Tanzend in den Winterschlaf oder: Warum eigentlich ist die Bärenszene so auf den Hund gekommen?

Oberflächlich tobt und feiert die Bärenszene, tatsächlich aber verharrt sie seit Jahren im behaglichen Trott. Sie brummt, aber echte Impulse gehen von ihr nicht mehr aus. Sie, die doch einst gegen die Fitness-Körpernorm und gegen die Ausgrenzung und Vereinzelung der schwulen Szene angetreten ist, hat mittlerweile selbst recht einseitige Normvorgaben. Vom Gedanken einer echten Gemeinschaft (Community) scheint wenig übrig. Er wird zwar noch oft beschworen, aber ist er wirklich mehr als nostalgische Folklore? Einige Gedanken für den anstehenden Winterschlaf …

Der Bär ist wieder ein Einzelgänger. Die Anfänge der Bärenszene in Deutschland waren geprägt von Versuchen, neben dem Feiern auch gemeinsame Aktivitäten im Alltag, in der Freizeit zu unternehmen. Und wenn es der gemeinsame Bummel über den Weihnachtsmarkt war. Davon ist, von wohl ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, nur die solitäre Individualität übrig geblieben, die auch alle anderen Teilmengen der Community kennzeichnet. So wie die Lederszene ist auch die Bärenszene nur noch rein phänomenologisch eine Gruppe. Man kann sich bärige Solidarität und Verbundenheit theoretisch herbeireden – oder herbeischreiben –, real existiert sie nicht. Es ist ein Gedanke, ein Bild, das die Menschen zusammenbringt, aber nicht wirklich dauerhaft verbindet oder weitergehende Impulse erzeugt.

Die Bärenszene hat keine Meinung zu gar nichts! Von keiner einzigen der Bärengruppen gab es eine Äußerung zur Debatte um Gleichstellung von Lebenspartnern in Deutschland, kein Brummen angesichts der unablässigen Hetze aus den Reihen der katholischen Kirche, keinen Laut zur brutalen Verfolgung von Schwulen, Lesben und Transgender in Russland. Die Bärenszene ist nicht nur völlig unpolitisch, sie ist völlig uninteressiert an irgendwas, was in der Gesellschaft passiert. Im Bild des geselligen Rampenbärs ist für Politik kein Platz. Nichts soll die gemütlich-konservative Kartoffelsalat-mit-Buletten-Idylle stören. Bären wollen sich das Fell nicht nass machen! Sie profitieren aber gern von den (gesellschaftlichen) Erfolgen, für die sich andere engagieren.

Körperpanzer statt weichem Fell! War da mal was mit haarig-weicher Zärtlichkeit? Die ist auf einen leichten, mit dem elektrischen Bartschneider auf die vorgeschriebenen 1 Millimeter Länge gestutzten Flaum über der Brust zusammengeschnurrt – genauer: über dem Brustpanzer zusammengeschnurrt. Denn medial beherrscht nur noch genau 1 Typus sämtliche Bären-Magazine, Internetgalerien etc.: der des stattlich großen, kompakt gebauten Grizzlys, der in seiner Massivität und latenten Aggressivität Unnahbarkeit ausstrahlt und eine Mischung aus Bodybuilder und Türsteher der Hetero-Disko darstellt. Der kompakte Fleischpanzer signalisiert allen anderen männliche Überlegenheit. Wer’s noch romantisch will, erfreut sich am modischen Wikinger-Look – und muss erkennen, dass die Verklärung „historischer“ Männlichkeit ein recht durchschaubarer Vorwand ist, um sich permanent daneben benehmen zu dürfen. Die bärige Krieger-Kaste will sich ausleben, die Gemeinschaft braucht sie dafür nur als Staffage.

Leitbild Partymeile. Zu den Erfolgen der Bärenszene gehört es, ein dichtes Netz von Bären-Partys verstreut über die Republik etabliert zu haben. Entsprechend gehört der DJ bzw. der Partyveranstalter zu den neuen Leitbildern der Bärenszene. Ihm wird gehuldigt, weil er Zerstreuung verspricht – und einen, abgesehen vom Eintrittsgeld, nicht weiter behelligt. Er sichert den Bären regelmäßige Möglichkeiten, sich zu versammeln – längst nicht mehr im kleinen Kreis, sondern im Rahmen der Großveranstaltung, des Events. Nur noch der Event und die Aussicht auf Masse zieht die Bären an! Wo viele sind, da will auch das Bären-Ich sein. Die Masse verspricht Geborgenheit und Anonymität zugleich. Sie erhöht eventuell den Spaß, sie erhöht eventuell die Zahl der Sexualpartner, sie erhöht die Möglichkeit, den Mann fürs Leben zu finden – mit dem man sich dann in die private Bärenhöhle zurückziehen kann (und dort ganz sicher über die böse Bärenszene, die nur Party machen will, ablästert).

Kein Untergang! Nur marktkonforme Existenz. Ist die Bärenszene am Ende? Ja und Nein. Sie hat in einer ausdifferenzierten schwulen Welt ihre eigenen Strukturen ausgebildet. Diese funktionieren innerhalb der vom kapitalistischen Markt vorgegebenen Parameter und wir funktionieren innerhalb dieser Strukturen. Es wäre ja auch blöd, wenn es die Bären-Events nicht mehr gebe. Ernüchternd ist, dass diese Events in ihrer Gesamtheit als riesige Bärenhöhle fungieren, in der man es sich behaglich macht, aber ansonsten von der Welt und dem Wald draußen nichts mehr wissen will.  © RH

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7 Responses to “Tanzend in den Winterschlaf oder: Warum eigentlich ist die Bärenszene so auf den Hund gekommen?”


  1. 1 Hans-Georg Oktober 5, 2013 um 7:55 pm

    Ich halte nichts davon, uns Schwule in irgendwelche Schubladen zu packen – sei es die aufgetakelte Schwester, ein Lederkerl oder ein Bär. Wir alle zusammen bilden doch das Abbild der schwulen Vielfältigkeit – so, wie es bei den Heten wohl auch ist. Wir alle sollten uns gegenseitig so akzeptieren, wie wir nunmal sind, wir uns wohlfühlen, in welche Richtung auch immer.
    Wenn es die sogenannte Bärenszene nicht mehr gibt, oder Lederszene oder Tuntenszene – umso besser. Umso normaler sind wir, umso normaler werden wir wahrgenommen.

    • 2 RH Oktober 6, 2013 um 9:49 am

      Doch, die Szenen/Gruppierungen gibt es alle noch! Und ich persönlich finde das auch nicht schlimm. Für mich ist die Frage eher, ob man sich in der Gruppe so abschottet, dass man die anderen nicht mehr wahrnimmt.
      „Normal“ ist das alles „natürlich“ nicht – und wird es hoffentlich auch nicht.

  2. 3 Willi Schäfer Oktober 5, 2013 um 9:16 pm

    sollte, wie mich auch, mal zum NACHDENKEN veranlassen 😦

  3. 4 bajazbasel Oktober 7, 2013 um 9:26 am

    „Wenn es die sogenannte Bärenszene nicht mehr gibt, oder Lederszene oder Tuntenszene – umso besser. Umso normaler sind wir, umso normaler werden wir wahrgenommen.“
    Daraus folgt: Wenn es die sogenannte Schwulenszene nicht mehr gibt, auch keine Bisexuellen und Transvestiten, nur noch Menschen – mit oder ohne Schwanz – umso heterosexueller werden wir und umso akzeptierter sind wir.
    Daraus folgt: Wenn es nur noch geschlechtslose, farblose und gleich grosse Menschen gibt, haben wir wieder das Paradies erreicht! Werfen wir alle Kultur aus diesen Szenen ins Meer! WTF!!

  4. 5 bajazbasel Oktober 7, 2013 um 9:33 am

    Hans-Georg! Wie kannst Du nur (…) den Widerspruch in Deinem Text nicht merken! Genau das ist der Punkt, auf den es ankommt! Das war der Funke für die Schwulenbewegung. Aber keiner merkt es mehr heute – Schwule ohne Bewegung… OMG

    • 6 Hans-Georg Oktober 7, 2013 um 11:24 am

      Das sehe ich anders. Wenn sich die diversen schwulen „Szenen“ untereinander abgrenzen bzw. es innterhalb dieser Szenen keine Aktivitäten mehr gibt muss das doch nicht damit gleichbedeutend sein, dass es keine schwule Bewegung an sich nicht mehr gibt.

  5. 7 Hamster Oktober 12, 2013 um 10:49 am

    Wie sichtbar sind Bären außerhalb einer Partyszene? Die Frage habe ich mir auch oft gestellt. Ich bin ein ‚junger‘ Bär, habe immer wieder was zu der ‚Bären-Community‘ gelesen und dachte: Aha, ist wohl Geschichte, war mal so.
    Auf Bären-Partys, hatte ich eher das Gefühl, viele schöne Bären hier, aber alles doch ein wenig oberflächig, schade.
    Danke RH für den Blog hier und ich kann schreiben, dass es gut getan hat zu lesen, dass ich nicht alleine bin mit der Beobachtung der Szene.


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