Versuch über die Liebe

In letzter Zeit ist wieder viel von Liebe die Rede. Ich vermute, das hat weniger mit aus dem Ruder gelaufenen Kunstaktionen zu tun, als mit dem Wetter. Es herbstelt und da wird man ja immer anfällig für Teelichter, Kuscheldecken und eben auch Liebe:

Wie der Weltfriede oder das Klima ist auch die Liebe heutzutage in Gefahr! Das muss sie sein, weil sich in Zeiten der Aufmerksamkeitsdiktatur ansonsten niemand für sie interessieren würde. Eigentlich ist Liebe eine überall erhältliche Billigware. Aber in Zeiten einer rigiden Marktökonomie muss sie künstlich verknappt werden, um den Besitz der „echten“ Liebe als wertvoll erscheinen zu lassen.

Was Liebe ist, damit beschäftigen sich abertausende von Romanen, Theaterstücken, Popsongs und soziologischen Analysen ebenso wie abertausende von Therapeuten. Während die Frage nach dem Sinn des Lebens – dank Douglas Adams – eindeutig mit 42 beantwortet ist, harrt die Frage nach der Liebe noch der exakten Auskunft.

In ihrer Unschärfe ist sie eine Chiffre für eine Sehnsucht, ein Verlangen nach einem anderen Menschen, ein Wunsch nach Zusammensein, nach Vertrauen, nach einer intimen Zärtlichkeit, die sich meist in einem nicht-sprachlichen Moment enthüllt. Weswegen von Liebe meist nur in Gleichnissen gesprochen werden kann: „Some say love is a razor that leaves your soul to bleed“.

Ich selbst empfinde Liebe als ein Versprechen, das man sich gibt – und als bange Hoffnung, es möge nicht gebrochen werden. Vielleicht liegt darum so eine Wichtigkeit in der emotionalen wie körperlichen Verschmelzung. Weil dieser kurze Moment einen so intensiv glauben lässt, es könne nichts zerbrechen.

Wenn ich nichts empfinde, dann frage ich mich, ob Liebe wirklich etwas zwischen zwei Menschen ist oder ob sie nicht nur die Schnittmenge der Illusionen zweier Egos ist, moderner ausgedrückt: der Touchscreen, den man berührt, weil er einen glauben macht, es sei etwas „dahinter“.

Wenn ich nichts empfinde, dann kann ich nachvollziehen, dass andere Kulturen andere Konzepte vom menschlichen Miteinander haben, Konzepte, die ohne einen hehren Liebes-Begriff auskommen.

Gesellschaftlich wurde die Liebe erfunden, um einen Kitt zwischen Menschen zu schaffen, der Stabilität verbürgen soll, wo die wirtschaftlichen Umstände allein anscheinend nicht mehr ausreichen, Zwangsgemeinschaften zusammenzuhalten. Liebe wird damit auch zur Verklärung (materieller) Individualinteressen.

Vielleicht ist es nur Ehrlichkeit, wenn im Zeitalter des Konsumdrucks das gierige Ego sich nimmt, was es kriegen kann, um sich selbst zu optimieren – und verwirft, was der effizienten Selbstverwirklichung nicht dient. Die Logik des Marktes mag einem nicht gefallen. Sie herrscht aber nicht erst seit der Globalisierung. Nur ist der Markt größer geworden und der Einzelne darin kleiner und unbedeutender. Das kann man versuchen zu ignorieren oder man kann versuchen, die jeweils geltenden Marktregeln zu befolgen und sich mit ihnen zu behaupten.

Die Wirtschaftsfrage, ob ein prosperierendes Gemeinwesen eher durch den Staat oder den Markt sichergestellt werden kann, gilt auch für die Liebe: Soll sie als gesellschaftliches Leitbild verankert werden (Liebe als „Muss“) oder reicht es nicht aus, dass der Markt Bedingungen zur Verfügung stellt, die dem Einzelnen ermöglichen zu realisieren, was immer er für seinen Bedarf an Austausch mit anderen Menschen für nötig hält? Ohne den ewigen Vorwurf, defizitär zu sein, weil das eigene Handeln nicht der herrschenden Liebes-Ideologie entspricht. Befreit vom Ballast, dass Liebe immer tief und innerlich sein müsste? Und darum frei – trotz oder wegen alle dem – zu lieben?

In einem meiner Lieblingsfilme, in dem es – genau genommen – um brüderliche Liebe geht, heißt es: „Man muss einen anderen Menschen nicht hundertprozentig verstehen, um ihn zu hundert Prozent lieben zu können.“

Vielleicht muss man auch die Liebe nicht wirklich verstehen, um wirklich lieben zu können.

©RH


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