Stimme im Bundestag zu hören ist. Wenigstens einmal das Wort Lebenspartner fällt und wenigstens einmal eine schwule Lebenswirklichkeit angesprochen wird.

Seit in Deutschland niemand mehr an Aids stirbt – das ist bewusst provozierend formuliert! -, scheint auch das Thema Sterben wie das Thema Sterbebegleitung aus der schwulen Welt verschwunden (sofern es dort jemals ein Thema war und nicht schon immer als „Privatproblem“ weggedrückt wurde). Das erstaunt, denn eigentlich müssten sehr viele Homosexuelle Geschichten vom Sterben ihrer Freunde und Partner erzählen können. Geschichten davon, wie sie ihren Geliebten, ihre Geliebte beim Tod begleiten konnten oder es auch vielleicht nicht konnten, nicht taten. Kann es sein, dass es dafür keinen Platz, keinen Raum, keine freie Zeile in unseren Lifestyle-Magazinen (es sei denn in Form der Anzeige eines schwulen Bestattungsunternehmens) gibt? Verlieren wir im Sterben unsere Homosexualität?

Ich möchte auf einen weiteren Beitrag aus der Debatte hinweisen: Er ist von dem heterosexuellen CDU-Abgeordneten Rudolf Henke – er ist zudem Präsident der Ärztekammer Nordrhein und u.a. Kuratoriumsmitglied der AIDS-Hilfe Nordrhein-Westfalen. Er wurde sehr persönlich zum Schluss seines Redebeitrags:

„Ich habe eine letzte Bitte. Wenn ich einmal sterbe, bin ich nicht bange vor Schmerzen; ich glaube, die Medizinkonnte da noch nie besser helfen als heute. Ich bin aber bange davor, dass ich dann vielleicht alleine bin, dass mich keiner berührt, dass ich meine letzten Dinge nicht regeln kann und dass ich vielleicht nur wenige Chancen habe, nach dem Sinn zu fragen, ihn zu erfahren, ihn mit anderen zu besprechen. Deswegen: Palliativhilfe und das, was wir uns da jetzt vornehmen, sind viel, viel mehr als die Linderung körperlichen Leids. Es geht um die Überwindung des sozialen Todes eines Todkranken vor dem körperlichen Tod.“
Dem Tod sind unsere sexuellen Orientierungen sicher gleich! Ob sie beim Sterben keine Rolle spielen, wage ich zu bezweifeln. Homosexuelles Leben in Wahl- statt biologischer Familie, Ausgrenzung, Diskriminierung, vielleicht einfach nur Unwissenheit des Pflegepersonals hinsichtlich schwuler Lebenswege und -erfahrungen, : Bestimmt dies nicht auch, wie wir sterben? Ist Sterbebegleitung nicht auch ein schwules, auch ein lesbisches Thema? / ©RH

Links:
Rede Volker Beck: Text-PDF (Plenar-Protokoll) / Video
Rede Rudolf Henke Text-PDF / Video

3 Responses to “Debatte um Sterbebegleitung / Sterbehilfe – Kein schwules Thema?”


  1. 1 Charlie November 14, 2014 um 4:20 pm

    Sehr interessanter Text, der mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Es ist ja noch nicht lange her, da war auch das Thema ‚Altern‘ in der schwulen Welt noch ein Tabu. Inzwischen hat sich das – zumindest in vielen Großstädten – glücklicherweise geändert. Angesichts dieser Entwicklung bin ich optimistisch, dass auch das Thema ‚Sterbehilfe‘ bald stärker unter schwulen Männern diskutiert werden wird.
    Apropos, gibt es eigentlich schon sowas wie ein Netzwerk speziell zu diesem Thema? Würde mich echt interessieren.

  2. 2 RH November 14, 2014 um 4:47 pm

    Ich wüsste im Moment nichts von einem Netzwerk oder Forum, dass sich inhaltlich mit Fragen der Sterbebegleitung schwuler/lesbischer Menschen beschäftigt. Ich nehme an, dass es in einzelnen Einrichtungen (etwa Schwulenberatung, Altersheimen) in der Betreuung von Einzelfällen Thema ist.

  3. 3 knipserei November 14, 2014 um 5:04 pm

    „Dem Tod sind unsere sexuellen Orientierungen sicher gleich!“ Davon können wir mal alle ausgehen – und das vereinfacht / erschwert die Sache ungemein. Ich habe eine zeitlang auf einer Onkologie als ZDL gearbeitet und genug Leute auf der Station gehabt, die gestorben sind. Da war jetzt kein (bekennender) Schwuler dabei, aber was ich sehen konnte, wie unterschiedlich Familie / Verwandte / Freude mit Sterbenden umgehen. Ich tendiere daher eher auch dazu, dass es keine Rolle spielt ob man sich ein einer „Wahl- statt biologischer Familie“ befindet.
    Und, seien wir doch alle mal auch ehrlich: Tod ist doch nach wie vor ein Tabu-Thema. Wer diskutiert das denn mal bei einem Abendessen oder einem Glas Wein? Vielleicht gerade dann, wenn Onkel Anton gestorben ist.
    Wenn Du hier eine Umfrage machen würdest, wer denn ein Testament hat, wer denn eine Grabstelle hat, wer eine Patientverfügung hat … dann wird höchstwahrscheinlich nicht viel kommen.
    Und ja, es ist interessanat, dass wir Schwule genaus fern dem Thema Tod stehen wie all die anderen. Denn AIDS ist ja keine Bedrohung mehr und (zumindest ich) komme schon aus einer Generation, in der jetzt nicht mehr so richtig gestorben wurde. AIDS ist quasi für die meisten ‚Geschichte‘.


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