Nicht normal ist nun doch normal – Hessischer CDU-Politiker rudert zurück (und beweist, dass die CDU nur homo-freundlich ist, wenn sie durch andere Parteien dazu gezwungen wird)

Die Geschichte der Toleranz ist auch eine Geschichte der Missverständnisse. „Homosexualität ist nicht normal. Wäre sie es, hätte der Herrgott das mit der Fortpflanzung anders geregelt“, hatte Hans-Jürgen Irmer, der schulpolitische Sprecher der CDU Hessen, im Oktober erklärt. Es war seine Reaktion auf die Drängelei des hessischen Grünen-Chef Kai Klose, die Akzeptanz von homosexuellen Menschen an hessischen Schulen zum Thema zu machen. Dies stehe auch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Regierung Hessens. Den fand Irmer nicht so wirklich wichtig: „Gut Ding will Weile haben.“
Nun zeigt sich Irmer – wohl auch nach den heftigen Reaktionen auf seine Äußerung – „betroffen“. Auf der Internetseite des CDU-Kreisverbandes Lahn-Dill ist zu lesen:

„Ich habe in der Vergangenheit bei schwierigen und sensiblen Themen mitunter Formulierungen gewählt, die zum Teil missverständlich waren oder so interpretiert wurden, dass Menschen sich zu Recht verletzt fühlen konnten. Dies bedaure ich sehr und werde dies auch in der Dezember-Ausgabe des Wetzlar Kuriers zum Ausdruck bringen.
Ich will deshalb noch einmal deutlich sagen, dass ich klar zum Ausdruck gebracht habe, dass jeder Mensch das Recht auf freie Entfaltung seiner sexuellen Orientierung hat und Homosexualität in unserem Land für mich selbstverständlich zur Normalität gehört und wir deshalb niemanden ausgrenzen dürfen und wollen.“ (Quelle)

Er stehe zu den Vereinbarungen des Koalitionsvertrages, „dass jeder Mensch, ungeachtet seiner sexuellen und geschlechtlichen Identität, gesellschaftliche Akzeptanz erfährt und sein Leben ohne Benachteiligungen und Diskriminierungen gestalten kann“.

Das ist eine erstaunliche Klarstellung eines CDU-Politikers, der noch zehn Jahre zuvor die Homo-Heilung propagierte und geschrieben hatte, Homosexualität sei veränderbar. Ein wenig dürfte auch sein CDU-Fraktionschef Michael Boddenberg an der erfreulichen „Normalisierung“ mitgewirkt haben. Zeitgleich mit Irmers Erklärung publizierte er eine eigene Stellungnahme:

„Es war absolut notwendig, dass Hans-Jürgen Irmer seine Äußerungen mit der heutigen Erklärung klargestellt und ergänzt hat, weil er vielfach so verstanden wurde, dass Menschen in erheblichem Maße irritiert und enttäuscht worden sind und sich in ihrer Würde verletzt fühlten. Ich nehme diese Erklärung zur Kenntnis und akzeptiere sie.“ Und weiter: „Ich bedaure sehr, dass Hans-Jürgen Irmer bei einer derart sensiblen Thematik durch äußerst missverständliche Formulierungen den Eindruck erweckt hat, als gäbe es an den Inhalten des Koalitionsvertrags auch nur den leisesten Zweifel. Die Verärgerung auf Seiten unseres Koalitionspartners aber auch in unserer eigenen Fraktion kann ich sehr gut nachvollziehen.“ (Quelle)

Das ist eine erstaunliche offene Maßregelung eines Parteikollegen – sichtlich notwendig nach massiven Protesten durch den grünen Koalitionspartner. Die Grüne Jugend hatte gar den Rücktritt Irmers verlangt. Heute bezeichnete Grünen-Fraktionschef Mathias Wagner Irmers Äußerung vom Oktober nochmals als „völlig deplatzierte Äußerungen zum Thema Homosexualität“:

„Die Klarstellung von Herrn Irmer war überfällig.“ (…) „Angesichts der bisherigen Erfahrungen kann er jedoch nur noch durch sein künftiges Verhalten die Glaubwürdigkeit seiner Worte unter Beweis stellen.“ (Quelle)

Da hat anscheinend jemand Worte wohl gehört, aber es fehlt ihm noch der rechte Glaube. Aber mag man auch Irmers „Klarstellung“ erfreulich finden (und immerhin nimmt er ja seine Äußerung zurück; andere Politiker hätten längst die „armes Opfer linker Gleichschaltung“-Karte gespielt***), so zeigt die Sache doch eins: Von sich aus wird die CDU – in Hessen wie im Bund – niemals ihre homosexuellenfeindliche Einstellung aufgeben. Sie muss stets durch einen Koalitionspartner im Zaum gehalten werden. Insofern ist es nicht nur an Irmer zu zeigen, dass seine Stellungnahme mehr als ein taktisches Manöver zum Erhalt seiner Position war. Es ist auch an der CDU Hessen wie der CDU im Bund zu zeigen, dass sie ihre Homofreundlichkeit nicht nur heuchelt. So wurde es unlängst zu einer Geste großer Symbolik stilisiert, dass die LSU (Schwule in der Union) ihren Jahresempfang im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin abhalten durfte und CDU-Generalsekretär Peter Tauber ein paar warme Worte an die warmen Brüder richtete. De facto wurde deutlich, dass sich Schwule und Lesben von den Konservativen keinen Fortschritt in Fragen der Gleichstellung erwarten dürfen. „Es geht nicht mit dem Kopf durch die Wand“, gab Tauber queer.de zu Protokoll. Wie hatte Hans-Jürgen Irmer im Oktober noch gesagt: „Gut Ding will Weile haben.“
Das wird bei der CDU noch lange die eigentliche Leitlinie in Fragen der rechtlichen Gleichstellung und der Akzptanz von Homosexuellen bleiben! / ©RH

*** Nachtrag: Diese Karte spielt dafür Jasper von Altenbockum in der „FAZ“: „Die CDU ruhe in Frieden“.

 


Das Buch zum Blog

Archiv

Kreuz-und-queer-Blog