Konforme Bürgerlichkeit im Hier und Jetzt

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Mit Blick auf das Jahr 2013 wachsen meine Zweifel, ob der Optimismus, dass die Dinge für Schwulen und Lesben besser werden, sich weiterhin ungebrochen durchhalten lässt. Einzelne Erfolgsmeldungen können über den Stillstand hierzulande und die Verschlechterungen weltweit schwerlich hinwegtrösten. In loser Folge einige Stichworte und Gedanken über den Zustand der schwulen Welt zum Jahreswechsel.

Teil 1: Konforme Bürgerlichkeit im Hier und Jetzt

Der Trend zur Verbürgerlichung der schwulen und auch lesbischen Welt hält in westlichen Staaten West-Europas oder Nordamerika unverändert an. Fest im Griff der Homo-Ehe (und der damit einhergehenden Vernachlässigung anderer sozialer Themen) richtet sich die Community in den bestehenden Verhältnissen behaglich ein.

Konsumkritik, Kritik an kapitalistischer Ausbeutung, Rassismus, Umweltzerstörung – keines dieser Themen ficht die schwule Welt an. Wahrscheinlich schon aus schlechtem Gewissen, basiert ihr Siegeszug in der westlichen Welt doch auf der Ökonomisierung aller Bereiche der Gesellschaft und der damit einhergehenden „Liberalisierung“, die allerdings im Wesentlichen eine Liberalisierung hin auf die Interessen des Marktes ist. Als durch die vorhergehende Diskriminierung bindungslos gemachte Arbeitskraft wurde die schwule Existenz kurzzeitig zum Prototyp des postindustriellen Kapitalismus.

Manchem mag die „Homo-Ehe“ wie eine Belohnung auf so viel gefälliges, marktkonformes Verhalten erscheinen. Tatsächlich ist sie ein Modell, mit dem die sich auftürmenden sozialen Folgekosten der wirtschaftlichen Neoliberalität abgefedert werden sollen. Es ist kein Zufall, dass in Deutschland erst die gleichen Pflichten und nur nach und nach die gleichen Rechte für Lebenspartnerschaften möglich wurden. Die Hoffnung ist, dass Homosexuelle in Partnerschaften dem Staat Fürsorgeleistungen (Krankheit, Pflege, Rente) ersparen, die ihm unweigerlich in einer individualisierten Gesellschaft (homo- wie heterosexuell) zum Problem werden müssen.

Die weichgespülten Bilder von glücklichen Homo-Hochzeiten bedienen also nicht nur romantische Sehnsüchte, sondern dienen auch als Versuch, längst erodierende Sozialstrukturen am Leben zu erhalten. Konfrontiert mit den Auswirkungen des Neoliberalismus (wie sie jüngst vor allem in der Bankenkrise zu sehen sind), fehlen überzeugende Lösungswege. Darum erfolgt der Rückgriff auf Modelle des 19. Jahrhunderts, wozu auch die bürgerliche Ehe und Familie zählen.

Es ist das gute Recht von Schwulen und Lesben, diese Möglichkeit auch zu ergreifen. Die Debatte, ob sie damit spießig werden, weil sie sich wie Heteros Einfamilienhäuschen kaufen und sich Plastikzwerge in den Vorgarten stellen, arbeitet sich an einem belanglosen Oberflächenphänomen ab. Die Frage ist doch, ob diese Verbürgerlichung von der Notwendigkeit ablenkt, Lösungen für sich abzeichnende gesamtgesellschaftliche Probleme zu finden, und so in einem neuen Biedermeier endet. Derzeit ist die schwul-lesbische Welt jedenfalls vollauf damit beschäftigt, sich – mitunter ja auch recht originell – im Hier und Jetzt einzurichten, gerade so, als wolle sie sich ihre Rendite aus dem neoliberalen Modell der achtziger, neunziger Jahre retten, dem sie ihre „Freiheiten“ verdankt. Diese Fixierung geht mit einer Verweigerung von (politischen, sozialen, wirtschaftlichen) Debatten einher und der Unlust, über eine gelingende Zukunft für alle nachzudenken. / © RH

>>> Weiter mit Teil 2: Das Ende der Erfolgsgeschichte(n)

Aufmacher-Bild unter Verwendung eines Gemäldes von Carl Spitzweg (siehe Wikipedia).


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