Das Ende der Erfolgsgeschichte(n)

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Mit Blick auf das Jahr 2013 wachsen meine Zweifel, ob der Optimismus, dass die Dinge für Schwulen und Lesben besser werden, sich weiterhin ungebrochen durchhalten lässt. Einzelne Erfolgsmeldungen können über den Stillstand hierzulande und die Verschlechterungen weltweit schwerlich hinwegtrösten. In loser Folge einige Stichworte und Gedanken über den Zustand der schwulen Welt zum Jahreswechsel.

Teil 2: Das Ende der Erfolgsgeschichte(n)

Die Geschichte vom Schwulen und Lesben wird gern als Fortschrittsgeschichte erzählt. Insofern die schwule Community immer auch Züge einer religiösen Gemeinschaft hat, könnte man auch von einem eschatologischen, auf ein Ziel (dem Himmelreich auf Erden) zustrebenden Geschichtsbild sprechen. Es ist die Geschichte von der verfolgten Minderheit, die ihre Rechte erkämpft und ihren Platz in der Gesellschaft findet. Das Ziel wird meist mit „Normalität“ umschrieben. In einigen Ländern der Welt mag man dem ein gutes Stück näher gekommen zu sein. Global gesehen hält 2013 aber vor allem eine Erkenntnis bereit: Es kann auch wieder schlechter werden. 

Zu den traurigsten Beispielen gehören sicher Russland und Uganda. Unter dem Diktator Putin wurde der bislang heftigste Schlag gegen Homosexuelle geführt. In einem Land, das Homosexualität schon vor vielen Jahren entkriminalisiert hat, wurde unter dem Vorwand vom Schutz der Familie und der Kinder ein Gesetz erlassen, das den Hass auf alles Andere kanalisiert und Homosexuelle einem Regime der Willkür und Verfolgung unterstellen kann. Weit mehr als das Gesetz selbst, bekommen russische Homosexuelle und Transgender die damit beabsichtigte Verschärfung der gesellschaftlichen Atmosphäre, Gewalt und Diskriminierung im Alltag zu spüren. Die Homophobie ist dabei Teil einer generellen Repression, mit der Putin politische Gegner und Menschenrechtsaktivisten „mundtot“ machen will.

In Uganda war viele Jahre die Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle geplant – unterstützt von christlichen Fundamentalisten aus den USA! Nachdem es lange so schien, als zeige der internationale politische Druck – vor allem der USA und der EU – Wirkung, hat das ugandische Parlament nun doch ein Gesetz verabschiedet (der Präsident hat es noch nicht unterzeichnet). Es sieht zwar „nur“ lebenslange Haft für Homosexuelle vor und – darin Russland ähnlich – kriminalisiert die „Propaganda“ von Homosexualität – doch das Zeichen ist verheerend.

In Indien rehabilitierte – völlig unerwartet – das Oberste Gericht ein Gesetz aus der Kolonialzeit, das Homosexualität unter Strafe stellt und das eigentlich 2009 von einem Gericht annulliert worden war. Nun beabsichtigt die derzeitige indische Regierung gar nicht, wieder zur Kriminalisierung zurückzukehren und legte erst einmal Widerspruch ein. Den Vorgang sollte man von Deutschland aus genau beobachten, ist es doch hierzulande zur Selbstverständlichkeit geworden, die Gleichstellung durch Entscheidungen der Bundesverfassungsgerichte zu erhoffen. Das Vertrauen auf die Justiz ist von erstaunlicher Naivität und allerspätestens die Frage nach dem Adoptionsrecht dürfte hier für Ernüchterung sorgen. Weitaus gravierender ist allerdings, dass das Starren nach Karlsruhe die politische wie gesellschaftliche Diskussion – sieht man von marktschreierischen TV-Talkshows einmal ab – zum Erlahmen gebracht hat.

Wie nachteilig sich diese neue abwartende Behaglichkeit auswirken kann, zeigt das Beispiel Frankreich. Hier gab es einen „Sieg“, hier kam die Fortschrittsgeschichte ans Ziel: Im Februar 2013 wurde die Ehe für Homosexuelle geöffnet. Begleitet war die parlamentarische Entscheidung von massiven, teils gewalttätigen Protesten rechter (?) Gruppen. Dieser „Unmut“ der Aktion „La Manif pour tous“ ist keineswegs verstummt, sondern existiert als sich verfestigender Nährboden weiter – und versucht sich auch in Deutschland: Im August demonstrierte eine Hundertschaft in München gegen die Homo-Ehe und für eine konservative Familienpolitik. Im Dezember versammelte in Leipzig ein Kongress der Zeitschrift „Compact“ des Rechtspopulisten Jürgen Elsässer Gegner der Homo-Ehe aus Frankreich und Russland. Es gab sowohl in München als auch Leipzig starken Gegenprotest verschiedenster Gruppen – denn die Ablehnung der Homo-Ehe wird ja zumeist in einer konfusen Gemengelage mit Ablehnung der EU, mit neuem/altem Nationalismus, mit Rassismus formuliert.

Es ist in der schwul-lesbischen Community zur neuen Selbstverständlichkeit geworden, die Einführung von Lebenspartnerschaften, Homo-Ehen oder die Gleichstellung mit der Mann-Frau-Ehe als Sieg zu feiern. Die Fixierung auf diesen (tatsächlich auch wichtigen) Aspekt hat es mit sich gebracht, andere Aspekte schwuler-lesbischer Lebensrealität weitgehend zu ignorieren. Mit dem privaten Eheglück werden Fragen nach gesamtgesellschaftlichen Ursachen, politischen Strukturen oder gar weitergehende Themen wie die sozialen Folgen kapitalistischer Wirtschaft, Umweltzerstörung, Gleichheit anderer Minderheiten in den Hintergrund gedrängt oder gleich ganz ignoriert. Oder ist es so, dass die Ehepaare nach den wohlverdienten Flitterwochen daran machen und neue politische, soziale Aufgaben anpacken?

Ich frage mich, ob die von mir im vorangegangenen Beitrag ausgemachte „konforme Bürgerlichkeit“ in Deutschland mit ihrer Tendenz zum Biedermeier und zum Rückzug nicht eine Reaktion auf die globale Verunsicherung ist, eine Reaktion auf die schleichende Einsicht, dass sich die Dinge vielleicht doch nicht immer zum Besseren wenden, wie wir uns das in den letzten Jahren auf unserer Insel so gerne eingeredet haben. Gleichwohl ruft die Lage auch Solidarität auf den Plan. Mit Berlin und München gibt es zumindest zwei Zentren, die seit Jahren den Protest gegen die Situation in Russland unterstützen – ein beständiger Hauch von Vormärz gegen Stillstand und Rückschritt. / © RH

Aufmacher-Bild: Detail aus dem Gemälde „Der Sonntagsspaziergang“ Carl Spitzweg (siehe Wikipedia)


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