Keine Große Koalition ohne Adoptionsrecht für Lebenspartner?

Hand aufs staatsbürgerliche Herz: Soll die SPD eine Große Koalition, die Aussicht auf Regierungsbeteiligung, auf Gestaltungsmacht wirklich an der Frage nach dem Adoptionsrecht für homosexuelle Paare scheitern lassen? Ist das Adoptionsrecht wichtiger als Euro-Politik, Mindestlohn etc.? Ein Nachdenken, ob und wie wichtig Themen sind … 

Die Gespräche zwischen CDU und SPD zur Bildung einer großen Koalition haben noch nicht mal richtig begonnen, da verkünden die Vasallen der Kanzlerin schon, was nicht geht. In einer Telefonkonferenz habe Angela Merkel gesagt, dass es kein Adoptionsrecht für schwule und lesbische Lebenspartner gibt. Anscheinend musste nochmals betont werden, was sie schon vor der Wahl in einer TV-Diskussion gesagt hat. Sie tue sich mit dieser Frage schwer. Dafür, dass sie sich schwertut, kommt das abermalige „Nein“ rasch und deutlich.

Hängt also alles von der SPD ab! Die hat die Gleichstellung in ihr Wahlprogramm geschrieben. Johannes Kahrs hatte unlängst noch im DLF-Interview verkündet: „Ich glaube auch, dass die Öffnung der Ehe, die Gleichstellung von Lesben und Schwulen nicht verhandelbar ist.“ Ob er da seine Partei, mehr noch den derzeit die Linie vorgebenden Sigmar Gabriel wirklich gut kennt? Schon vor der Wahl hat sich, zitiert nach einem Beitrag auf „queer.de“, Fraktionschef Steinmeier bedeckt gehalten und vorsorglich aufs Bundesverfassungsgericht verwiesen, dieses werde die Union belehren. Wie bei der steuerlichen Gleichstellung soll richterliche Verfügung politisches Handeln ersetzen bzw. ermöglichen.

Und die Schwulen und Lesben selbst? Ist denen das Adoptionsrecht ein wichtiges Thema? So wirklich sicher kann man sich da nicht sein. Nicht nur, weil viele – trotz oder auch gerade wegen der Verweigerung von Gleichstellung – konservative Kräfte wie CDU, CSU oder AfD gewählt haben. Nicht nur, weil B-Promis wie der schwule Frisör Walz und der bisexuelle Modemacher Joop Werbung für die CDU gemacht haben. Soweit mir bekannt, gibt es keine Studie / Befragung, welche Themen Schwulen und Lesben als für sie so relevant einschätzen, dass diese ihre Wahlentscheidung beeinflussen.

Von mir selbst ausgehend, müsste ich vermuten, dass für die Mehrheit in unserer homosexuellen Minderheit das Adoptionsrecht  innerhalb der generellen Forderung nach Gleichstellung ohne Wenn und Aber seinen Platz hat. In meinem konkreten Leben ist für mich persönlich eine Adoption ein wahres Nicht-Thema. Nicht nur, weil schon eine Ehe oder Lebenspartnerschaft für mich keine für eine Beziehung relevante Frage ist. (Deswegen trete ich trotzdem für das Recht auf Ehe ein, weil es denen, die diese Form der Institutionalisierung wünschen, geben muss.)

Nach dem Zensus von 2011 gab es 34.000 Lebenspartnerschaften in Deutschland. Medial geben sie den Ton, mehr noch das Bild an, das Stabilität und Verlässlichkeit vermittelt. Eine „Qualität“, die man Schwulen und Lesben jahrhundertelang absprach. Im Bild der Regenbogenfamilie werden Fürsorge und Verantwortungsbereitschaft thematisiert. Doch als Modell ist es nicht die Lebenswirklichkeit der Mehrheit unserer Community. Vielleicht als Sehnsuchtsbild, aber nicht als gelebte Realität. Da herrscht die Gemengelage aus Singledasein und mal kurzer, mal längerer Beziehung – die „Wilde Ehe“ – vor.

Was berührt uns also am Thema Adoptionsrecht? Was lässt Verbände und durch Arbeit in einer LGBT-Institution ausgewiesene Community-Vertreter diese Forderung so vehement vorbringen? Im gleichen Moment sei aber gefragt: Gab es schon mal eine Demonstration speziell für das Adoptionsrecht, also eine jenseits der CSD-Parade? Wollen „wir“ das Adoptionsrecht, weil „wir“ Kinder so sehr mögen, weil es einem inneren, uns lange verwehrten Wunsch entspricht, Nachwuchs großzuziehen? Ist mit der Sukzessivadoption, die das Verfassungsgericht umgesetzt sehen will, nicht vielleicht schon die Mehrheit aller Fälle abgedeckt, nämlich die Adoption der Kinder eines Mannes, einer Frau durch den Lebensparter, Lebenspartnerin? Ist es schlimm zu sagen, dass es Schlimmeres gibt, als dass Lebenspartner kein Kind adoptieren dürfen?

Würde ich also der SPD raten oder gar von der SPD fordern, eine Große Koalition zu verweigern, wenn sie nicht die Gleichstellung von Schwulen und Lesben in Ehe und Adoptionsrecht beinhaltet? Habe ich Verständnis für die SPD, wenn in ihrer politischen Prioritätenliste die Gleichstellung nicht ganz vorne steht? Vielleicht wird uns die SPD zur neuen FDP. Irgendwie homo-freundlich, aber immer dann nicht da, wenn’s drauf ankommt? Werden wir also die nächsten vier Jahre in der SPD die „Verräter“ sehen?

Für mich hat die Frage nach dem Adoptionsrecht zwei Ebenen: Eine individuelle und eine gesamtgesellschaftliche.

Persönlich fehlt mir beim Adoptionsrecht die wirkliche Berührtheit, das „Betroffensein“. Ich weiß auch viel zuwenig über schwule Paare, die ein Kind adoptieren wollen und für die das Verbot Wirkung entfaltet.

Auf gesellschaftlicher Ebene ist und bleibt das Adoptionsrecht für mich eine Frage der Gleichbehandlung aller Menschen und eine Frage der Toleranz und eines wohlwollenden gesellschaftlichen Klimas, das Vielfalt nicht fürchtet. Insofern ist es für mich eine politische Frage. Ihre emotionale Bedeutung gewinnt sie für mich dadurch, dass ich als schwuler Mann offen und frei leben will und nicht als „Mängelwesen“ von etwas ausgeschlossen bleibe, das andere allein aufgrund ihres Heterosexuellseins (und damit völlig unbehelligt durch die Homosexuellen immer aufgedrängte Frage nach dem Kindeswohl) für sich reklamieren.

Während ich also einerseits (wie wohl die Mehrheit der Schwulen und Lesben) in meinem konkreten Alltag ohne Adoptionsrecht für Lebenspartnerschaften leben kann/muss, will ich es doch im Rahmen einer Gleichstellung verwirklicht sehen – aus politischer Überzeugung und als Staatsbürger, der Parteien nicht aus ihrer Verantwortung entlassen will.

Im Moment aber weicht mein hehres politisches Ansinnen der realpolitischen Ernüchterung. Der SPD ist die Frage der Gleichstellung wahrscheinlich nicht das drängendste Problem. Aber: Ist die Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit Ehe und das Adoptionsrecht denn das drängendste Problem der Schwulen und Lesben in Deutschland? (Ich glaube es, ehrlich gesagt, nicht.) Wie es scheint, werden wir vier Jahre haben, darüber nachzudenken und uns gegebenenfalls für diese Rechte zu engagieren.  © RH

Nachtrag: Bei allem (möglichen) Ärger über die SPD, finde ich die machtpolitische Arroganz von Angela Merkel, ihre fortwährende Schikane von Schwulen und Lesben zur Befriedigung ihres kleinen Weltbildes und zur Befriedung der reaktionären Kräfte in CDU und CSU immer noch schlimmer!

2 Responses to “Keine Große Koalition ohne Adoptionsrecht für Lebenspartner?”


  1. 1 Ralf Oktober 20, 2013 um 1:07 pm

    Und wieder wird öffentlich so getan, als gäbe es als einziges Diskriminierungsfeld das Adoptionsrecht. Die Forderung darf nicht sein: Wir wollen volle Gleichstellung bei der Adoption. Sie muss lauten: Wir wollen volle Gleichstellung. Punkt Schluss Aus Fertig. Auf Einzelthemen darf man sich nicht einlassen, wenn es schlicht um die Grund- und Bürgerrechte geht. Das hat auch das Bundesverfassungsgericht oft genug bis zum Überdruss formuliert. Es gibt keinen sachlichen, d.h. rechtlich zulässigen Grund, Schwule und Lesben schlechterzustellen und zu benachteiligen. Diese Binsenwahrheit ist durchzusetzen, nicht Schrittchen für Schrittchen jeweils nach dem 25., 64., 92. usw. Urteil des Verfassungsgerichts zu jedem einzelnen grundsrechtswidrigen Paragraphen, sondern ein für alle Male auf allen Gebieten. Und zwar jetzt.

    • 2 RH Oktober 20, 2013 um 4:30 pm

      Dein Wort in meinen Ohren! Ich befürchte aber, es läuft auf die Schrittchen-für-Schrittchen-Taktik raus (sofern man das als „Taktik“ – von wem? – sehen will)..


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