Von geknechteten Arbeitgebern, verführten Schülern und diskriminierten Soldaten – Wie die „Wirtschaftswoche“ die Schuld bei Schwulen und Lesben sucht

In der „Wirtschaftswoche“ moniert Ferdinand Knauß, Toleranz sei zu einem politischen Kampfbegriff der Regierenden geworden, zu einem Einfallstor „bestimmter Lobbygruppen“. Was folgt, sind das rührselige Klischee des unterdrückten und gemaßregelten Mannes sowie ein Horrorbild künftiger Sexualkunde. Scheinbar müssen sich Schwule und Lesben dies derzeit, sei es auch noch so falsch, um die Ohren hauen lassen. Knauß schafft es dann aber, den homosexuellen Lobbygruppen auch noch Ignoranz für die Diskriminierung von Bundeswehrsoldaten anzuhängen. Ein seltenes Kunststück und ein journalistisch bedenkliches …

Ferdinand Knauß macht in seinem Artikel „Die Intoleranz der Toleranten“ zwei Aspekte von Toleranz aus, die es aber nicht mehr zu geben scheint, sonst müsste er nicht in den Märchenerzähler-Ton von „Es war einmal“ verfallen:

„Toleranz war einmal ein Recht, das gegen den Staat oder herrschende Mehrheiten erstritten wurde. Und Toleranz war etwas Passives: Die Mehrheit der Gesellschaft erduldet die Andersartigkeit der Minderheit.“

Früher war alles besser. Heute kommt die Toleranz, laut Knauß, „von oben“. Konkret nennt er die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg, die SPD-Familienministerin Manuela Schwesig und ein „European Council on Tolerance and Reconciliation“, das jetzt auch noch gegen Anti-Feminismus vorgehen will.

Ausgerechnet die, die Toleranz von oben diktieren wollten, zeigten sich ihrerseits intolerant.

„Wer nicht findet, dass der Lebensbund von Schwulen und Lesben steuerlich begünstigt werden sollte, gerät schnell in den Ruf ‚homophob‘ zu sein.“

Als Beispiel dienen die Reaktionen auf einen FAZ-Beitrag von Norbert Blüm.

„In mancher Online-Diskussion genügt es schon, das Outing von Thomas Hitzelsperger nicht für eine heroische Tat zu halten, um sich beschimpfen zu lassen.“

Hier gibt es schon kein konkretes Beispiel mehr. Und Ferdinand Knauß rettet sich in die amorphen Wolken aus Internet-Wutstürmen, aus Gefühls- wird eine Zeitdiagnose:

„Wir leben in einer freien, aufgeklärten Gesellschaft, die längst in ihrer übergroßen Mehrheit akzeptiert hat, dass Homosexualität keine Krankheit und nicht pervers, sondern völlig normal ist. Doch gerade weil das so ist, empfinden viele Menschen die dauernde Aufforderung zur Toleranz in Lehrplänen und Gesetzen nicht als befreiend, sondern fühlen sich bedrängt.“

Das Gegenstück zur „dauernden Aufforderung zur Toleranz“ scheint für Knauß nach dessen Eingangserläuterungen in einer schweigsamen Erduldung von Intoleranz zu liegen. (Wobei Intoleranz ja nochmals etwas anderes ist als eine andere Meinung.) Er führt dies aber nicht aus.

Er wird aber konkret, wovon sich „die Menschen“ bedrängt fühlen (gemeint sind mit „den Menschen“ möglicherweise die 150.000 Unterzeichner der Petition gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg; nur am Rande sei erwähnt, dass Knauß die 130.000 Unterzeichner einer von der GEW unterstützten Gegenpetition gar nicht erwähnt):

„Muss wirklich jeder Schüler im Detail darüber ‚aufgeklärt‘ werden, was transsexuelle oder ‚queere‘ Menschen im Bett miteinander tun?“

Nein, muss nicht und wird auch nicht. Es ist schlichtweg eine bewusste Manipulation (in eine Frageform gepackt) von Knauß. Mal ganz abgesehen davon, dass sich Sexualpraktiken von queeren Menschen gar nicht so von denen „normaler“ Menschen unterscheiden. Blasen, lecken, Oral-, Vaginal-, Analverkehr … Davon dient nicht alles der Kinderzeugung, aber anscheinend macht es den Heterosexuellen auch Spaß. In den Schulen ist davon übrigens selten die Rede. Sexualkunde, wenn es sie denn überhaupt gibt in den Schulen, ist und bleibt eine zeitlich meist auf wenige Unterrichtsstunden begrenzte, sehr technische Angelegenheit. Weder am Gymnasium noch im Kindergarten wird Masturbieren, weder das queere noch das normale (wo auch immer der Unterschied sein mag), geübt werden. (Nachtrag: Empfohlen sei die besonnene Unterscheidung von Gräfin von Hardenberg zwischen sexueller Identität und sexueller Praktik).

Um es also ohne Ironie zu sagen: Journalisten wie Knauß fabulieren Drohungen und Schreckgespenster herbei, die in der Realität keinerlei Entsprechung haben. Er baut, wie es in seiner Zunft journalistischer Unredlichkeit mittlerweile üblich ist, einen denunziatorischen Popanz auf!

Weil er seinen Artikel in der „Wirtschaftswoche“ veröffentlicht, musste Knauß notgedrungen eine Passage über die Auswirkungen von so viel staatlicher Indoktrination auf das Arbeitsleben einbauen. Und macht im Antidiskriminierungsgesetz ein weiteres Übel aus:

„Weil das Antidiskriminierungsgesetz die Beweislast weitgehend umkehrt, steht jeder Arbeitgeber heute unter Dauerdruck zu zeigen, dass er Frauen, Migranten und Homosexuelle besonders fördert und jegliche Benachteiligung im Ansatz bekämpft.“

Was ist dagegen zu sagen, dass Arbeitgeber versuchen, Benachteiligungen zu vermeiden? Und welcher Arbeitgeber wurde gezwungen zu zeigen, dass er Migranten (gegen seinen Willen) besonders fördert? Gerade hier hätte man sich ein konkretes Beispiel gewünscht. Das kann Knauß aber nicht liefern, weil es das Beispiel nicht gibt. Anstatt einen Dauerdruck auf angeblich geknechtete Arbeitgeber zu erfinden, könnte auch umgekehrt ein Schuh draus werden: Unternehmen, die eine tolerante Unternehmenspolitik vorweisen, haben einen hohen Imagegewinn und durch ein entspanntes Arbeitsklima möglicherweise sogar einen Produktionszuwachs.

Der Toleranzbegriff – so Knauß, nachdem er den Pflichtteil zur Arbeitswelt hinter sich gelassen hat – unterliege einer „Instrumentalisierung durch ganz spezifische Interessengruppen (Auch Lesben- und Schwulenverbände betreiben Lobby-Arbeit)“.

Das ist für einen Autor der „Wirtschaftswoche“ ein geradezu atemraubender Vorwurf und man wünscht sich von Ferdinand Knauß noch viele Artikel über die Pharma-Lobby, die Macht der Energiekonzerne, die noch ganz andere Vokabeln und Institutionen unserer Demokratie für ihre rein monetären Zwecke instrumentalisieren. Aber so, wie ich hier Herrn Knauß unterstelle, einseitig zu sein, wirft er den schwulen und lesbischen Toleranz-Instrumentalisierern Ignoranz vor:

„Es gibt nämlich sehr viele Menschengruppen, für die das Toleranzgebot offenbar nicht gilt.“

Jetzt macht Knauß‘ Artikel noch eine überraschende Wendung. Er hat Bundeswehrsoldaten (die weibliche Form kommt nicht vor!) im Sinn. Die würden „mit bestem Gewissen“ verächtlich gemacht und als Mörder beschimpft.

„Ein Bundeswehrsoldat, der in Uniform durch Kreuzberg in Berlin oder durchs Schanzenviertel in Hamburg läuft, wird sich mindestens ebenso unerwünscht fühlen, wie ein schwules Paar beim Händchenhalten in einem oberbayrischen Dorf.“

So viel zum Thema ausgleichende Ungerechtigkeit. Und ohne jede Ironie kann ich Herrn Knauß zustimmen: Einige Gruppen unserer Gesellschaft zeigen ein völlig unangemessenes Verhalten gegenüber Soldatinnen und Soldaten. Nur: Was hat das mit Schwulen und Lesben zu tun? Wie kommt er darauf, dies den Menschen, die für Toleranz als Bildungsinhalt in Schulen eintreten, anzukreiden? Sind also Menschen, die in den Kommentaren zur Petition gegen den Bildungsplan ihrem Hass freien Lauf lassen akzeptabel, weil sie wenigstens keine Bundeswehrsoldaten diskriminieren?

Man kann Diskriminierungen von BundeswehrsoldatInnen beklagen (Herr Knauß kann als Journalist dies auch jederzeit publik machen), man kann beklagen, dass sich die Politik dieses Thema nicht oder in unzureichender Weise annimmt. Daraus dann aber eine Unterstellung zu formulieren und sich im warmen Wasser der pauschalen Selbstgerechtigkeit zu tummeln, ist tendenziös:

„Aber wahrscheinlich würden sich die anderen Diskriminierungsopfer nicht wohl fühlen, wenn Soldaten gemeinsam mit ihnen demonstrierten. Da hat die Toleranz dann ihre Grenze.“

Sollen wir es rumdrehen? Wann haben heterosexuelle SoldatInnen mit Homosexuellen für gleiche Rechte demonstriert? Sehr wohl aber haben Schwulen- und Lesbenorganisationen für Gleichbehandlung von Homosexuellen in der Armee und für das Recht, in der Armee „dienen“ zu dürfen, gestritten. Das war nur bedingt „links“ und auch in der Community heftig umstritten. Es hätte Herrn Knauß als Beleg dienen können, dass es so etwas wie eine geschlossene Front von Homo-Lobbyisten nicht gibt. Aber Aufrechnungen sind eine müßige Sache.

Es ist nicht nur unredlich von Knauß, Gruppen, die für etwas streiten, gleich den Rest der Probleme der Welt aufzuhalsen. Es ist auch hanebüchen, von einer Debatte über Schulpolitik auf Intoleranz gegenüber SoldatInnen zu schließen. Es ist zudem journalistisch dreist, mit nebulösen Unterstellungen (Diskriminierung von Soldaten) gegen die zu wettern, denen man den Gebrauch von nebulösen Unterstellungen (Wer was gegen Hitzlsperger sagt, ist homophob) vorwirft. Man kann sich auch fragen, warum ausgerechnet ein Journalist, der in seinem Medium reichlich Gelegenheit hat, sachlich über Diskriminierungen zu berichten, zur modisch-reaktionären Trickkiste von der angeblich unterdrückten Meinung anderer greift und völlig verschiedene Problemfelder zu einer unappetitlichen Soße mischt. Vor allem aber muss man sich fragen, warum Ferdinand Knauß all dies ausgerechnet in einer Frage, die die Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben betrifft, einfällt. Um auf bestehende Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft hinzuweisen, bedarf es weder der Lüge von einer übermächtigen Homo-Lobby noch des Aufstachelns verschiedener Gruppen gegeneinander. / ©RH

4 Responses to “Von geknechteten Arbeitgebern, verführten Schülern und diskriminierten Soldaten – Wie die „Wirtschaftswoche“ die Schuld bei Schwulen und Lesben sucht”


  1. 1 Atacama Januar 19, 2014 um 3:04 pm

    Ich hoffe, du betreibst deinen Blog weiter. Deine artikel sind immer sehr gut.

  2. 3 globste Januar 19, 2014 um 5:52 pm

    Guter Artikel!

    Da sieht man auch, das Journalisten in diesem Land keinen Gesetzen, Behandlungen und Meinungen an der eigenen Person gegenüberstanden, wie es für die LGBTQ leider, auch durch solche wie Ferdinand Knauß, alltäglich ist.

  3. 4 Stefan Januar 20, 2014 um 7:36 pm

    Die Panik wegen Anti-Diskriminierungsgesetzen hier ist schon abstrus. In den USA sehen das Firmen dagegen als Standort-Vorteil. Fast alle großen Firmen haben dort inzwischen freiwillig entsprechende interne Regelungen erlassen. Eben weil es gut fürs Image ist und manche Bewerber darauf achten und ihre Jobauswahl davon abhängig machen. In Florida setzten sich Firmen inzwischen für ein derartiges Gesetz ein. Und auch in Europa kam es deswegen nicht zu Klagewellen.

    Abgesehen davon ist das ewige „Ihr müsst die Intoleranz tolerieren“ Gejammer unterste Schublade.


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