Bloß eine Beleidigung! Wieso bleiben Deutschlands schwul-lesbische Verbände so gelassen, wenn sich der Hass gegen andere richtet?

Eine Welle der Judenfeindlichkeit schwappt gerade mal wieder durch die Republik. Anlass ist der Krieg im Gaza-Streifen. Bei „pro-palästinensischen“ Demonstrationen werden antisemitische Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein“ gerufen oder „Scheiß Jude, wir kriegen dich“. In einer Moschee in Neukölln fordert ein Hassprediger „Tötet sie bis zum Letzen“. Wäre eigentlich Grund genug sich zu empören – auch für die VertreterInnen der schwul-lesbischen Community. Aber vielleicht sind wir auch nur froh, dass es dieses Mal einen anderen trifft?

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat – sehr zur Freude der Berliner Polizei, die sich in ihrem Nichtstun gegen antisemitische Parolen auf einer Demonstration letzten Donnerstag bestätigt fühlen darf – belehrt, dass „Jude, Jude, feiges Schwein“ keine Volksverhetzung, sondern nur eine Beleidigung sei. Das freut sicher alle Aggro-Demonstranten. Und die Meinungsvielfalt.

Als 2012 ein Terrorhelfer u.a. für die Verbreitung von Videos, die die Enthauptung eines amerikanischen Geschäftsmannes durch Al-Kaida-Terroristen zeigten, zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, war es den deutschen Richtern wichtig, dass er nicht wegen irgendwelcher „Meinungen“ verurteilt worden sei. Es hieß über den Verurteilten:

„(…) ein Mensch, der nicht nur die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York befürwortet und die Todesstrafe für Homosexuelle fordert. Für islamistische Meinungsäußerungen werde er jedoch nicht verurteilt, seien sie noch so abstrus, betonte das Gericht“. (Deutschlandradio, 22.3.2012)

Todesstrafe für Homosexuelle zu fordern … so what?! Ähnlich nun die Gelassenheit, wenn einige gewaltbereite Demonstranten – fröhlich mit NS-Tattoos am Arm und Palästinenser-Schal um den Hals – Judenfeindlichkeit schüren, wo vielleicht Israel-Kritik gemeint sein könnte. Ein bisschen sprachlich verbrämtes „Tötet Juden“ … so what?! Ja, Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Man muss sie aushalten. Man muss weggucken, Hass ignorieren, und – am besten schweigen? Nur reagieren, wenn man selbst betroffen ist?

Schwule und Lesben fühlen sich wohl in ihren Anti-Homophobie-Bündnissen. Da wird jede Solidarität vom türkischen Fußballverein, von der jüdischen Gemeinde und vom Bierproduzenten zu Recht bejubelt – und man schweigt umso hartnäckiger, wenn es andere trifft. Machen sich all die Zusammenschlüsse gegen Homophobie auch gegen Antisemitismus stark? Wo ist der LSVD, wenn in Deutschland Juden – und sei es in einer temporären Aggressionswelle wie anlässlich des Gaza-Krieges – angegangen werden? Diejenigen, die derzeit so lautstark in der Facebook-Blase für eine weitere Vertretung trommeln: Ist in diesem ja unverändert inhaltlich völlig schwammigen Phantasma auch die Solidarität mit anderen vorgesehen? Und wie zeigt sie sich?

Früher war oft von Solidarität mit anderen gesellschaftlichen Gruppen die Rede. Im Regenbogen-Symbol schwingt diese Utopien immer noch mit. Heute richten wir uns wohl eher in der Auffassung ein, dass halt jeder sich um seinen eigenen Kram kümmern soll. Schwule und Lesben schreien, wenn es gegen Schwule und Lesben geht, Juden schreien, wenn es gegen Juden geht. Und das „Cross-over“ geschieht höchstens dann, wenn eine jüdische Transsexuelle verdroschen wird? (Nebenbei: Auch da blieb der Aufschrei der schwul-lesbischen Verbände aus, auch das wurde als Einzelfall großzügig ignoriert.) Das kann man unterhalb meiner persönlichen und moralischen Verwunderung schlicht als Arbeitsteilung sehen.

Was mir fehlt, sind Gesten der Solidarität. Der kleinteilige Lobbyismus, der meint, es sei in einer Gesellschaft damit getan, dass man ausschließlich und nur die eigene Gruppe fokusiert, trägt zu einem geregelten Nebeneinander bei (was ja nicht  wenig ist), zu einem Miteinander führt er nicht. Es ist auch einigermaßen seltsam, wenn man selbst stets „die anderen“ zur Solidarität aufruft, selbst aber keine Wege, Geste, Modelle hat, um Solidarität mit „den anderen“ zu zeigen. (Auch dieses Blog „lebt“ ja letztlich mit seinem Tunnelblick.)

Dabei geht es weder darum, einen kriegerischen Konflikt auf der Welt zu lösen, noch, sich parteiisch auf eine Seite zu schlagen. Es könnte aber darum gehen, als schwul-lesbische Community eine allgemeine Grenze für Hass und Verachtung zu formulieren und künftig nicht mehr so hartnäckig zu schweigen, wenn wir nicht die unmittelbar Betroffenen sind. Die derzeitigen judenfeindlichen Ausfälle haben eine solche Grenze überschritten. Es ist eine Grenze, von der wir selbst als Schwule und Lesben auf lange Sicht immer auch profitieren. Vielleicht ist dieses Verständnis etwas in Hintergrund gerückt, weil wir derzeit einige Wertschätzung in den großen Medien genießen und über schwul-lesbisches Leben ja halbwegs ordentlich berichtet wird? Schwindet, weil wir uns selbst nicht mehr ganz so als „die anderen“ fühlen wie noch vor zwanzig Jahren, unsere Empathie für „die anderen“? Nehmen wir es so gelassen hin, dass sich Empörung über einen Krieg quasi „automatisch“ mit Hetze und Gewalt gegen Einzelne und einzelne Gruppen unserer Gesellschaft Ausdruck verleiht, weil wir froh sind, dass es jetzt mal „die anderen“ und nicht uns trifft? / ©RH

Editorische Notiz: Die ursprüngliche Überschrift des Artikels lautete „Die Kultur der Gelassenheit – viel Meinung, wenig Solidarität“. Ich habe sie nachträglich geändert.

2 Responses to “Bloß eine Beleidigung! Wieso bleiben Deutschlands schwul-lesbische Verbände so gelassen, wenn sich der Hass gegen andere richtet?”


  1. 1 Ralf Juli 22, 2014 um 3:18 pm

    Es ist ein weit verbreiteter Irrtum anzunehmen, dass zwischen Minderheiten Solidarität bestehe. So nahm z.B. ein Münchner Rabbiner ein Interview mit münchen.tv voriges Jahr zum Anlass, sich intolerant gegen Schwule zu äußern. Mit welchem Recht könnte so jemand erwarten, dass Schwule sich mit Juden solidarisieren? Der immer wieder aufblühende Antisemitismus erschreckt mich und macht mich so wütend wie ratlos. Aber auch jüdischer Schwulenhass ist wie christlicher und islamischer nach wie vor unbelehrbar und unausrottbar vorhanden und wird liebevoll von seinen Trägern gepflegt. Ob deshalb gerade Schwule berufen sein sollten, sich mit Juden zu solidarisieren, muss man jedem Einzelnen überlassen. Ich tue es, aber ich verlange es von anderen nicht. Allerdings berührt es unangenehm, dass z.B. der LSVD -dem ich nicht mehr angehöre- sich gerne multikulturell gibt, wenn es den Islam zu schützen gilt (erinnern wir uns manches Moscheebesuchs und mancher Moscheemahnwache), ähnliche Sympathie für Juden aber -zumindest nach meiner Kenntnis- vermissen lässt. Man kann auch lange streiten,ob „die“ Juden und der Staat Israel gleichgesetzt werden dürfen. Ja – denn Israel sieht sich als einen jüdischen Staat. Nein – denn Deutsche, Italiener, Niederländer, Franzosen, Amerikaner usw., die zufällig Juden sind, haften nicht allein deswegen für die Politik der israelischen Regierung. In jedem Falle darf aber nicht übersehen werden, dass der Staat Israel sehr weitgehend Schwule und Lesben akzeptiert und schützt, so weit wie sonst kein Land Asiens. Bei aller Kritikfähigkeit, die wir uns für konkretes israelisches Regierungshandeln bewahren sollten, dürfen wir deshalb eine Grundsolidarität mit Israel nicht vernachlässigen.

  2. 2 bajazbasel August 18, 2014 um 9:50 pm

    Dass Schwule gefährlich für Kinder seien, ist ebenso noch weit verbreitet wie der latente Antisemitismus und homosexuelle Kinder kann es gar nicht geben, denn „die sind alle verführt worden“! Vergesst das nie! Amen.
    Kürzlich hat mir eine Frau im Schwulenbuchladen erklärt, sie sei grundsätzlich gegen Homo-Ehen und die Kinder müsse man auch vor uns schützen. Das hat mir in den 37 Jahren noch keine so persönlich gesagt!


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