Kroatien rettet die Ehe – und fügt sich ein in das homophobe Bollwerk Europas

Glückwunsch! Kroatien ist nun auf dem Niveau von rund 30 Bundesstaaten der USA und auch auf dem Niveau von Polen, Ungarn, Littauen, Lettland und Bulgarien. Überall dort verbietet die Verfassung – meist als Folge eines Bürgerentscheids – explizit die gleichgeschlechtliche Ehe. Fast 66% der teilnehmenden Kroatinnen und Kroatien haben sich heute in einem Referendum ebenfalls gegen Ehe für Schwule und Lesben ausgesprochen. Die Wahlbeteiligung lag bei um die 35%. Das Absurde daran: Eine Ehe-Gleichstellung stand gar nicht zur Debatte; das Referendum wollte aber vorab Fakten schaffen. Das Schlimme: Die Abstimmung in Kroatien ist erst der Anfang. In der EU verfestigt sich ein homophobes Bollwerk gegen die Gleichstellung von Schwulen und Lesben.

Das Erstaunliche daran ist, dass die EU großen Wert auf Schutz von Schwulen und Lesben legt. Gerade bei Beitrittskandidaten wird durchaus auf die Situation von Minderheiten geachtet. Antidiskriminierungsgesetze zum Schutz vor Verfolgung aufgrund Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung sind vorgeschrieben. Ein EU-Beitritt bedeutet darum in vielen Fällen einen Zuwachs an Bürgerrechten.

Der Haken: Das Vorenthalten des Ehe-Rechts zählt nicht zu den Diskriminierungen. Den einzelnen Staaten ist es freigestellt, wie sie dies handhaben. Insofern bietet sich mit der Frage der Ehe ein ideales Einfallstor für (in der Regel) konservative/reaktionäre Kräfte, sich zu positionieren und ihr Weltbild unter dem Etikett „Schutz der Familie“ zu propagieren. Doch es gibt auch Widerstand: Gestern demonstrierten, laut AFP,  „mehr als tausend Aktivisten“ in Zagreb. Man wird sehen, ob die eigentlich liberale kroatische Regierung, die das Referendum ebenfalls kritisiert hatte, auch nach dem Ausgang bei ihrem Versprechen bleibt, eine Lebenspartnerschaft für homosexuelle Paare mit gleichen Rechten einzuführen. (Die „Jungle World“ schildert die derzeitige Situation in Kroatien am Beispiel eines lesbischen Paares.) Dann wäre man auf dem Niveau von Deutschland. Auch hierzulande bleibt die Ehe-Öffnung angesichts der zu erwartenden Betonmauer einer schwarz-roten Koalition Wunschdenken.

Natürlich hat niemand was gegen Schwule und Lesben, … Man kennt den Satz zur Genüge. Und natürlich sollte man vorsichtig sein, osteuropäischen Ländern per se mehr Homophobie zu unterstellen. Gleichwohl werden dort Fragen der Emanzipation von Homosexuellen in einem weitaus raueren Klima geführt, wird der Umgang mit Minderheiten weitaus rigider gehandhabt. Zudem darf der Einfluss der katholischen Kirche nicht unterschätzt werden. Sie sieht ihren politischen Einfluss in der Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens schwinden und versucht gegenzuhalten. Die „NZZ“ spricht in ihrem Beitrag zum Referendum in Kroatien von einem „klerikalem Rückzugsgefecht“. Doch in Rumänien zeichnet sich schon der nächste „Sieg“ ab, auch hier, schreibt die „SZ“, steht eine Verfassungsänderung gegen die Gleichstellung von Schwulen und Lesben an.

Freilich ist es ein Gefecht, das auf Kosten von Minderheiten wie auch den Homosexuellen ausgetragen wird. CSD-Paraden müssen unter Polizeischutz stattfinden, die TeilnehmerInnen mit physischer Gewalt rechnen. Auf lange Sicht wird die hasserfüllte Agitation, wenn sie in weiteren Ländern Eingang in die Verfassungen findet, ihre Auswirkung auf die EU haben. Genauer gesagt: In Fragen wie Eherecht oder Adoptionsrecht wird sich auch auf gesamteuropäischer Ebene nichts bewegen.

Insofern gilt für das kroatische Referendum ähnliches, wie vor kurzem angesichts des Stillstandes in Fragen der Gleichstellung hierzulande von der schwarz-roten Regierungsvereinbarung geäußert: Am (schlechten) Status Quo in Kroatien mag das Referendum möglicherweise gar nicht so viel verschlechtern. In seiner Symbolkraft ermutigt es aber – wie die homophobe Haltung der CDU/CSU hierzulande – all die, die eine offene, liberale Gesellschaft verhindern oder zurückdrängen wollen. Der Spielraum für Verbesserungen für das Leben von Homosexuellen oder gar Gleichstellung von Schwulen und Lesben erfährt einmal mehr seine Grenzen – und das im grenzenlosen Europa. / ©RH

2 Responses to “Kroatien rettet die Ehe – und fügt sich ein in das homophobe Bollwerk Europas”


  1. 1 bajazbasel Dezember 1, 2013 um 9:30 pm

    Papst Franziskus hat auch die Gynäkophobie und die Homophobie der Kirche gerettet, trotz allem.. Da können Schwule und Lesben noch lange deuteln! Was nützt uns die Homo-Ehe, wenn Jungschwule sich das Leben nehmen oder – wie bei Phil Langer dokumentiert – nur mit von Heteros beschädigten Identitäten aufwachsen müssen?
    Ich bin dafür die „eingetragene Partnerschaft“ auf 3-4 „Familienteilnehmer“ zu erweitern, statt fremde Kinder zu adoptieren!😛


  1. 1 Kroatien rettet die Ehe – und fügt sich ein in das homophobe Bollwerk Europas | thinkoutsideyourbox.net Trackback zu Dezember 2, 2013 um 10:27 am
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