„Zeit“-Autor Jochen Bittner will, dass homophobe Politiker nicht mehr als homophob bezeichnet werden dürfen

Die wichtigen deutschen Nachrichtenmedien berichten zunehmend über Themen, Vorfälle, die Homosexuelle betreffen, und mehrheitlich lassen sie keinen Zweifel daran, dass Diskriminierung von Schwulen und Lesben nicht geduldet werden soll. Neuerdings ist aber zu beobachten, dass die Nachrichtenmedien sich parallel dazu ebenso engagiert zum Fürsprecher von homophoben Tendenzen machen. Im Falle der „Welt“ gehört es schon zur Normalität(!), dass jeder CSD, jedes Coming-out eines Prominenten von dummen Artikeln eines Broders oder Matusseks begleitet werden, weil diese Vielschreiber und Überallpublizierer sich, warum auch immer, in ihrem heterosexuellen Aktionsradius bedroht fühlen. Nun bittet auch Jochen Bittner in der „Zeit“ um Schutz für Rechtspopulisten und für die Homo-Gegnerin Beatrix von Storch. Die soll, seiner Ansicht nach, nicht mehr als „homophob“ bezeichnet werden dürfen …

Anlass ist ein Video von drei jungen EU-Abgeordneten der Grünen, in dem diese gequält ungezwungen über ihre erste Sitzungswoche im Parlament plaudern. Jochen Bittner hat über dieses Video gelacht. (Ich selbst habe bei diesem Video nicht gelacht und nur gedacht, dass Witzigkeit halt doch Grenzen kennt.)

Im Video sagt die 27-jährige Terry Reintke, weiblicher Neuling im Parlament, dass sie in so „spannenden“ Ausschüssen wie dem Frauenausschuss sitze. Es hätte sie aber „wütend“ gemacht, dass dort auch Beatrix von Storch von der AfD vertreten ist. „Das wird bestimmt ziemlich nervig mit so ganz vielen homophoben und antifeministischen Ausfällen.“

Das hätte sie mal besser gelassen. Jochen Bittner in der „Zeit“:

„Wer so redet, und sei es mit noch so viel aufgesetztem Kleinmädchencharme, gibt zu erkennen, dass er an tiefer gehenden inhaltlichen Auseinandersetzungen kein Interesse hat, schlimmer noch, dass er sich schon vor jeder Debatte im Besitz letzter Wahrheiten wähnt. Natürlich darf man die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch jederzeit hart dafür kritisieren, dass sie die Homoehe ablehnt und dass sie einem traditionellen, womöglich reaktionären Familienbild anhängt. Der Urteilsspruch ‚homophob‘ und ‚antifeministisch‘ aber hat ein anderes Ziel: die Verbannung bestimmter Ansichten aus dem Reich der erlaubten Meinungen.
Wer glaubt, er könne durch prima-facie-Abqualifizierungen die Grenzen eines Diskurses festlegen, denkt illiberal.“

Und die böse Verfehlung wird dann zum generellen Vedikt:

„Leider ist das selbstgerechte moralische Diskreditieren des politischen Gegners immer noch eine grüne Unart.“

Ja, das mag so sein! Und es ist müßig, das Moralisieren der Grünen gegen das Moralisieren einer Beatrix von Storch aufzurechnen, die unter dem dünnen Mäntelchen „Familienschutz“ mit Verve alles geißelt, was ihr nicht passt.
Es erstaunt allerdings, dass der Ärger von Herrn Bittner über die Selbstgerechtigkeit der Grünen gerade dann erwacht, wenn es gegen eine Homo-Gegnerin geht! Dabei hat Beatrix von Storch eine eigene Internetseite, in der sie „frei“ über alles plaudern kann. Sie braucht nicht wirklich die Schützenhilfe der „Zeit“. Aber mit demokratischer Grundüberzeugung nimmt Jochen Bittner einen dämlichen Video auseinander, um Frau von Storch Recht widerfahren zu lassen. Gelassen argumentiert er für das gepflegte Austragen von Ansichten im EU-Parlament.
Wer aber so tut, als sei die Homophobie einer Beatrix von Storch nur eine Meinung, der schwimmt bereits auf der Argumentationslinie der neokonservativen Rechtspopulisten, die ihr antidemokratisches Wirken und ihre ständige, hemmungslose (verbale) Diskriminierung von Homosexuellen, Asylsuchenden, Migranten von der Meinungsfreiheit geschützt wissen wollen. Meinungen anderer geraten ihnen allerdings stets zur „Propaganda“, zur „Gleichschaltung“, zum „Gender-Terror“ etc.
Jochen Bittner will keine Ausgrenzung von Rechtspopulisten, sondern eine Debatte. Eine Debatte, für die er wiederum gleich die Regeln vorgibt. Anders als Jochen Bittner es sieht, ist Homophobie nicht eine Meinung im politischen Diskurs, über die im Kammerton der „Zeit“ geplaudert werden kann. Es ist schon auffällig naiv zu fordern, Beatrix von Storch solle kritisiert, aber bitte sehr nicht als homophob bezeichnet werden. Indem er den Vorwurf „homophob“ als „illiberale“ Abqualifizierung geißelt, will er letztlich Schwulen und Lesben (und Politikern, die sich für sie einsetzen) nicht nur vorschreiben, was sie wie sagen dürfen, sondern letztlich die Möglichkeit nehmen, sich gegen Diskriminierung zu wehren. / ©RH

Nachtrag: Norbert Blech von queer.de hat mich auf diesen Beitrag vom April im „Zeit“-Blog „Störungsmelder“ aufmerksam gemacht. Möglicherweise war Autor Sieber ziemlich illiberal, wenn schon die Überschrift heißt: „Die AfD als antifeministische und homophobe Kraft“.

11 Responses to “„Zeit“-Autor Jochen Bittner will, dass homophobe Politiker nicht mehr als homophob bezeichnet werden dürfen”


  1. 1 Ralf Juli 10, 2014 um 6:24 pm

    Homophobie ist eine psychische Störung, die Urangst vor allem, was homosexuell ist, insbesondere vor etwaigen eigenen homosexuellen Gefühlen. Dieser Begriff hat in der Politik nichts zu suchen. Was dort gemeint ist, heißt Heterosexismus und ist die strikte Ablehnung von allem, was nicht in das festzementierte politische/ideologische Bild von verschiedengeschlechtlicher Liebe, Sexualität, Partnerschaft, Familie und Gesellschaft passt. Heterosexisten sind nicht psychisch krank, wie durch die falsche Verwendung des Wortes Homophobie suggeriert wird, sie sind schlicht Produkt intoleranter, von Hass auf Schwule und Lesben geprägter Sozialisation. Das soll man dann aber auch beim Namen nennen und nicht zu psychologisieren versuchen. Davon abgesehen darf sich niemand vor der politischen Auseinandersetzung drücken, indem er/sie Gegner(innen) mit Schlagwortetiketten versieht und sie damit als nicht satisfaktionsfähig abstempelt. So einfach darf man es sich nicht machen. So angreifbar darf man sich nicht machen. Wer es trotzdem tut, adelt Homohasser zu Opfern, denen vermeintliche Freiheit von Glauben und Meinung verwehrt werde. Wer die Hetzer und Blockierer als Phobiker abtut, mag sich bei der Verwendung dieses Wortes gut fühlen, verweigert aber den Kampf gegen sie und stärkt sie sogar.

  2. 2 RH Juli 10, 2014 um 6:34 pm

    Mit Verlaub: Das tut gerade so, als ob Beatrix von Storch ein unbeschriebenes Blatt wäre. Und es ist auch komplett absurd wenig hilfreich, anderen zu unterstellen, weil sie ein bestimmtes Wort verwenden, verweigerten sie einen „Kampf“. (Noch als Nachtrag, später hinzugefügt: Man kann natürlich debattieren, ob es nicht sinnvoller wäre, in Diskussionen eher das Wort „heterosexistisch“ statt „homophob“ zu benutzen. Um diese Debatte ging es Bittner aber ganz sicher nicht.)

  3. 3 Holger Jakobs Juli 10, 2014 um 8:30 pm

    Ja, darüber kann man debattieren. Der Begriff „Homophobie“ ist aber in der politischen Debatte bereits eingeführt, wenn auch genau genommen in der Bedeutung von „Heterosexismus“. Ob es wirklich hilfreich ist, hier in Nachhinein zu korrigieren und die Wortwahl zu ändern?

    Ähnlich ist es ja mit dem Begriff „Antisemitismus“, denn dieser richtet sich gar nicht gegen (alle) Semiten, was die Araber einschließen würde, sondern bezeichnet Israelfeindlichkeit. Obwohl das seit Jahrzehnten klar ist, wird immer noch von „Antisemitismus“ in dieser (eigentlich falschen) Bedeutung gesprochen.

    Wörter dürfen in unterschiedlichen Kontexten auch durchaus unterschiedliche Bedeutungen haben. Wer im politischen Kontext „Homophobie“ sagt, meint „Heterosexismus“, wer es im psychologischen Kontext sagt, meint eine psychische Störung.

  4. 4 Ralf Juli 11, 2014 um 9:55 am

    Frau von Storch mag kein unbeschriebenes Blatt sein. Schön und gut. Herr Lucke ist es auch nicht. Aber wer sie homophob nennt, stellt (noch dazu als Laie) eine psychologische oder psychiatrische Diagnose. In Politik und Gesellschaft ist es wenig hilfreich, den Gegner als krank abzutun, erst recht, wenn er nicht krank ist. Das wirkt als Beschimpfung und führt zur Solidarisierung. Ergebnis: Es wird nicht über die hanebüchenen Ansichten und Ziele dieser Typen geredet, sondern über ihre vermeintlich angegriffene Meinungsfreiheit. Diese Leute sprechen uns gleiche Rechte und Würde ab. Sie fordern unsere Ausgrenzung und Benachteiligung. Sie sind gegen Freiheit und Vielfalt. Sie stehen für politischen und religiösen Extremismus. Das ist nicht krank, das ist verwerflich. Das ist nicht Phobie, sondern Hass. Das ist nicht Angst, sondern Menschenfeindlichkeit. Das ist nicht Meinung, sondern Hetze. Wer da von Phobie redet, ist schlicht zu feige, den Sachverhalt öffentlich klar zu benennen. Es macht nun mal einen signifikanten Unterschied, ob ich jemanden als krank beschimpfe oder ihm vorhalte, dass er gegen die Menschenrechte agitiert. Im ersteren Falle versuche ich nur, ihn zu diskreditieren, im letzteren Falle tue ich es tatsächlich und erzwinge eine Debatte nicht über die vermeintliche Meinungsfreiheit des Gegners, sondern über seine dreckige Gesinnung.

  5. 5 Charlie Juli 12, 2014 um 9:21 am

    „Sowohl in queeren, als auch nicht-queeren Medien wird der Ausdruck ‚Homophobie‘ inzwischen inflationär für drei Phänomene (Homophobie, Heterosexismus, Heteronormativität) verwendet. Das wäre an und für sich auch unbedenklich, wenn dadurch nicht die tatsächliche Dimension des Problems verkannt und von wirklich effektiven Lösungsansätzen abgelenkt werden würde. Indem wir ausschließlich von ‚Homophobie‘ sprechen, wird die Heteronormativität und der vorherrschende Heterosexismus gleichermaßen verschleiert wie verharmlost. Die gesellschaftliche Mehrheit bekommt schon durch das vorangestellte Wort ‚Homo‘ vermittelt, dass es sich hier scheinbar nicht um ein gesamtgesellschaftliches, sondern ‚lediglich‘ um ein Minderheitenproblem handelt. Gehe ich zu weit mit der Annahme, dass viele Menschen erwarten, die besagte Minderheit habe sich folglich um ihre Probleme selbst zu kümmern und solle die Mehrheitsgesellschaft nicht damit behelligen?“
    http://www.queergeist.com/2014/05/14/homophobie-oder-die-frage-wovon-wir-eigentlich-reden/

    • 6 RH Juli 12, 2014 um 9:41 am

      Es ist interessant, welche Debatte sich um eine Kritik an einem „Zeit“-Kommentar eröffnet.
      – Ich glaube nicht, dass Jochen Bittner seinen Text anders schreiben würde, wenn es statt „homophob“ „heterosexistisch“ heißen müsste.
      – Ja, möglicherweise weitet „heterosexistisch“ den Blick.
      – Altmodischerweise fände ich es schön, wenn sich Schwule und Lesben sich durchaus selbst um ihre Probleme kümmern. Wer sollte es „uns“ (sofern es das gibt) abnehmen? Bei einem der voranstehenden Kommentare bin ich erstaunt, mit welcher unterschwelligen Aggression plötzlich jene, die „homophob“ verwenden, als eigentliche Doofmänner gebrandmarkt werden. Weil man nicht weiß, wie man dem Dauerfeuer der Rechtspopulisten beikommen soll, wendet man seine Kritik an die Kritiker und tut so, als ob die „Schuld“ sind, weil sie sprachlich nicht korrekt argumentieren. Aber wahrscheinlich bin ich da zu empfindlich.
      – Die Mehrheitsgesellschaft sollte freilich generell ein Problem mit Leuten wie Frau von Storch haben, nicht nur, weil sie homophob (sic) ist, sondern weil sie per se eine antidemokratische Politik auf Kosten anderer vertritt.

      • 7 Charlie Juli 12, 2014 um 10:25 am

        Ich denke natürlich auch nicht, dass Bittner anders schreiben würde, wenn es statt ‚Homophobie‘ ‚Heterosexismus‘ heißen würde. Aber die Bewertung solcher Äußerungen würde möglicherweise anders wahrgenommen werden. Der Begriff ‚Heterosexismus‘ setzt genau da an, wo er die größten Probleme verursacht – nämlich bei heterosexuellen Menschen, die die Ansicht vertreten, ihre Orientierung sei die einzig natürliche und legitime, wodurch sie selbstverständlich anderen Begehrens- und Liebesformen gegenüber privilegiert werden müsse (was mit der Diskriminierung und Herabsetzung anderer Formen einhergeht). Daher ist er meiner Meinung nach einfach besser geeignet, für das Problem gesamtgesellschaftlich zu sensibilisieren. Letztlich geht es also vor allem darum, wie die Öffentlichkeit auf auf Äußerungen reagiert.
        Selbstverständlich kann es nicht angehen, den Menschen gegenüber, die trotzdem eher den Begriff ‚Homophobie‘ verwenden, aggressiv zu werden. Aber ich denke, dass es wichtig ist genau zu schauen, weshalb sich Menschen von dem Begriff distanzieren. Es gibt Menschen, die dadurch versuchen, die öffentliche Debatte über das Thema Heterosexismus/Homophobie/Queerfeindlichkeit zu unterdrücken, also typisches Silencing betreiben, wie es Bittner tut. Andere lehnen den Begriff ab, weil sie ihn als verharmlosend empfinden, nach dem Motto ‚Phobien sind Ängste für die die Betroffenen nichts können, und deren Auswirkungen auf z.B. schwule Männer daher nicht gesamtgesellschaftlich bekämpft werden können‘. Andere – und zu denen zähle ich mich auch – empfinden ihn einfach als zu undifferenziert, da hier aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit ein Begriff für mindestens drei Phänomene benutzt wird. Es ist schwer, einem stinknormalen Hetero zu erklären, wieso z.B. die Forderung nach der Aufrechterhaltung heterosexueller Privilegien verkehrt ist, wenn man nur von Homophobie spricht. Nicht selten heißt es dann: „Ihr werdet doch nicht dadurch diskriminiert, dass wir (Heteros) Privilegien haben.“ (O-Ton eines Bekannten). Wenn man – wie ein Großteil der Menschen – Homophobie also nur als die explizite Herabsetzung Homosexueller sieht, begreift man nicht, dass heterosexuelle Besserstellung Teil (wenn nicht gar der Grund) der Diskriminierung ist. Begriffe wie ‚Heterosexismus‘ greifen hier einfach wesentlich weiter und decken Ursachen auf.
        Beim letzten Satz gebe ich dir natürlich völlig recht. Antidemokratische Politik auf Kosten anderer Menschen sollte eigentlich bereits Grund genug sein, ein Problem mit Menschen wie Frau von und zu Adebar oder Herrn Bittner zu haben.
        Gruß von Charlie

  6. 8 bajazbasel Juli 17, 2014 um 2:41 pm

    Ich bin auch der Meinung, man könne nicht alles einfach unter „Homophobie“ abqualifizieren. So viele Gründe es für Männer gibt, mit Männern Sex zu haben, so viele Gründe gibt es auch dagegen zu sein! Etwas mehr Sorgfalt in den Auseinandersetzungen wäre wünschenswert! Vor allem auf politischer Ebene, gibt es auch vorsätzlichen Missbrauch dieses Themas!

  7. 9 Ralf Juli 20, 2014 um 12:47 pm

    @ bajazbasel

    Welche vielen Gründe gibt es, dagegen zu sein, wenn zwei andere Menschen auf Grund freien Willens Sex miteinander haben?

  8. 10 RH Juli 22, 2014 um 1:31 pm

    Ich habe diesen englischsprachigen Artikel erst heute entdeckt, aber er passt zum Thema: Er ist von Ende 2012 und betrifft die Maßgabe der Nachrichtenagentur AP, den Begriff Homophobie nicht mehr zu verwenden: http://www.huffingtonpost.com/michelangelo-signorile/associated-press-ban-on-h_b_2236916.html

  9. 11 Ralf Juli 22, 2014 um 2:54 pm

    @ Rainer

    Danke für den Link!

    Ich stimme einem der dortigen Leserbriefschreiber zu. Das Wort ist seiner vermeintlichen Bedeutung unangemessen, denn es bezeichnet Angst, während in Wahrheit Abscheu (ich möchte da aber eher von Hass reden) benannt werden soll.


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