Danke fürs Coming-out!

Klaus-Wowereit

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit tritt zurück. Bei aller berechtigten Kritik an seiner Politik, die Bedeutung Wowereits für die Homosexuellen in Deutschland kann kaum überschätzt werden. Sein Rücktritt markiert das Ende eines Jahrzehnts offensiven Schwulseins

Sein Satz „Ich bin schwul und das ist auch gut so!“, mit der er im Juni 2001 quasi über Nacht zum berühmtesten Homosexuellen Deutschlands avancierte, ist legendär. Er war gefallen, um einer möglichen Kampagne (sowohl parteiintern als auch durch die CDU) gegen ihn als künftigen Bürgermeister der Hauptstadt zuvorzukommen. Der Satz kam damals überraschend, denn in seiner Zeit als Bezirksbürgermeister war Wowereit keineswegs der offen Schwule, sondern sehr auf – wir sagen es nett – ein neutrales Image bedacht.

Dieser Satz markiert aber auch eine Zäsur für das homosexuelle Leben in Deutschland. Bis dahin hatten Zwangsoutings im Umfeld der Aids-Krise das mediale Bild beherrscht. Rosa von Praunheim machte das Schwulsein von Alfred Biolek oder auch Hape Kerkeling öffentlich – aus Ärger über deren Feigheit angesichts einer Krankheit, die tausende Menschen dahinraffte. Mit Wowereit etablierte sich ein neuer Typus schwulen Selbstbewusstseins – kämpferisch, offensiv. Mit ihm überwand Homosexualität ihren wehleidigen Ton. Entgegen aller Befürchtungen schlug Wowereit eine Welle der Sympathie entgegen. Seit Wowereit ist das Thema, ein Schwuler könne nicht Politiker werden und schon gar nicht verantwortliche Politik für alle machen, durch.

Wowereit steht auch für das Bild Berlins in der Welt – nicht, dass Berlin nicht schon vorher eine Hauptstadt der Homosexuellen war; nun aber wurde sie es als kosmopolite, nach dem Fall der Mauer offene Stadt, innovativ, aufstrebend, touristisch bestens vermarktet. (Ob der Berliner Alltag immer so liberal ist, steht auf einem anderen Blatt.) Wowereit verkörpert in diesem Kontext auch wie wenig andere Politiker ein „anderes“ Deutschland, eins der Abkehr von Nazi-Deutschland ohne Verleugnung der historischen Verantwortung.

Zahlreiche schwule und lesbische Projekte wären in der Hauptstadt vielleicht niemals ohne die Person Klaus Wowereits realisiert worden. Ein spezieller Topf an Lottomitteln, die (eine Berliner Eigenheit) von einem eigenen Gremium vergeben werden – zufällig saß Wowereit als Reg. Bürgermeister in diesem Gremium -, vergab Förderungen an das Mehrgenerationenhaus ebenso wie an das Schwule Museum oder verschiedene Beratungsstellen. Wowereit duckte sich nicht weg, als der heutige Zeit-Redakteur Bernd Ulrich eine Kampagne gegen Folsom, das Fetisch-Straßenfest, lostrat und Wowereit, der ein Grußwort für Folsom geschrieben hatte, öffentlich als Befürworter von SM und Nazi-Leuten an den Pranger stellen wollte. Wowereit erschien immer zum schwul-lesbischen Straßenfest und war auf den meisten CSD-Paraden mit dabei. Ohne Widersprüche ging es nicht: Dass er als Homosexueller ausgerechnet mit Moskaus schwulenhassendem Bürgermeister Luschkow durchs Brandenburger Tor spazieren musste oder, dass er Josef Ratzinger empfangen musste. Fraglich, ob es lächelnde Kriecherei oder kluge Politik war, die auch den Feind umarmte.

Doch die Weltoffenheit hatte auch eine Kehrseite. „Das Image der queeren Stadt als liberale Utopie traf sacht auf eine politische Praxis der Ausschlüsse.“ So hat es Wolfgang Müller im „Freitag“ formuliert. (Der Text mit dem Titel „Er war einmal“ ist ein schon im Mai verfasster, lesenwerter Abgesang.)  Denn Wowereit steht auch für eine bis heute nicht beendete Phase der steigenden Miet- und Immobilienpreise, den Ausverkauf von Landeseigentum, die Gentrifizierung ganzer Stadtteile – die letztlich auch einstige schwul-lesbische Kieze traf. Politisch hat Wowereit seinen sicheren Instinkt in den letzten Jahren verloren, er wirkte müde – und wie sein berühmter Satz „Ich bin schwul“ wird auch das Desaster um dem Flughafen Berlin-Brandenburg in die Bücher eingehen.

Es ist gut, dass Klaus Wowereit geht – nach 13 Amtsjahren. Er ist ein Beispiel dafür, dass auch in Deutschland die Regel gelten sollte, dass kein Politiker mehr als zwei Wahlperioden ein Amt innehaben sollte – auch ein schwuler nicht! Aber was kommt danach?

Wowereits Rücktritt markiert das Ende eines Jahrzehnts, in dem Homosexuelle noch selbst überrascht werden konnten, wie offensiv man mit seiner Homosexualität umgehen kann. Politiker wie Jan Stöß (SPD) (er wird als möglicher Nachfolger Wowereits gehandelt) oder Jens Spahn (CDU) gehen zwar offen, aber längst nicht mehr offensiv mit ihrer sexuellen Orientierung um: Ihr Coming-out haben beide sofort und ungefragt um die Anmerkung ergänzt, das alles sei ja aber ganz normal und spiele keine große Rolle. Impulse gehen von diesem Typus Politiker nicht mehr aus, immerhin aber – und hier übrigens mehr Spahn als Stöß – scheuen sie nicht die ermüdenden, kleinteiligen Gefechte um Gleichstellung in Talk-Shows. Vielleicht beginnt mit Wowereits Rückzug, dem Rücktritt einer Symbolfigur, das Jahrzehnt der Normalität, insofern sich politisch gesehen nichts mehr Grundlegendes tun wird, aber das Erreichte mühsam gesichert werden muss. Zumindest dafür stehen die Chancen gut. / ©RH

PS: Ein Knaller bleibt uns ja doch noch fürs kommende Jahrzehnt: Das Coming-out eines aktiven Spielers der Fußball-Bundesliga.

Foto: Pressefoto via Klaus-Wowereit.de

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1 Response to “Danke fürs Coming-out!”


  1. 1 fink August 26, 2014 um 12:43 pm

    Für die gesellschaftliche Wirkung war es möglicherweise tatsächlich wichtiger, WIE dieses Coming-Out geschah als die Tatsache, dass es von einem aktiven hochrangigen Politiker ausging.

    Meines Wissens war Wowereit der erste, dem es gelang, sein Coming-Out mit einem griffigen Slogan zu verbinden, der von nahezu allen Medien aufgegriffen wurde. Sei es nun spontan geschehen oder berechnet gewesen: Dass dieser Slogan „… und das ist auch gut so“ lautete und nicht „und das ist gar nicht so schlimm wie ihr denkt“ oder „aber das ist total bedeutungslos“ oder „bitte habt mich trotzdem lieb“, das dürfen wir ihm wirklich als Verdienst anrechnen. Zumal genau diese Formulierung auch von vielen als allzu „provokant“ oder „heterophob“ gelesen wurde und ihm nicht nur Sympathien einbrachte.

    Auch dass er der Versuchung widerstand, sich den Respekt als „braver“ Schwuler mit einer Distanzierung von den „Schmuddelkindern“ der Szene – den Fetischleuten – zu erkaufen, hat mich beeindruckt.

    In einer besseren Welt sollte beides zwar eigentlich kein besonderes Verdienst sein, aber vermutlich wäre es unfair, reale Menschen an Utopien zu messen…


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