Ich würde ja gern was bloggen, aber …

…  eigentlich gibt es nix, worüber zu bloggen wäre. Es ist alles so wunderbar, dass man sich getrost der Schönheit und den kleinen Widrigkeiten des Alltags hingeben darf. Also jene Sphäre, über die man nicht ellenlange Texte schreibt, sondern allenfalls die Facebook-Seite zukleistert mit Glücksmomenten wie „Hurra, mein iPhone 6 ist eingetroffen“ oder „Bio-Soja-Wachteln mit Büffel-Mozarella an Bio-FairTrade-Kresseschaum – hmm, lecker!“ oder „Gleis 7, Hauptbahnhof: Gleich kommt mein Süßer“.

Ach so, die von Neid zerfressene, paranoide „NZZ“-Autorin, die anlässlich des offiziellen Coming-outs von Tim Cook austickt … Wozu noch aufregen? Die „deutsche“ „FAZ“ oder die „Welt“ publizieren doch mittlerweile im 24-Stunden-Takt AfD-affine Hetzbotschaften und bieten ihre Kommentar-Spalten willfährig dem Neid, der Paranoia und dem dumpfen Ressentiment an. Nichts, was neuerdings nicht auch schwule Magazine täten.

Meinungsvielfalt ist was Schönes, und hier jetzt anzufangen mit der Mäkelei, dass Diskriminierung und Hass-Rede nicht unter Meinung fallen, ist doch kleinlich. Kleine Übellaunigkeiten, die gleich vergessen sind, wenn man sieht, wie liebevoll die Hetero-Nachbarn im Alltag mithelfen, die Luftballons für den Kindergeburtstag in der Regenbogenfamilie aufzupusten.

Fällt es nur mir auf, dass von Gleichstellung oder anderen politischen Forderungen innerhalb der homosexuellen Community – oder sollte es Ansammlung homosexueller Egos heißen? – gar nicht mehr die Rede ist? Oder gar Adoptionsrecht und so kleiner Detailkram? Schwamm drüber! Seit die Steuervorteile wie bei den Heteros geregelt sind, gibt es gar keinen Grund zu meckern. Normalität heißt eben, dass es primär ums Geld ging. Der Rest ist zweitrangig.

Worüber also bloggen? Über die Situation in Russland? Ach, da kümmert sich doch der Blech von queer drum. Über den abgetauchten LSVD? Soll sich doch der Nollendorfblogger mit rumschlagen. Über die neue „Willkommenskultur“ der katholischen Kirche? Beim CSD-Gottesdienst weinen unsere staatstragenden Homo-Bürgermeister, Starfriseure, Grünen-Menschenrechtspolitiker und Stiftungs-Geschäftsführer doch schon seit Jahren kleine Tränen der Rührung, wenn sie in der ersten Bankreihe sitzen dürfen. Die Ausbeutung von Leihmüttern? Warum sollte man sich als Schwuler Gedanken machen, worüber sich Heteros doch auch keinen Deut scheren?

Soll ich einen langen Eintrag posten, dass – medial gesehen – sich die schwule Welt völlig im übermächtigen Hier und Jetzt gesellschaftspolitischer Kleinkriege verzettelt, sie sich nur noch im Gleichklang mit durch andere ausgelösten Empörungswellen artikulieren kann, dass sie schon seit Jahren versäumt, sich um sich selbst zu kümmern und „eigenständige“ Themen und Wünsche zu entwickeln?

Och, nö – nicht jetzt, flüstert mein Ego und droht damit, meine ganz persönliche Wunschliste zu veröffentlichen.

Es gibt halt so Tage, da gibt’s einfach nix zu bloggen.

6 Responses to “Ich würde ja gern was bloggen, aber …”


  1. 1 fink November 1, 2014 um 10:44 pm

    Und in Kiew, wo am Mittwochabend ein Kino angezündet worden war und zunächst unklar blieb, ob das mit dem queeren Film zu tun hatte, der dort lief, haben gestern vermummte Rechte eine weitere Vorstellung des selben Festivals gestürmt, die Besucher_innen bedroht, Parolen skandiert und die Vorstellung verhindert – womit nun auch der Hintergrund der Brandstiftung deutlich wird.

    An irgendwas erinnert mich das. Aber an was nur? Auch egal, war sicher nichts Wichtiges…

  2. 2 Sabelmann November 2, 2014 um 12:32 pm

    Na dann wünsch ich Dir dass Du öfter „NICHTS“ zu bloggen hast.

  3. 3 peter November 2, 2014 um 3:17 pm

    …welche homosexuelle community meinen leute wie du immerzu? sowas ist doch reines wunschdenken.

  4. 5 Ralf November 2, 2014 um 3:52 pm

    Die Community? Das sind die Leute, die beim CSD ordentlich feiern und sich das restliche Jahr über tot stellen.


  1. 1 ... hat auch gerade keine Lust zu bloggen, aber ... » Trackback zu November 1, 2014 um 4:15 pm
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