CSD in Geiselhaft – Über Paraden zwischen Kundenmentalität und Dienstleistermacht

Der Christopher Street Day gehört wohl der Vergangenheit an. Anderswo ohnehin längst zum „Pride“ marketinggerecht durchgenudelt, wird er jetzt zum Zwecke der Aufmerksamkeitsmaximierung auch in der Hauptstadt raunend und versuchsweise entsorgt. Das klingt schlimmer als es ist: PR-Gags und durchschaubare Kampagnen-Blasen haben den einst stolzen Paraden ohnehin längst den Garaus gemacht. Wieso sollte man die von Büros verwalteten Märsche noch ernst nehmen? An die Stelle des Streitens für gleiche Rechte ist der Krieg gegen den Feind in den eigenen Reihen getreten.

CSD-Pride-Marketing-Firmen haben schon seit vielen Jahren die totale Kontrolle über die angeblich politische Parade in den Großstädten erlangt. Wo einst, in den bewegten siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, debattiert wurde, welcher Spruch aufs Transparent gemalt werden sollte, kümmern sich nun moderne Manager um das exklusive Vermarktungsrecht und haben – ganz ohne Widerstand durch das gemeine Fußvolk – VIP-Zelte und Premium-Events durchgesetzt. Unter dem Vorwand, dadurch Einnahmen erzielen zu können, haben sie de facto ihr Verständnis einer Zwei-Klassen-Gesellschaft durchgesetzt. Wo der gemeine Homo lauwarmen Schampus im Pappbecher saufen muss, bekommen die anderen den Veuve Clicquot im warmen, hermetisch abgeriegelten Partyzelt serviert, wo sie möglichst wenig mit dem niederen Fußvolk zu tun haben müssen.

Apropos: Der schwul-lesbischen Basis ist freilich sowieso völlig wurscht, wer oder was „ihren“ CSD organisiert. Das Interesse (ich kann auch sagen: mein Interesse), sich vorab an Planung und Ideenfindung, Namensgebungen zu beteiligen, tendiert gegen Null. Ob der CSD von einer ansässigen PR-Firma okkupiert oder die Organisation demnächst vielleicht an eine Firma mit Sitz in Nordkorea ausgelagert wird, interessiert definitiv niemanden. Hauptsache, die Wagen rollen. Der Basis ist auch völlig wurscht, ob die Sache CSD oder „Pride“ heißt (wenn allerdings der CSD verweiblicht wird, dann erwacht Interesse und dann ist Schluss mit lustig). Wozu sich über mittelalterliche Pranger-Gedankenspiele oder die Kapitulation vor Erzreaktionären durch den Verzicht auf die Regenbogenfahne aufregen? Vom CSD muss man wissen, an welchem Tag er um welche Uhrzeit wo losgeht. Mehr braucht es nicht.

Es gibt ein Missverhältnis zwischen einer gefühlsduseligen Sehnsucht nach Kuschel-Community, wo wir uns alle noch persönlich kennen, und den Erfordernissen einer modernen Regulierung von anonymen Massen. Es gibt ein Missverhältnis zwischen geträumter Pappplakat-Tapferkeit und den Gesetzen einer nur noch medial herzustellenden Öffentlichkeit. Es gibt ein Missverhältnis zwischen bequemer Kundenmentalität, die mit recht aggressiver Rotzigkeit erwartet, dass der CSD geliefert wird, und einer selbstherrlichen Dienstleister-Macht, die das Produkt CSD den Mechanismen einer rigiden Aufmerksamkeitsökonomie unterwirft.

Das zentrale Anliegen einer Mehrheit von Schwulen und Lesben, zu einer eindrucksvollen Demonstration der Gemeinsamkeit zusammenzukommen, wird in den Mega-Städten überformt von den Zwängen einer Tourismus-Wirtschaft und Eventkultur und von den eitlen und selbstbezüglichen Ideologien der PR-Firmen. Wer die Marketing-Volten der Orga-Zentralen nicht unterwürfig gutheißt oder die lustig-cleveren Sprachspiele und Unruhe-Bömbchen einfach nur blöd findet, wird zum Feind erklärt. Der CSD ist längst in Geiselhaft von Mechanismen, die wir insgesamt bejahen und gegen die zu rebellieren wir auch keinen Sinn mehr sehen – und darum kann man auch beruhigt mitlaufen.

Das ist kein Argument gegen den CSD, sondern gegen die Mechanismen. Ein wirklich politischer CSD wäre dann auch nicht der, der eine Forderung von Schwulen und Lesben in einem schärferen Ton formuliert – und schon gar nicht ein CSD, wo die angebliche Politisierung nur Vorwand für noch mehr PR-Verblödung ist -, sondern ein CSD, der auch mal innehält, um über die Bedingungen, unter denen er realisiert wird, nachzudenken. Dazu muss man nicht unbedingt in die Vergangenheit (auch wenn es nie schaden kann, seine Wurzeln zu kennen), manchmal würde ein halbwegs kritisches Verhältnis zur Gegenwart reichen. / ©RH

Korrektur: In der Eingangspassage habe ich den etwas dämonischen Begriff der „seelenlosen Kommandozentralen“ durch „Büro“ ersetzt.


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