Murks am Montagmorgen: Ein ganz normal angepasster schwuler Pfarrer

Der Montagmorgen zählt generell nicht zu den beliebtesten Zeiten: Die Woche, der Job fangen an, man weiß noch nicht, ob sich die Bekanntschaft vom Wochenende wieder melden wird. Und in der Zeitung muss man blöde Dinge lesen. Den Murks am heutigen Montag verdanken wir: Einem schwulen Pfarrer in Brandenburg, … 

… den die „Märkische Oderzeitung“ porträtiert. Soweit so schön. Der schwule Pfarrer ist selbstbewusst, er lebt mit seinem Partner zusammen und die Gemeinde scheint es auch zu akzeptieren. Wo so viel Normalität ist, findet sich natürlich auch ein Haar in der von Gott eingeschenkten Suppe. Der Interviewte findet es bei den Mithomosexuellen, gegen die er dann nonchalant austeilt. Zunächst geht es gegen die immer ein bisschen verrückt-schrillen Homos der Großstadt Berlin beim CSD. Auf die Frage der Zeitung, wieviele Pfarrer in Brandenburg homosexuell seien, gibt er lachend die Antwort „Mehr, als man denkt“, um dann nachzulegen mit dem „Problem“:

„Das Problem ist auch, dass durch den CSD (Christopher Street Day) in Berlin ein anderes Bild Homosexueller in der Öffentlichkeit existiert. Aber so gibt sich nur eine Minderheit.“

Tja, die kleine Minderheit von einigen Hundertausend gegen die große Mehrheit einiger schwuler und unauffälliger Pfarrer in Brandenburg!!!

Mit dem unauffälligen Normalsein hat der schwule Pfarrer aber auch Probleme, wenn andere ihr Coming-out haben. Wenig überraschend wird er nach Hitzlsperger gefragt. Dessen Coming-out nennt er eine Provokation – freilich eine, die jemand wie er nicht nötig hat:

„Ich lebe einfach so, wie ich es für richtig halte, ohne das groß zu thematisieren. Ich renne nicht durch die Straßen und rufe ‚proud to be gay‘.“

Was bringt den selbstbewussten schwulen Pfarrer, der gerade eben sein Schwulsein in einer Regionalzeitung thematisiert, zu diesem völlig unnötigen Bashing gegen andere Schwule, die durch die Straßen gerannt sind, damit andere jetzt ’so einfach‘ normal tun können?
Ich freue mich für den schwulen Pfarrer, dass er sein Schwulsein leben kann und auch in der „Märkischen Oderzeitung“ offen darüber redet. Schade finde ich, dass er sich seine Akzeptanz mit der Geringschätzung anderer – in diesem Fall: politisch engagierter – Schwuler erkauft. Das ist nicht christlich, sondern einfach nur herablassend. / ©RH

2 Responses to “Murks am Montagmorgen: Ein ganz normal angepasster schwuler Pfarrer”


  1. 1 Björn Ferch Januar 20, 2014 um 7:52 pm

    Nun. Da habe ich wohl ein wenig „provoziert“ und genau das erreicht, was ich im Vorgespräch zum Thema auch angemahnt hatte: Dass es immer noch provoziert über etwas zu sprechen, das heute doch eigentlich normal sein sollte. Sicherlich ist wohl auch klar, dass das Abgedruckte in der Zeitung nur einen Bruchteil von dem widerspiegelt, was im Gespräch über zwei Stunden abgelaufen ist. Und ja, ich wage es zu bezweifeln, dass das, was da (derzeit) alljährlich beim CSD in Berlin abgeht, wirklich noch viel mit politischen Dingen zu tun hat. Aber das nehme ich in Kauf, darf aber doch hoffentlich auch sagen, dass ich nicht so bin wie die, die man in den Medien als DIE Schwulen, Lesben, Bi und Transgender hinstellt. Und mit der Minderheit des CSD meine ich genau das. Ich kann und werde aber auch nie versuchen in Allgemeinheiten abzutauchen und mir anmaßen für eine Mehrheit zu sprechen. Ich spreche einzig und allein für mich. Und das -finde ich- reicht auch schon. Ich verurteile den CSD an keiner Stelle, weder im Interview, noch im Vorgespräch, steht mir auch überhaupt nicht zu. Jeder soll so, wie er mag. Aber ich darf eben auch sagen dürfen, dass ich glaube, dass da die Medien ein für mich nicht richtiges und allgemeines Bild der queeren Welt abbilden. Ich bin kein Feiermuffel, gönne jedem und jeder seinen und ihren Spaß, aber ich glaube auch, dass der CSD wieder viel stärker mit einer politischen Botschaft in die Welt gehen sollte. Und dass dann auf dieser Botschaft der Schwerpunkt liegen sollte, nicht zu letzt wegen, sondern vor allem für die vielen in der Welt, die es nicht so haben wie wir in unserem Land. Nicht mehr habe ich gesagt, was dann in die Zeitung kommt, liegt nicht mehr in meiner Verantwortung. Vielleicht stoße ich mit meinem „normalen Angepasstsein“ damit auf, vielleicht ist das auch einfach meine Art mit meiner Sexualität umzugehen. Die heutigen Queers haben es all den Generationen vor ihnen zu verdanken, dass wir so leben dürfen und können wie wir wollen (zumindest in fast allen Regionen unseres Landes), aber es gibt noch viel zu tun. Auch das wurde im Gespräch thematisiert, hat aber nicht wirklich Eingang in die Zeitung gefunden. Schade und bedauerlich, aber so funktionieren Medien eben nicht. Was den guten Ex-Profispieler angeht: Er hat mit seinem Comingout provoziert. Das in Abrede zu stellen wäre gelogen. So wieder jeder und jede die geoutet wird oder sein/ihr Comingout hat, es (noch) tun. Und genau DAS ist für mich tatsächlich nur schwer zu verdauen. Und es ist unsere Aufgabe dagegen etwas zu tun. Ich bin mir nur unsicher, ob das mediengehypte Comingout wirklich zur Normalisierung beiträgt, oder es einfach nur Medienmache ist. Es war mutig, was Hitzlsperger gesagt hat. Davor ziehe ich meinen Hut. Aber es wäre blauäugig, wenn man meint, dass das nicht provoziert hat. Ich hätte mir gewünscht, sich mit mir mal vor dem Blog in Verbindung zu setzen und zu fragen, wie zufrieden ich mit dem Artikel in der MOZ bin und wie er zustande gekommen ist. Das hätte vielleicht ein wenig Klärung gebracht und Unzufriedenheiten aus dem Wege geräumt. Eine Mail mit dem Hinweis auf diesen Blog ist zwar nett, aber entbehrt auch nicht einer gewissen Fragwürdigkeit. So bashen wir uns nun also (leider) gegenseitig. Schöner wäre doch mal das Gespräch miteinander. Soll schon oft geholfen haben. Ich bin gerne dazu bereit.

    • 2 RH Januar 20, 2014 um 8:11 pm

      Ich gelobe Besserung, was das vorher Nachfragen angeht! (Bin ich nicht drauf gekommen, weil ich denke, die MOZ lässt die Leute ihre Interviews gegenlesen, bevor sie veröffentlicht werden.)


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