Verbales Getöse für den Stillstand! Wörter, ohne die nichts mehr geht (fährt)

Der aktuelle Streik der Lokführer und die Debatte darüber weisen in ihrer Wortwahl eigentümliche Gemeinsamkeiten mit der schwulen Welt und den sie betreffenden Themen auf. Kennzeichnend ist, dass der faktische Stillstand den verbalen Kampflärm und die personalisierten Feindschaften beschleunigt. Vier Beispiele aktueller Trend-Vokabeln inklusive eines Wortes, das bereits auf die Weihnachtszeit verweist …

Minderheiten: Die Debatte um das Streikrecht wird auch geführt als ein Streit um „Minderheiten“ und ihr Verhältnis zur Mehrheit. Darf eine kleine Einzelgewerkschaft ein ganzes Land fernverkehrstechnisch lahmlegen? Darf eine kleine Minderheit von Schwulen. Lesben, Transgendern bei der Bildungsplan-Planung berücksichtigt werden? Darf eine homosexuelle Minderheit wollen, was bislang das Vorrecht einer heterosexuellen Mehrheit war?

Propaganda: Das große Gespenst, das den Lokführer-Streik wie die Welt insgesamt in Atem hält. Glauben Sie noch der Propaganda des machtgeilen Gewerkschaftsführers oder sind Sie Opfer der kapitalistischen Bahn-Propaganda, die – gesteuert von der bösen Regierung – uns doch nur Grundrechte wegnehmen will? Und all die Unschuldigen, die von der Homo-Propaganda verführt werden, also jener Propaganda, die die selbsternannten und zum Äußersten entschlossenen Familienschützer durchschaut haben, um uns mit ihrer Hass-Propaganda vor der Homo-Propaganda zu retten? Selten wie nie zuvor sieht eine Gesellschaft kollektiv im jeweils anderen ein Opfer von Propaganda!

(Außer Konkurrenz, aber in diesem Zusammenhang passend: Gleichschaltung! Was für Nazi-Deutschland gut war, kann heute nicht schlecht sein. Merke: Medien sind immer dann gleichgeschaltet, wenn sie nicht unisono das verkünden, was ich meine!)

Solidarität: Ein eher seltenes Wort. Dieses an sich wunderbare Wort mit seiner noch viel wunderbareren, weil humanen Bedeutung ist ein eigentümlicher Fremdkörper im verbalen Schlagabtausch über Sinn und Unsinn des Streiks. Liegt möglicherweise daran, dass Solidarität nichts mehr ist, für das geworben wird, sondern das mit einer gehörigen Portion Aggression verlangt wird! Es geht um Rechthaberei! Und die glaubt, Solidarität könne man durch verbales Draufschlagen einklagen! In der kleinen schwulen Facebook-Welt lässt sich dieses paradoxe Verhalten derzeit gut studieren – inklusive des Versuchs, sich mit rechtsnationalen Vertretern zu solidarisieren und die Solidarität mit „den schwulen Linken“ aufzukündigen (sofern es denn eine gegeben haben sollte).

Geschenk: Stören wir uns nicht daran, dass der Begriff ausgerechnet von Leuten benutzt wird, die selbst wenig schenken. Bevor wir uns ärgern, dass am Ende die Bahntickets teurer werden wie das iPhone und das „Spiegel“-Abo, sollten wir das Gute wahrnehmen. Jakob Augstein sieht im Bahnstreik ein Geschenk, weil er an die Macht der Arbeitnehmer erinnert. Und Tim Cook sieht in seiner Homosexualität „eines der größten Geschenke“, die Gott ihm gegeben habe.

Hoffen wir also also auf den unisexuellen (Streik-)Frieden auf Erden – und auf viele neue Vokabeln im neuen Jahr!


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