Ohne Kultur und Boden – Während ihre Gegner erstarken, verliert Deutschlands schwule Community an Gemeinsamkeit

Deutschlands Homo-Gegner können sich freuen! Sie vergiften Stück für Stück das gesamtgesellschaftliche Klima, während eine Gruppe schwuler Vorzeige-Aktivisten und Meinungsmacher nicht weniger genüsslich – und meist mit der Rhetorik der Neokonservativen – derzeit intern die Lager aufmischt und die gemeinsame Luft (wie auch die Lust auf Gemeinsamkeit) dünn werden lässt. Letzteres geschieht weitgehend im virtuellen Raum. Wo auch sonst? In der realen Welt hat man sich schon seit Jahrzehnten nichts mehr zu sagen.

Unruhe zur Unzeit

Ausgerechnet in einer Phase der erstarkenden neo-konservativen Gruppen und ihrer zunehmend aggressiver werdenden Agitation gegen das, was ihrer Ansicht nach, „anders“ ist bzw. kein Recht hat, „anders“ zu sein, ausgerechnet in solch einer Phase schwächelt Deutschlands schwule Community. Der kleine Rest der Schwulen, der überhaupt noch gesellschaftliche Fragen und Lösungen wichtig nimmt, ist heillos zerstritten bzw. – und das ist eigentlich weitaus schlimmer – nimmt sich gegenseitig weder wahr noch ernst. Während real bald nichts mehr gehen wird an Gleichstellung, werden virtuell interne Grabenkämpfe inszeniert.

Genervte Basis

Sekundiert wird der Zerfall von einer genervten schwulen Basis, die bitte sehr in Ruhe gelassen werden will. Sobald sich auch nur eine Kontroverse abzuzeichnen beginnt, kommt mittlerweile das Standard-Geschrei, das sei doch ein Kindergarten und „die“ sollten sich mal gefälligst einigen. Der Verfall der Solidarität hat zu einer Aufwertung der Sofa-Mentalität geführt, die sich einzig in den virtuellen Räumen noch artikulieren kann und will. Eine Debatte innerhalb der schwulen Welt wird nicht nur von Protagonisten mittlerweile mit einer fundamentalistischen Häme geführt, er wird von den Zuschauern auch nur noch als Dschungelcamp-Drama wahrgenommen, das nichts mit ihnen zu tun hat, aber an dem sie wenigstens ihre einfachen Gefühle auslassen können. Das ist symptomatisch für eine schwule Welt, die – in Ermangelung von Interesse an Gesellschaft und Politik und in Vergötterung des eigenen Egos – auf Störung ihrer heiligen Konsumentenruhe nur mit den Versatzstücken geheuchelter Empörung reagieren kann.

Die Profis: Business as usual

Profiteure sind einige etablierte Institutionen, schwul-lesbische Interessensvertretungen oder offiziöse Stiftungen, die ungerührt von all dem „ihr Ding“ durchziehen. Weder in Inhalt noch fürs Geld sind sie auf eine schwule Community angewiesen. Weswegen sie gar nicht erst versuchen, der rotzig-verwöhnten Basis noch irgendwas vermitteln zu wollen, oder Debatten einzelner Protagonisten in einer weiterführenden Weise aufzugreifen. Tatsächlich reagieren sie auf die wenigen Ansätze, etwas zu verändern oder über das Alltagskleinklein hinauszudenken, mit Abschottung und Ignoranz. Sie sehen ihre Pfründe gefährdet – und Streit unter den anderen kann nur ihre eigene, überhebliche Position stärken.

Ein Land, eine Community?

Eine schwule Community im Sinne einer geografisch wie politischen Verbundenheit gibt es nicht / nicht mehr in Deutschland. Es gibt zahlreiche eigenständige Blasen (Städte ebenso wie Institutionen), die völlig eigenständig durch die Zeit und die Veränderungen driften. Was in Berlin passiert, ist denen in München so wurscht wie der schwulen Bärengruppe im Schwarzwald das Geschrei der „Politschwestern“ an der Ostsee. Unterschiedliche Positionen einzelner Protagonisten werden als Duelle auf Leben und Tod inszeniert, die nach Sieger und Verlierer schreien – das Prozesshafte einer Debatten“kultur“ scheint unerträglich geworden zu sein. Aber so wenig wie in politischen / gesellschaftlichen Fragen, die die schwule Welt betreffen, unter den Akteuren noch eine Bereitschaft zum Kompromiss auszumachen wäre, so wenig gibt es eine Bewegung, die sich noch die Mühe machen würde, Deutschlands Schwule und Lesben – wenigstens temporär – unter „einen Hut“ zu bekommen.

Permanente Denkfabrik

Eigentlich müsste eine „Denkfabrik“, wie sie Köln in diesem Sommer realisiert hat,* als ständige Einrichtung zwei Jahre lang durch die Republik reisen, jeden Monat in einer anderen Stadt ihr Zelt aufschlagen. Es wäre – neben hoffentlich guten Ideen – ein schöner Versuch herauszufinden, ob es sich lohnt, an der politischen Überzeugung festzuhalten, dass das, was mit unserer schwul-lesbischen Welt passiert, immer noch uns alle angeht. / ©RH

*Die Veranstaltung „Pride 2.0 -Die Denkfabrik“ fand am 28.6. in Köln statt – Videos einzelner Debattenbeiträge sind auf dem YouTube-Kanal von Cologne Pride zu finden; einen Live-Blog von der Diskussion findet man beim „Nollendorfblog“.

7 Responses to “Ohne Kultur und Boden – Während ihre Gegner erstarken, verliert Deutschlands schwule Community an Gemeinsamkeit”


  1. 1 Ludger August 24, 2014 um 4:04 pm

    Ich wüsste gerne was der Auslöser für diesen Bericht war.

    • 2 RH August 24, 2014 um 5:00 pm

      Den einen Auslöser gibt es gar nicht. Der Artikel ist eine Einschätzung einer sich über mehrere Monate hinweg hochschaukelnden Situation, geprägt von oft via Facebook geführten Kontroversen über die angemessene politische Vertretung von Schwulen und Lesben, über das Auftreten auf CSD-Paraden, über den Berlin-internen Streit, der zu 3 CSD-Paraden geführt hat. (Nebenbei: Ich staune mitunter über die Hilflosigkeit von CSD-Mottos.) Zudem habe ich in letzter Zeit festgestellt, wie wenig man etwa in Berlin über Aktionen in anderen Städten weiß, wenn es mal nicht um CSD oder Oktoberfest geht. Auch gibt es kaum noch Ansätze zu bundesweiten Treffen/Aktionen. In der Regel gibt es lokale Aktionen mit medial unterschiedlicher Reichweite. Das führt teilweise zu Überbetonung der Großstädte gegenüber schwulem Leben in kleineren Städten. Manchmal vermute ich (es ist aber wirklich nur eine Vermutung), dass das medial stark beachtete Engagement für Homo-Rechte in anderen Ländern den Blick vorschnell ablenkt von Fragen und Nachdenken über die soziale Struktur „unserer“ Szene hierzulande. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Freunde, Bekannte überhaupt noch bestimmten Diskussionen über die Ausgestaltung der schwulen Welt folgen. Von der Frage, inwieweit schwules Leben im Rahmen anderer, „nicht-schwuler“ Debatten über unsere Gesellschaft, z.B. ihr Wirtschafts-/Sozialsystem, der Inklusion vieler Gruppen in einer Gesellschaft, gedacht werden kann, ganz abgesehen!
      Aktuellere „Auslöser“ waren – um dann doch etwas Konkretes zu nennen – eine Nicht-Debatte (sondern ein ziemlich niveauloses Bashing weit unter der Gürtellinie – nett formuliert) anlässlich eines Beitrag von Tim Schomann auf dem iwwit-Blog und absurd-hysterische Reaktionen auf einen taz-Beitrag von Elmar Kraushaar. Gerade Letzterer hat eine Einschätzung über den Stand der Bewegung gewagt, die m.E. nachdenkenswert ist, die aber sofort zu einer Konfrontation jung-alt umgemünzt wurde. Beide Texte sind aber nicht einzeln in meinem Artikel benannt, weil ich eben nicht an den Einzeldebatten kleben, sondern ein „Phänomen“ verallgemeinern und eine fehlende Debattenkultur, die einer gegenseitigen Ernsthaftigkeit in Wort und Tat zum Zwecke der Verständigung verpflichtet ist, anmahnen wollte.

  2. 3 P. Naish August 25, 2014 um 2:21 am

    Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Idee einer schwulen bzw. LGBIT-Community bisher für ein ähnliches Nebelgebilde hielt, wie das Gebilde der so öfter mal irgendwo erwähnten Homo-Lobby. Man liest zuweilen darüber, hat aber noch nie mit jemand geschrieben oder geredet, der dafür arbeitet.

    Mag so sein, weil man hinterm Mond wohnt, oder sozialkommunikativ gehandicapped ist, nicht an die entsprechenden Leute heran reicht oder deren Kreise in einer höheren sozialen Ebene leben. Oder weil man den Zaster für all die Abos nicht hat, die einen darüber informieren könnten. Ich habe nur ganz selten was davon gehört, dass sich weltinteressierte Schwule vernetzen, oder LGBTI an einem Strang zieht. Das sind gewöhnlich Dinge, die ich nur als Beobachter wahrnehme, und auch nur dann, wenn ich angestrengt danach suche. Nicht umsonst nenne ich diese Sphäre das ’schwule Avalon‘. Es verbirgt sich vor dem mit hoher Kunst, der das Zauberwort nicht kennt.
    Und wie wir wissen, sind von verzauberten Zwergen konstruierte Einlasstore nur am Durin’s-Tag zu sehen. Das alles und noch Unbekanntes macht den Zugriff, oder den Beitrag aus dem Orbit etwas schwierig.

    Ich frage mich, ob es so etwas wie regelmäßiges Brainstorming ohne Ansehen der Person gibt, ohne Restriktion gegen Leute ohne Intellektualitätsnachweis oder was es für systematische Barrikaden geben mag.

    Ich kann mir etwa gut vorstellen, dass eine Zersetzung einer Gemeinschaft von draußen angestrebt ist, auch hier vertarnte Homophobier an den Regelläufen pfuschen, ohne das mit extra padded Paranoia-Zusatz zu meinen.

  3. 4 Ludger August 25, 2014 um 7:38 am

    Danke für die Antwort.🙂

  4. 5 Reiner Buechel August 25, 2014 um 2:18 pm

    Danke für diesen Artikel…..
    Wenn gleich er für nichts anderes als eine sehr persönliche situationsbeschreibung darstellt…..eine analyse der analyse….

    Es wäre sicher sinnbringender nicht über das warum es im moment so ist noch weiter blogs und artikel zu verlassen sonder ,,, wie oben geschehen eben eine persönlche stellungnahme und erklärung …aber eben wohin es den seiner meinung nunnach gehen soll …sehr ausführlich und perönlche weil dann nachvollziehbar….als discussions basis. Zu veröffentlichen…und nicht wie in einer männer zeitschrift nur nach oberflächlichen ja platten form zu publizieren……danke …nun ran ans werk und nicht nur im saft schmoren…..

    Ansätze wie die denkfakrik aus köln sind nicht die einziegn guten positionierungen. Von denen es doch auch viele andere gibt…eben nur nicht. Gelesen oder bekannt sind…..

  5. 6 robertniedermeier August 26, 2014 um 10:31 pm

    „Debattenkultur“ heißt wohl zustimmen. oder gesperrt werden. Unterschiedliche Meinungen zu tolerieren, ist meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil einer Debattenkultur. Und ob das Internet schuld ist, wage ich zu bezweifeln. Im Prinzip sorgt doch die voranschreitende Gleichberechtigung zum Zerfall der Bewegung. Und die Kreise, die sich nach wie vor gegen die Moderne zu stemmen versuchen, sind in der Tat ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches man deshalb gerade nicht in der heimeligen Schwulengruppe löst. Konservatismus ist nämlich auch eine Gefahr für die allein erziehende Mutti oder den Einwanderer etc. Gruppenübergreifende Solidarität ist von Nöten. Solidarität mit schwulen Linken-Bashern, Militaristen oder als sogenannte „Islamkritiker“ getarnten schwulen Rassisten ist von daher meinerseits nicht zu erwarten.

  6. 7 Herbert August 27, 2014 um 6:17 am

    lass mich den Boden küssen auf dem Du wandelst: Du hast ja soooo recht !
    🙂

    Ich habs probiert… und bin gnadenlos an Provinzfürsten, Erzkonservativen, sogenannten „Sprechern“ und / oder ignoranten „Männern“ gescheitert.

    Neid, Missgunst, Ignoranz, Arroganz und alle möglichen weiteren „-ganzen“ haben längst die Macht übernommen. Längst totgeglaubte (bzw. -gewünschte) kommen wieder aus der Versenkung um dem ganzen noch den Rest zu geben.

    Die „kommerzielle“ Szene hält sich schlauerweise raus dreht sie doch einfach ihr Fähnchen nach dem Wind solange die Kasse klingelt… doch wie lange noch !?

    Da bleibt nur noch, der sog. „Community“ den Niedergang zu wünschen den sie (wer eigentlich ?) selbst wünschte.


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