Die „Der bedrohte Hetero“-Show der FAZ

Bei der „FAZ“ ist man sichtlich abgenervt vom Medienrummel um das Coming-out von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Die „FAZ“ wäre aber nicht die „FAZ“, wenn sie die eigene Befindlichkeit über zuviel Homosexualität in der (Medien-)Welt nicht mit der Mär vom bedrohten Heterosexuellen verbinden würde. Man kann es Meinungsfreiheit nennen oder auch das Schüren von Ressentiments …

Unter dem Titel „Die Rocky Horror Hitzlspergershow“ kritisiert Autor Jasper von Altenbockum die reflexhafte Vereinnahmung des Coming-outs für ein verzerrtes Bild der Realität in Deutschland. Vorfälle in Fußballstadien würden zum Befund über die Gesellschaft insgesamt dämonisiert (wobei wir uns – dem Titel des Artikels entsprechend – den Dämon wohl wie Tim Curry als Mann in Strapsen vorzustellen haben):

„Der deutsche Michel darf es sich also aussuchen, warum er ein Schwulenfeind ist. Dass er es ist, soviel ist sicher.“

Die Lage in Deutschland würde mit der in Russland gleichgesetzt, gegen die es anzugehen gelte:

„Die Hitzlsperger-Show soll sagen: Sotschi ist überall. Für die große Mehrheit der Deutschen, die mit Homosexuellen so normal umgeht wie mit Heterosexuellen, ist das ein Schlag ins Gesicht.“

Jasper von Altenbockum sieht darin eine „Form der Diskriminierung“, angezettelt von „Schwarmintelligenten, angeführt von Manuela Schwesig“. (Der kleine Tritt gegen die neue Familienministerin mag dem Umstand geschuldet sein, dass diese das Coming-out Hitzlesperger gelobt und für die Forderung nach Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit der Ehe genutzt hatte.)

Dabei würde jeder, der sich der Darstellung von Deutschland als homophobes Land, in dem Homosexualität „nicht als Norm“ gelte, unter Generalverdacht gestellt:

„(…) wer nicht mittanzt, ist ein Spielverderber, den ein homophobes Virus daran hindert.“

Als Beispiel dient Jasper von Altenbockum die Online-Petition eines Lehrers gegen ein Vorhaben in Baden-Württemberg, das die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Teil des Lehrplans verankern will. Diese „Ideologie des Regenbogens“ ziele, so der Initiator der Petition, „auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“. Mittlerweile zählt die Petition fast 100.000 84.000 99.000 Unterzeichner.*

Hier werde von den Kritikern der Petition den Unterzeichnern „Homophobie unterstellt, nur weil sie eine abweichende Meinung haben“.

In der letzten Passage seines Kommentars holt Jasper von Altenbockum dann aus: Die Unterstellung, ganz Deutschland sei irgendwie homo-feindlich, müsse sich ihrerseits rechtfertigen (gemeint ist: rechtfertigen, dass sie nicht ihrerseits hetero-feindlich ist). Der „Schwulen- und Lesben-Lobby“ wirft er vor, die Forderung nach Toleranz mit „blinder Anerkennung“ von allem zu verwechseln, was unter dem Etikett der Gleichberechtigung gefordert würde. So formuliert, wäre diese (meines Erachtens falsche) Unterstellung ja immerhin noch diskussionswürdig. Doch dann muss Jasper von Altenbockum die Karte des unterdrückten und bedrohten Heterosexuellen ziehen:

„Nicht alles, was da gefordert wird, muss schon deshalb richtig sein, weil es um Schwule oder Lesben geht. Das gilt übrigens auch für die Homo-Ehe. Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: ‚Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.'“

Darf man nochmals den Anlass des „FAZ“-Kommentars in Erinnerung rufen? Es ist das Coming-out eines Fußballspielers. Es schlägt solche Wellen, weil er der erste berühmte Ex-Nationalspieler ist, der diesen Schritt tut, und weil Fußball nun mal männlicher Nationalsport in unserem Land ist. Und wie bei jedem anderen Medienereignis auch, wird es eine Woche lang rauf und runter diskutiert, kommentiert werden, werden verschiedene Gruppen den Anlass nutzen, um Forderungen zu erheben. Dass dies nun LGBT-Gruppen tun, liegt nahe … Soll heißen: Was im Moment hinsichtlich des Coming-outs von Hitzlsperger geschieht, ist medialer Alltag und eine Selbstverständlichkeit.

Es zeugt darum von einer ausgesprochenen Paranoia, daraus ein Bedrohungsszenario zu konstruieren. Es bedient sich der Rhetorik der Überfremdung, der Übernahme durch „fremde“, in diesem Fall: homosexuelle Kräfte. Letztlich zeichnet Jasper von Altenbockum das Bild einer Homo-Propaganda, gegen die es sich zu wehren gilt, konkreter: gegen die eine heterosexuelle Mehrheit sich wehren muss. Es ist die Sprachregelung, die seit Monaten von den diversen rechtspopulistischen Bewegungen von Frankreich bis Russland bemüht wird – und zwar nicht, um die Meinungsfreiheit zu befördern, sondern um ein letztlich anti- bis undemokratisches Gesellschaftsmodell durchzusetzen. Jasper von Altenbockums Kritik am medialen Rummel um Hitzlsperger wäre überzeugender, wenn er neben dem Mut, sich zur genervten Heterosexualität zu bekennen, auch den Mut aufgebracht hätte, reflexhaften rechtspopulistischen Stereotypen zu widerstehen. / © RH

*Die Petition wurde Ende November gestartet. Eine vor wenigen Tagen (am 7.1.) ins Leben gerufene Gegen-Petition zählt aktuell rund 10.000 22.000 40.000 Unterschriften.

4 Responses to “Die „Der bedrohte Hetero“-Show der FAZ”


  1. 1 Lars Maier Januar 10, 2014 um 12:57 pm

    Ohhhh Weeeehhhhhh!
    Nunja, die FAZ gilt ja als rechts-„liberal“ ……..
    Schade.
    Aber das erlebe ich auch immer wieder. Homophobe Menschen wollen nicht an ihre Homophobie erinnert werden, d.h. nicht auf Vielfalt angesprochen werden.

    Viele Grüße

    Lars

  2. 2 Hagen Ulrich Januar 10, 2014 um 4:51 pm

    Es ist eben auch eine Strategie, von der eigenen Homophobie abzulenken, indem man sie allgemein leugnet.

  3. 3 Alphonse Januar 11, 2014 um 7:27 pm

    Die große Mehrzahl der Leserzuschriften bei FAZonline zu eher positiven Artikeln des Blattes zu Hitzlsperger würde ich als eher homophob einstufen. Der Kommentar des Herrn von Altenbockum wird bei der Leserschaft leider wohl viel Zustimmung finden.

    • 4 RH Januar 11, 2014 um 8:33 pm

      Hab mich auf deinen Kommentar hin auch durch die Kommentare auf der FAZ-Seite geklickt. Mein Eindruck war, dass es glücklicherweise auch reichlich Widerspruch gab. Unter denen, die Herrn Altenbockum zugestimmt haben, ist allerdings das ganze Spektrum von homophoben Stereotypen zu finden: von Schwulen als Kinderverführer bis zum entrechteten, Kinder zeugenden weißen Mann, der angeblich nichts mehr sagen darf (außer in der FAZ-Kommentarspalte natürlich!).


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