Meta-Mitleid – oder: Homophobie ist immer anderswo

In Berlin ist in der Dienstagnacht ein schwules Paar von einer Gruppe von „mindestens fünf Männern“ homophob beleidigt, dann verfolgt und geschlagen worden. Diese Nachricht kann man im „Tagesspiegel“ lesen oder in den Pressemeldungen der Berliner Polizei, wobei der Titel der dortigen Übersicht das homophobe Motiv ausspart. Der heißt – sexuell neutral – „Beleidigt, bedroht, mit Glasflaschen beworfen“. Erst der „Tagesspiegel“ redet Klartext „Angriff auf schwules Paar“.
Schwule Medien haben die Nachricht bislang ausgespart. Dort sind noch die Fragen, ob Madonna Schwulenikone bleiben darf, die neusten Trends beim ESC und Schlümpfe im Tom-of-Finland-Stil vorherrschend. Vielleicht nehmen sie die Nachricht noch auf; aber selbst wenn: Gewalt gegen Schwule und Lesben ist nur eines von vielen Themen im Potpourri, das von Homo-Medien an den Homo-Leser geliefert wird / werden muss. Könnte es sein, dass durch die Vermassung von Nachrichten sowie die Feuilletonisierung von Homophobie ausschließlich als Problem im Fußball-Stadion die tägliche Gewalt, das tägliche Verbrechen aus dem Blick gerät?

Ganz sicher ist: Es gibt in ganz Deutschland keine schwule Redaktion, die täglicher homophober Gewalt nachspüren würde bzw. es leisten kann/will, sie konsequent zu beobachten. Es gibt keine Redaktion – weder lokal noch bundesweit -, die jemals recherchieren würde, was aus einer Straftat folgte. Im erwähnten Fall hat die Polizei einen 40-Jährigen als Tatverdächtigen festgenommen. Aber in diesem wie in unzähligen Fällen zuvor werden wir nichts weiter erfahren. Kommt es zum Prozess? Werden noch andere mögliche Täter festgenommen?
In Berlin-Schöneberg gab es mehrfach Anschläge auf eine Ausstellung über Karl Heinrich Ulrichs im Rathaus (ein Ort, wo man eigentlich eine gewisse Sicherheit erwarten würde), in Berlin-Mitte wurde – wieder mal – das Homosexuellen-Mahnmal beschädigt. Darüber berichteten „queer.de“ und das lokale Magazin „Siegessäule“. Aber wenn wir ehrlich sind: Keiner erwartet, dass jemals ein Täter ermittelt wird. Und auch das gehört zur Ehrlichkeit: Es gibt ja auch keinen, der jemals nachfragen würde. Weder dieser Blogger (er erhält sowieso keine Auskunft der Polizei) noch ein bezahlter Journalist. Es ist – ganz simpel – zuviel Aufwand für zu geringen Ertrag.

Direkte Gewalt / Verbrechen gegen Schwule und Lesben in Deutschland ist als Nachricht in einen Teil der (lokalen) Mainstream-Medien gewandert. Erklärt das, warum innerhalb der Community kein großer Aufwand mehr um tägliches Verbrechen hierzulande gemacht wird? Es ist schon ein erstaunliches Missverhältnis zwischem der medialen Aufmerksamkeit für die Situation in Uganda oder Russland, der ausführlichen Erörterung der damit im Zusammenhang stehenden Fragen von Menschenrechten etc., der zur Dauereinrichtung gewordenen Mobilisierung zum Mitmachen an Aktionen via Facebook und der konsequenten Banalisierung von Gewalt gegen Schwule und Lesben in Deutschland. Das homosexuelle Wohlgefühl mag sich unangenehmen Tatsachen anscheinend nur widmen, wenn sie aus fernen, fremden Ländern kommen. Im heimischen Biotop ist man geneigt, Gewalt gegen Homosexuellen als privates Risiko abzuhaken. Wenn die Überfallenen Probleme haben, können sie ja das schwule Überfalltelefon anrufen! Im sehnsüchtigen Ringen um Normalität wird auch die Gewalt gegen Schwule und Lesben als krimineller Einzelfall normalisiert. Shit happens! Zumal in einer Großstadt wie Berlin.
Aber am 17. Mai werden zum Internationalen Tag gegen Homophobie wieder rührselige Texte geschrieben, schöne Reden gehalten werden – auf der Meta-Ebene, versteht sich. Die tägliche Kriminalität in Deutschland ist zu gering, um in den Fokus der gut gemeinten PR zu geraten. Sie wird – wie ich vermute, ganz bewusst – verdeckt durch die Dauerthemen Homophobie im Fußball und Schwulenhass in anderen Ländern. Dem Meta-Mitleid angesichts von Homophobie in der Welt steht die empathielose Gewöhnung ans ganz normale homophobe Verbrechen hierzulande gegenüber. / ©RH

6 Responses to “Meta-Mitleid – oder: Homophobie ist immer anderswo”


  1. 1 Ralf April 30, 2014 um 3:17 pm

    Und wieder mal: Es ist so wahr, dass es wehtut.

  2. 2 Dirk April 30, 2014 um 7:58 pm

    Man stelle sich vor, es gäbe regelmäßig ähnliche Gewalttaten gegen andere gesellschaftliche Minderheiten. Das würde dann zu Recht durch alle Mainstream-Medien gehen.

  3. 4 Charlie Mai 1, 2014 um 9:25 am

    @Dirk
    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was es bringen würde, in den Mainstreammedien permanent über Gewalttaten gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten zu berichten. Festigung des Opferbewusstseins unter Betroffenengruppen, Überlegenheitsgefühle von Nicht-Betroffenen, massive Beeinträchtigung unseres Sicherheitsgefühls? Außerdem würde ein Gewöhnungseffekt einsetzen, der bereits innerhalb der schwulen Community zu beobachten ist. Kann halt jeden mal passieren heißt es dann. Falsche Zeit, falscher Ort. Ohnmacht, Angst und Verunsicherung sind Gefühle, die hierbei nur allzu verständlich sind. Da liegt Verdrängung als Verarbeitungsstrategie schon nahe, so problematisch das gesamtgesellschaftlich auch ist. Und selbst, wenn Heteros über die alltägliche Gewalt informiert sind, wird sich außer Mitleid wohl nicht viel tun. Die traurige Wahrheit ist, dass nur wir selbst uns schützen können. Niemand wird uns abnehmen, Strategien zu entwickeln, die uns künftig – sofern es überhaupt möglich ist – vor derartigen Gewalttaten schützen können.

  4. 5 RH Mai 1, 2014 um 9:49 am

    Als Ergänzung zu den im Artikel erwähnten Anschlägen auf Ausstellung / Mahnmal ein Bericht von „queer.de“ (1.5.2014), basierend auf einer PM vom LSVD Berlin-Brandenburg, über die Beschädigung der Gedenktafel am Magnus-Hirschfeld-Ufer in Berlin: http://www.queer.de/detail.php?article_id=21485

  5. 6 bajazbasel Mai 3, 2014 um 12:27 pm

    Ich denke, da müsste man etwas tiefer schürfen. Homophobie als einziger Grund ist völlig ungenügend. Zudem kann Gewalt gegen Menschen nie von ihren Körpern und damit ihrer Sexualität getrennt werden. Diese Gesellschaft glaubt, sie könne alles aufteilen, trennen und damit verschleiern! Zudem ist die Ehediskussion eine echte Konkurrenz zu den Heteros!


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