Eiskalt abserviert – Die Parteienhörigkeit der schwulen Welt bringt uns nicht weiter

Schwule und Lesben stehen bereits als die großen Verlierer der Koalitionsverhandlungen von SPD und CDU/CSU fest. Die Arbeitsgruppe zu den Bereichen Inneres und Justiz hat unter Vorsitz von Hans-Peter Friedrich (CSU) und Thomas Oppermann (SPD) eine wachsweiche Formulierung zur Gleichstellung von homosexuellen Lebenspartnern gefunden. Gesiegt hat die reaktionäre Gesellschaftspolitik der Konservativen, duckmäuserische Sozis haben gar nicht erst versucht, aufzubegehren. Wir werden uns ein bisschen empören, die SPD zur Verräterpartei stempeln wie einst die FDP und morgen werden wir an die Türen von eben jener SPD und jener CDU klopfen und um unser übliches Scherflein Geld betteln. Warum also sollte sich was ändern?

Bei Lebenspartnern solle, so berichtet die „Welt“, darauf „hingewirkt“ werden, „dass bestehende Diskriminierungen in allen gesellschaftlichen Bereichen beendet werden“. „Hinwirken“ heißt in der Politik, dass man schon mal den nächsten Karibikurlaub buchen und sich zurücklehnen sollte. Schwule und Lesben mögen zwar ein hohes Empörungspotenzial haben und medial für ein bisschen Ärger in Talkshows sorgen, aber ansonsten sind sie zahlenmäßig nicht relevant und so blöd, einen trotz allem wiederzuwählen, auch. (Mein Gay-Radar mag mich täuschen, aber soweit ich sehe, war in der Runde Inneres und Justiz, die beschlossen hat, auf unsere Gleichstellung „hinzuwirken“, kein Schwuler, keine Lesbe, kein Transgender bei! Man redet also über uns, dabei haben will man uns nicht!)

Blogger Johannes Krams formuliert seinen Ärger über die Koalitionsverhandlungen und das Gefühl der Ohnmacht im „Nollendorfblog“ so: „Wir haben keinerlei Druckpotential, keine Interessenvertretung, die unsere Macht bündeln kann, keine Protestform, die wirklich Eindruck macht. Das muss sich ändern. Auch auf die Gefahr, dass man dann wirklich Angst vor uns hat: Jetzt müssen wir Druck aufbauen. Jetzt müssen wir drohen, vielleicht auch laut werden und wütend. Die ‚netten Homos‘, damit kommen wir nicht weiter. Keine Minderheit kam damit weiter.“

Dem kann ich nur im Prinzip zustimmen. Und würde es gern um einen Punkt erweitern, nämlich um den der bislang meines Erachtens völlig unzureichend thematisierten Verquickung von Politik und schwuler Welt, die das Stereotyp vom netten Homo maßgeblich erzwungen hat. Die Politik hat es in den letzten Jahren in geradezu perfekter Weise geschafft, so ziemlich alle relevanten schwulen wie lesbischen Organisationen an ihren Tropf zu hängen. Ohne „öffentliche Gelder“ – und das heißt, Gelder, die anderen legal abgenommen wurden, über deren Verteilung aber allein die Politiker entscheiden – läuft gesellschaftspolitisch gar nichts in der schwulen Welt!

Die Hirschfeld Stiftung des Bundes wird vom Bundestag kontrolliert, die dort ebenfalls vertretenen Homo-Gruppen werden sich hüten, irgendwas zu fordern. Sie wollen ja selbst an die Geldtöpfe bzw. von ihnen profitieren. Entsprechend gibt sich die Stiftung in erbärmlicher Weise staatstragend und verbeißt sich in wohlfeile, angepasste Projekte wie „Homosexualität im Fußball“. Medienpräsenz garantiert, fürs gemeine Homo-Fußvolk ohne jede Bedeutung! Vernetzung heißt das große Zauberwort – man agiert fernab von einer Legitimation durch die schwule bzw. lesbische Welt, fernab der Pflicht, sich jemals für etwas rechtfertigen zu müssen. Insofern produziert die Hirschfeld Stiftung mit ihren Millionen bestenfalls gute Stimmung (schon mal nicht schlecht!), diese allerdings in einem lähmenden staatstragenden Sinn, weil sie alle existierenden schwul-lesbischen Gruppen vereinnahmt und ruhig gestellt hat. Kritische Distanz Fehlanzeige!

Vom LSVD gibt es bestimmt in Bälde eine empörte Pressemitteilung zu den Koalitionsgesprächen, ansonsten wird man, man versteht sich ja als Lobbygruppe, bestimmt in persönlichen Gesprächen im Tipi-Zelt vorm Kanzleramt darauf „hinwirken“, dass sich was ändert. Und ein bisschen Geld für die nächste Plakataktion abgreifen. Was es in Deutschland an massiver Kritik und an Druck auf die Politik gab, das ging in den letzten Jahren definitiv nicht vom LSVD-Bundesverband aus, sondern bestenfalls von engagierten lokalen Gruppen des LSVD, von den großen CSD-Organisationsmaschinen oder von engagierten und couragierten Menschen wie dem Team von „Enough Is Enough“, die in einer Hauruck-Aktion eine beeindruckende Demonstration in Berlin gegen die Politik Putins aus dem Boden stampften.
Der LSVD hat als Verein seine Legitimation durch seine Mitglieder (die Zahl wird gehütet), immerhin! Durch die einstige enge Verzahnung mit den Grünen hat er sich schnell professionalisiert und ist für große Bereiche der Politik der Hauptansprechpartner. Übrigens auch in Ermangelung von Alternativen: Denn trotz aller Kritik am LSVD hat sich bislang kein anderer Verband gegründet bzw. erfolgreich an dessen Seite gestellt.

Und was die diversen Vorzeige-Projekte angeht: Vom Schwulen Museum in Berlin bis zu den Homo-Zentren in kleineren Städten oder Regenbogenfamilienhäusern. Ohne Finanzierung durch den Bund, die Kommunen, ohne Quasi-Unterstützung durch ihrerseits durch Bundesmittel geförderte Aids-Hilfen, ohne Finanzierungstricks wie etwa der Lotto-Topf in Berlin (formal eigenständig, aber de facto ist das Entscheidungsgremium in der Hand der Politik) sähe die schwule wie lesbische Infrastruktur in der Republik schlecht aus.

Wir haben uns alle so an die Subventionierung gewöhnt, dass sie uns schon gar nicht mehr auffällt. Sie ist uns völlig selbstverständlich – und macht das, was sie in einem gesellschaftstheoretischen Sinn soll: Befrieden!
Die schwule Welt ist gesellschaftspolitisch in den letzten beiden Jahrzehnten zum Empfänger von Staatsgeldern mutiert. Alles politische wie gesellschaftliche Handeln ist allein auf die politischen Parteien und deren Macht hin ausgerichtet und fixiert. Das Engagement innerhalb unserer Community hat sie damit nicht befördert. Wir sollten in Parteien Partner sehen, nicht das Maß aller Dinge, denn das schadet dem, was man heute mit „Zivilgesellschaft“ umschreibt.
Es gibt mehr Stellen und Gelder denn je für professionelle Beratungs- und Hilfsangebote (gut so!), es ist alles verwaltet und organisiert. Umso besser können Schwule ihre Zeit und ihr Geld fürs Entertainment ausgeben. Für ihre eigenen Institutionen haben sie schlicht nichts übrig. Ansätze wie der einer republikanischen Selbstverantwortung existieren hierzulande schlicht nicht oder sind durch die – unvermeidliche – Jagd nach der Anschlussfinanzierung korrumpiert worden.

In Deutschland ist Kooperation die zentrale Maxime politischen Handelns. Kooperation ist aber dann am besten, wenn die Beteiligten auf Augenhöhe miteinander anstehende Fragen klären. (Das ist, wie man an den Koalitionsverhandlungen sieht, nicht der Fall.) Kooperation muss aber auch nicht Vereinnahmung heißen.
Und die schwule Welt ist komplett vereinnahmt von der Politik, auf Bundes- wie auf kommunaler Ebene. Man mag daraus den Schluss ziehen, dass man sich darum noch mehr in eben diese Politikstrukturen einbringen muss, sollte sich aber auch nicht wundern und schon gar nicht empören, wenn man instrumentalisiert oder als Verhandlungsmasse unter den Tisch fallengelassen wird. Man könnte sich aber auch fragen, ob es der schwulen Welt und ihren Anliegen nicht besser täte, Distanz zur Politik zu wahren und auf eine größere Eigenständigkeit zu pochen. Dann würden Forderungen vielleicht auch nicht schneller umgesetzt, das Rückgrat und das Selbstbewusstsein der schwulen Welt würden aber gestärkt.

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3 Responses to “Eiskalt abserviert – Die Parteienhörigkeit der schwulen Welt bringt uns nicht weiter”


  1. 1 Torsten Löser November 9, 2013 um 3:36 pm

    Ich halte das nur für einen Teil des Problems. Unsere Demokratie beruht nun einmal darauf, dass wir Parteien in ein Parlament wählen, die sich dort zu Regierung und Opposition finden. Ich hatte nie die Illusion, dass es allein reicht, sich auf Parteien zu verlassen, auch, wenn ich selbst einer angehore. Was wir brauchen, ist vielmehr der gesellschaftliche Druck, dem sich Parteien stellen müssen. Da mag es hinderlich sein, dass mancher Verband der Communitiy seine „Unabhängigkeit“ scheinbar verkauft hat…

  2. 2 Reiner büchel November 9, 2013 um 3:38 pm

    Danke
    Aus meiner Seele getippt

  3. 3 bajazbasel November 23, 2013 um 10:05 pm

    Das gleiche findet in der Schweiz mit der „Familieninitiative“ der Christlich-sozialen Volkspartei statt! Damit kommt die Ehe als „Mann und Frau“ jetzt in die Verfassung! Was offenbar einem recht aktiven Häuflein von „Ehe-öffnen“ ins Gesicht schlägt! Realpolitik eben!


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