Pasta in Wodkasoße oder: Manchmal habe ich den Boykott satt (Homophobie aber auch!)

Dann halt auch keine Pasta mehr! Zumindest nicht die von Barilla, weil Herr Barilla, Chef vom italienischen Nudel-Konzern, dummes Zeug geredet hat. Er will keine Werbung mit Homosexuellen, weil in seiner Firma „das Konzept der heiligen Familie“ ein „fundamentaler Wert“ sei. Da kann man einerseits lachen, weil das Jesuskindlein nebst Maria und Joseph ziemlich sicher verhungert wäre, weil es sich die teure Pasta gar nicht hätten leisten können. Andererseits kann man angesichts dieses unnötigen Tretens gegen Schwule und Lesben nur schwer den Ärger runterschlucken. Noch nicht mal mit russischem Wodka, denn der wird ja auch boykottiert. 

Ins Familienparadies McDonalds ist der Weg auch versperrt. Und gegen Magengrummeln muss ein anderes Mittel als Coca-Cola gefunden werden. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann und warum das Gesöff eigentlich das letzte Mal boykottiert bzw. nicht boykottiert wurde. Aktuell findet es sich neben Visa, Panasonic, Samsung, BMW und und und auf der Liste der Sponsoren der olympischen Winterspiele in Sotschi und damit auch auf der Boykott-Liste. Auf den diversen Facebook-Seiten wird das alles erklärt und reichlich illustriert mit schlechten Fotomontagen.  Drumherum die Links zur Online-Petition hier, zum Aufruf da. „Like it“, wenn es dir nicht gefällt.

Nicht, dass es Boykott-Aufrufe nicht auch früher gegeben hätte. Aber ehrlich: Hat wirklich jemand seine Donna-Summer-Platten verbrannt in den achtziger Jahren, als die Disco-Queen (angeblich?) von der Geißel Aids schwafelte? Ich nicht, weswegen die tolle Vinyl-Maxi-Single von „MacArthur’s Park“ immer noch im Plattenschrank steht. Da fällt der Barilla-Boykott 2013 wesentlich leichter, zumal das Pasta-Angebot im Supermarkt nicht gerade klein ist.

Mitte des Jahres habe ich in einer stillen Minute festgestellt, wie mich diese Inflation an Online-Unterschriftenaktionen und der unaufhörliche Aufruf zum Boykott von irgendwas nervt. Und das, obwohl ich in der Sache, nämlich dem Protest gegen Homophobie, mit den meisten der Aktionen völlig übereinstimme. Doch meine Tendenz, Online-Aktionen zu ignorieren, wächst – ähnlich ergeht es mir sonst nur beim Thema „Schwule Fußballer“. Das letzte, an das ich mich erinnere, war eine Online-Unterschriftensammlung gegen die Streichung von Geldern für eine lesbische Einrichtung in Berlin. Und daran, dass auf dem Straßenfest am Stand der Einrichtung immerhin ein Banner hin, das für die – erfolgreiche – Unterstützung dankte. Immerhin. Denn was mit den auf Dauer gestellten Sammlungen auf Plattformen wie „allout“ oder „change.org“ geschieht, weiß doch keiner. Aber schön, dass wir geklickt und unterzeichnet haben.

Nun kann man es auch andersherum sehen: Angesichts der ständigen neuen Vorfälle von Homophobie kann man gar nicht genug Aktion(en) dagegen machen. Auf gewisse Weise weisen einen die Boykott-Stürme in den diversen Netzwerken ja zurecht auf Missstände hin. Und es kostet auch nix, irgendwo mal zu klicken bzw. die E-Mail-Adresse einzugeben. Aber – so meine Befürchtung – die momentan ganz wichtig-dringende Aktion währt immer nur solange, bis das Aufmerksamkeitspotenzial ausgeschöpft ist (das geht meist sehr schnell im Internet) und bis die nächste Botschaft durchs tägliche Empörungsfenster hereinflattert.

Ich habe keine Ahnung, was in einer globalen, vernetzten Welt das adäquate Mittel gegen die diversen homophoben Aktionen ist. Dieses hektische Mal-hier-mal-da und weiter geht’s erschöpft mich aber. Und in gewisser Weise ärgert mich es manchmal auch, dass in der (spontanen) Empörungswelle das Nachdenken und auch das Denken von größeren Zusammenhängen auf der Strecke bleibt. Mitunter fühle ich mich von der Mach-mit-Gläubigkeit auch schlicht unterfordert. Mir kommt die Aktion einer Umweltorganisation zum Schutz der Antarktis in Sinn. (Ja, es ging allgemein um die Natur, nicht nur den schwulen Teil derselben!!) Auf dem Klickpfad zur virtuellen Unterschrift begegneten mir aber soviel Pinguine, denen eine Träne aus dem Auge kullerte, dass ich aufgab und dachte, wenn schon auf Kinderniveau argumentiert wird, dann sollen wohl auch Kinder unterzeichnen!

Gewundert hatte ich mich auch, dass angesichts der homosexuellenfeindlichen russischen Gesetzgebung in der CSD-Saison plötzlich lokale CSD-Organisatoren oder -Gruppen jeweils ihre eigenen Unterschriften-Aktionen starteten. Das war sicher gut für die lokale PR, gut, um vor Ort Aufmerksamkeit für das wichtige Thema zu erzielen. Schwulenpolitisch hätte ich mir da aber eher eine gemeinsame Aktion aller CSD- bzw. überhaupt aller deutschen Institutionen gewünscht. Das hätte aber Zeit und Abstimmung und Gemeinsamkeit gebraucht. Dem inflationären Schneeball-Aktivismus virtuell entspricht die reale Vereinzelung / Zersplitterung der (deutschen) Community, er ersetzt in gewisser Weise, so eine Vermutung, die fehlende übergreifende/politische Infrastruktur der schwul-lesbischen Welt. Zumindest im Internet gibt es eine (welt)umspannendes Gemeinschaftsgefühl.

Um es nochmals zu wiederholen: In der Sache finde ich (fast) jeden Protest gegen Homophobie und Menschenfeindlichkeit richtig. Da kann man wahrscheinlich gar nicht genug protestieren. Konkret nervt mich die – von mir vermutete – Inflation vor allem im Internet dann doch. Zumal dieser Protest nur durchrauscht und wenig Momente zur Besinnung bietet. Ab und zu würde ich auch gern mal drüber nachdenken, was da eigentlich vor sich geht, wenn Millionen von Putin-Fotos voller Lippenstift, Hitlerbärtchen und Judensternchen zirkulieren. Ich würde gern auch mal drei Monate später erfahren, was aus all dem Sturm wurde. Aber solche Reflexionen sind wahrscheinlich gar nicht gewollt. Und außerdem: Man kann schon jetzt die Uhr nach dem nächsten Aufruf zum Boykott, zur Online-Petition stellen. Nur nicht mit Omega-Uhren. Denn die werden als Sotschi-Sponsor gerade boykottiert – oder doch schon nicht mehr?  RH

Seitenbemerkung: Ich würde gern das Lied auf die gute alte Demonstration singen. Aber nach der Anti-Anti-Homo-Gesetze-in-Russland-Demo in Berlin (eine großartige Sache!) war ich derart fix und alle, dass ich den simplen Klick im Internet vielleicht künftig doch vorziehe. Jedenfalls, bis die Rückenschmerzen vom Laufen wieder vorbei sind.


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