Am Stammtisch mit Jens Spahn zum Thema Ausländer (einfach weil es grad so gut passt)

In einem Kommentar in der „Bild am Sonntag“ (nein, wir verlinken nicht zur „Bild“) holt Nicolaus Fest gegen den Islam aus. Der „störe“ ihn „immer mehr“, wegen der „weit überproportionalen Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund“ und wegen der „totschlagbereiten Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle“. Und, wir fassen seine dürren Zeilen kurz: So ein Islam darf nicht ins Land! Wir freuen uns natürlich, wenn ein „Bild“-Kommentator auch selbstlos an uns Homos denkt – doch Herr Fest hat beim Schreiben auch an den zu erwartenden medialen Proteststurm gedacht und twittert „Herrlicher Shitstorm! Offensichtlich finden viele Homophobie, Antisemitismus & Ehrenmorde völlig ok.“ Enrico Ippolito gibt in der „taz“ eine wunderschöne Erwiderung, der wenig hinzuzufügen ist: „Nein, sie ertragen nur keine Idioten.“
Bevor „wir“ uns jetzt über Nicolaus Fest empören, sei daran erinnert, dass gestern, am Samstag, der schwule CDU-Politiker Jens Spahn bereits die Vorlage für Fests Aufstachelungen gegeben hat. Die „Welt“ hat ihm dabei einige Zeilen mehr eingeräumt, und so darf Jens Spahn weitaus ausführlicher uns „klipp und klar“ seine ‚Meinung‘ kundtun und eloquenter gegen böse Linke und rassistische Ausländer zu Felde ziehen …

Er nutzt die aktuelle Kritik an Israel wegen des Gaza-Kriegs, eine Welle von antisemitischen Äußerungen im Umfeld von Demonstrationen um gegen einen „Rabatt für rassistische Migranten“ anzuschreiben. Er benutzt dabei die mittlerweile übliche „Das muss jetzt mal gesagt werden“-Rhetorik. Dazu gehört:

„Ein Fragesteller nach dem anderen [im Rahmen einer Podiumsdiskussion] arbeitete sich wortgewaltig an der katholischen Kirche und ihren Positionen zur Homosexualität ab. Meine Replik, dass das ja alles schön und gut sei, ich aber noch nie von einem Katholiken dumm angemacht worden sei, wenn ich mit meinem Freund als Paar durch die Stadt laufe, mittlerweile aber schon mehrfach von türkisch- oder arabischstämmigen Jugendlichen – diese Replik rief lautstarke Empörung hervor.“

Und Herr Spahn weiß natürlich, aus welchem Lager der Widerspruch kommt:

„Es irritiert mich zutiefst, wie blind viele sonst jederzeit empörungsbereite Linke und Linksliberale auf diesem Auge sind.“

Und mal in Rage kriegen auch die Frauen ihren Teil ab:

„Es kann gar nicht genug gegendert werden, der Feminismus siegt sich bis in die Vorstandsetagen politisch korrekt zu Tode, aber bei Zwangsheirat, Burka und Ausgehverbot werden Frauenrechte dann doch relativ […].“

Alle schauen weg, wenn’s um den Islam geht, aber die armen christlichen Kirchen kriegen ständig eins auf die Mütze:

„Die katholische und evangelische Kirche, ihr Glauben und ihre Würdenträger müssen sich hierzulande, so wollen es die Freiheit der Meinung und der Kunst, Spott und Häme gefallen lassen – aber wehe, der Islam oder sein Gott werden karikiert“

Und die Fußball-Fans, auch die sind die Opfer, weil die nämlich nicht mal ein bisschen „Gaucho“ tanzen dürfen. Bei Nazis und der Nationalelf funktioniere ein „gesellschaftlicher Abwehrreflex“ gut. Eine Blindstelle seien „Ausländer“. (Kurz angemerkt: in der Überschrift von Spahns Artikel waren es noch „Migranten“.)

„Auch Ausländer dürfen keine Rassisten, Schwulenhasser oder Judenhetzer sein. Da gibt es nichts zu relativieren. Es gibt Denkmuster und Traditionen, die gehören eben nicht zu Deutschland. Es wäre gerade für eine erfolgreiche Integration in Deutschland gut, wenn wir das öfter mal klipp und klar sagen würden.“

Es ist offensichtlich, dass Jens Spahn bereits das Wählerklientel der AfD im Blick hat: Die Ausfälle gegen ‚Gender-Wahnsinn‘ und renitente Feministinnen sind Versatzstücke der „Meinungs“-Macher aus dem rechtspopulistischen Lager. Sie sind gar nicht nötig, aber man baut sie in den Text ein. Sie sind Duftmarken – und Jens Spahn benutzt sie, damit die rechts-reaktionäre Bewegung ihn, den Homo, als einen der ihren erkennt.

„Mehrfach von türkisch- oder arabisch-stämmigen Jugendlichen“ angemacht worden zu sein – das ist das einzige, womit Spahn seine Ausführungen unterfüttert. Wenn das so stimmt, dann ist es bedauerlich, dass er von den Jugendlichen angemacht wurde. Nur: Es hätte der schwulen Community (mit der Spahn ja eher weniger zu tun haben will) mehr geholfen, wenn er solche Vorfälle gleich bekannt gemacht hätte. Dann ließe sich damit besser umgehen, als wenn solche negativen Erlebnisse für den Rundumschlag gegen die Linke und für den unterdrückten guten Deutschen dienen müssen.

Es ist typisch für den Rechtspopulisten Es verwundert doch sehr, dass Jens Spahn das Problem mit schwulenfeindlichen Türken erst jetzt in den Sinn kommt. Inmitten einer Zeit der Eskalation im Israel-Palästina-Konflikt fühlt er sich bemüßigt, sein Schwulsein zum Ausgangspunkt für Islamkritik und – sein eigentliches Ziel – für Stimmung gegen „die“ Linke, „die“ kriminellen, antisemitischen, homophoben Ausländer zu machen.

Er wolle keine Minderheiten gegeneinander ausspielen, schreibt Spahn ganz zu Anfang des Kommentars – um genau das zu tun. Hier der aufrechte Inländer mitsamt der guten christlichen Kirche, die immer kritisiert werden und angeblich nix mehr sagen dürfen – da der muslimische Ausländer, der alles darf, dem man alles durchgehen lässt. Stereotype Verallgemeinerungen und Falschheiten („Rabatt“ für Ausländer), in denen sich Rechtspopulisten wie und nun anscheinend auch Jens Spahn suhlen – um letztlich unfruchtbare Ressentiments zu schüren. Mit „den“ Muslimen, „den“ Katholiken, „den“ Ausländern und „den“ Linken ist uns hierzulande so wenig geholfen wie mit „den“ Juden, „den“ Israelis, „den“ Palästinensern anderswo. / ©RH

Link: Kommentar von Jens Spahn „Israelhetze: Kein Rabatt für rassistische Migranten“

6 Responses to “Am Stammtisch mit Jens Spahn zum Thema Ausländer (einfach weil es grad so gut passt)”


  1. 1 Hannes Juli 27, 2014 um 11:19 pm

    Danke für den Hinweis.
    Ich kann Jens Spahn zu 100 Prozent zustimmen.
    Ohne sie, samstagisteingutertag, hätte ich das verpasst und wüsste gar nicht dass es doch ein paar coole Socken in der Partei gibt die ehrlich sagen was sie denken.
    Ob das im Sinne ihres Blogs war, sei dahin gestellt.

    • 2 RH Juli 28, 2014 um 6:52 am

      „Wenn du doch geschwiegen hättest“ … Der „ehrliche“ Herr Spahn freut sich hoffentlich über die „coole Socke“.

  2. 3 martinframee Juli 28, 2014 um 11:37 am

    „Mit ‚den‘ Muslimen, ‚den‘ Katholiken, ‚den‘ Ausländern und ‚den‘ Linken ist uns hierzulande so wenig geholfen wie mit ‚den‘ Juden, ‚den‘ Israelis, ‚den‘ Palästinensern anderswo.“ (S.i.e.g.T.)

    Ein zutreffender Einwand. Die Stereotypen werden von Leuten aus unterschiedlichsten politischen und/oder religiösen Richtungen gern ausgepackt um zu hetzen und den eigenen Standpunkt zu bestätigen.
    Erforderlich ist es zu diiferenzieren, auch wenn das mühsamer ist als das schnell dahingesagte oder -geschriebene Wort, das die Teilnehmer der Mediengesellschaften in Wallung versetzt.

  3. 4 Jürgen Bieniek Juli 29, 2014 um 1:25 pm

    Dumpfbacken neigen zur Einfachheit, weil sie nicht anders können – das trifft generell auf alle mit Spahnplatten vor dem Kopf!

  4. 5 Toddibär August 4, 2014 um 11:30 am

    Herr Spahn möchte in das Präsidium der CDU. So hat er es im April mit Herrn Mißfelder ausgemacht. Er muss nur noch vom Parteitag gewählt werden. Aus dem Grund macht es sich sicherlich gut, wenn er sich nun als stramm konservativ gibt. Dann fällt das Bisschen „Schwulsein“ auch nicht auf.

    Außerdem, ich kann mir Herr Spahn nicht mit Freund händchenhaltend vorstellen. Und wenn er sich so für Gleichstellung einsetzt, kann er gerne mal mit Freund händchenhaltend durch Borken gehen und nicht wieder die Fahrbereitschaft des Bundestags in die Sauna nutzen oder das Berghain sprich Panorama Bar unsicher machen. Das war hier auch schon Thema.

    http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2005/10/29/a0179

    https://samstagisteingutertag.wordpress.com/2012/11/19/ein-interview-lang-schwul-und-mehr-muss-man-von-jens-spahn-zum-thema-auch-wirklich-nicht-wissen/

    • 6 RH August 4, 2014 um 12:53 pm

      Wobei ich hier, falls jemand den Link nicht klicken möchte, nochmals gern darauf hinweise, dass das mit der Fahrbereitschaft eine der üblichen kleinen Hetzen von k net waren (und man darum eher als Gemeinheit denn für bare Münze nehmen sollte). Persönlich soll Herr Spahn unbeschwert sein Schwulsein wo auch immer leben. Es ist in seiner Eigenschaft als Politiker etwas merkwürdig, dass ihm das eigene Schwulsein dann in den Sinn kommt, wenn er gegen Ausländer austeilt.


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