Murks am Montagmorgen: Opernsängerin Tamar Iveri wird von homophoben Äußerungen eingeholt

In Sydney hat man nicht lange gefackelt. Nachdem ein extrem homofeindlicher Beitrag auf der Facebook-Seite der georgischen Sopranistin Tamar Iveri bekannt gemacht worden war, wurde ihr Vertrag gekündigt. Im Juli hätte sie in der Oper „Othello“ singen sollen. Mittlerweile hat auch das Brüsseler Opernhaus La Monnaie für 2015 geplante Auftritte von Iveri abgesagt. Die Sängerin selbst macht ihren Ehemann Raul Tskhadadze für den Beitrag verantwortlich und beteuert, dass sie jede Form der Diskriminierung ablehne.

Ende Mai letzten Jahres (!) war in Iveris Facebook-Profil eine Hasstirade aufgetaucht, in der die Gewalt gegen eine LGBT-Parade in der georgischen Hauptstadt Tiflis gutgeheißen wurde. Der Präsident wurde aufgefordert zu verhindern, dass westliche Scheiße („West’s ‘faecal masses’“) das Volk beeinflusse. Manchmal sei es nötig, Knochen zu brechen, um als Nation ernst genommen zu werden. Krebsgeschwüre müssten schon im Anfangsstadium entfernt werden … sonst würde morgen auch noch die gleichgeschlechtliche Ehe gefordert werden.

Gestern nun bestätigte der Autor des Facebook-Accounts auf den Namen Raul Tskhadadze, dass diese Zeilen tatsächlich von ihm stammten. Seine Frau Iveri sei, als sie die unter ihrem Facebook-Profil veröffentlichten Äußerungen gelesen habe, sehr wütend geworden und habe diese sofort gelöscht.

Tamar Iveri ihrerseits erklärt (auf einem Facebook-Account ihres Namens und einem Titelbild „Peace. Love. Harmony“), sie selbst habe 2013 lediglich darauf hinweisen wollen, dass eine Parade von Homosexuellen Gewalt von den orthodoxen Gläubigen hervorrufen könne. Aus Sorge habe sie vor einer Parade gewarnt, nicht, um Schwule und Lesben zu diskriminieren. Ihr Ehemann – „ein sehr religiöser Mann mit einer harten Haltung gegenüber Homosexuellen“ – habe ihre Ansichten in seinem eigenen Sinne umformuliert und veröffentlicht.

Schon damals habe sie sich entschuldigt. Nun sei sie schockiert und traurig, als homophob gezeichnet zu werden. „Ich habe niemals ein Wort geäußert, dass mich mit homophoben Vorstellungen in Verbindung bringen könnte. Ich respektiere jedes menschliche Wesen und bin gegen jede Art von Gewalt und Diskriminierung.“ Zudem wolle sie darauf hinweisen, dass ihr nicht von der Oper Sydney gekündigt worden sei, sondern sie selbst um eine Vertragsauflösung gebeten habe.

Vor drei Tagen war eine Online-Petition gestartet worden, in der gefordert worden war, der Sängerin die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für Australien sofort zu entziehen. 4698 UnterzeichnerInnen unterstützten diese Forderung – und feiern nun ihren Erfolg. Man habe gezeigt, dass kein Platz für Hass in der Unterhaltungsindustrie sei.

Auch der Ehemann Iveris gibt sich inzwischen ein wenig geläutert. Er habe es damals als Provokation empfunden, dass die Homosexuellen ausgerechnet nahe eines Friedhofs, auf dem in Afghanistan gefallene Soldaten beerdigt werden sollten, hätten demonstrieren wollen. Jede Gesellschaft solle Toleranz gegenüber Menschen anderer sexueller Orientierung zeigen, aber auch gegenüber anderen Meinungen. Er habe ausdrücken wollen, dass Georgien nicht reif für Dinge sei, die in der europäischen Kultur alltäglich wären.

Scheinbar gibt es auch in Georgien wie hierzulande eine fehlende Wachheit dafür, dass Aufruf zu Hass und Gewalt wenig mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung zu tun hat. Davon einmal abgesehen, kann man sich fragen, ob Auftrittsverbote wirklich das geeignete Mittel sind, um auf homophobe Äußerungen zu reagieren. Andererseits: Wieso sollten Äußerungen, die auf Ausgrenzung zielen und Gewalt rechtfertigen, hingenommen werden? Wer meint, seine Karriere auf Kosten eines Teils des Publikums bauen zu können, sollte sich nicht darüber beklagen, wenn er in einer mehrheitlich toleranten Kultur nur noch dort auftreten kann, wo menschenfeindliche Äußerungen explizit gewünscht sind.

Im Falle von Tamar Iveri könnte allerdings vor jeder Debatte, wie auf homophobe Äußerungen reagiert werden soll, eine weitaus profanere Lehre stehen: Man sollte seinem Partner keinen Zugriff auf das eigene Facebook-Profil geben. / ©RH


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