Nützt alles nichts – Volker Beck wird zum Lehrstück eines perfiden Polit-Medien-Spiels

Deutschland wählt, aber wahrscheinlich weniger grün als erhofft, erwartet, gefürchtet. Neben einem schlechten Wahlkampf, dem Fehltritt in den (pflanzlichen) Veggie-Day-Fettnapf dürfte der Partei der Grünen ihre eigene Geschichte zum Verhängnis werden. Konkret: Der Umgang der Partei mit den Pädophilen, die in den achtziger Jahren versuchten, über die sich formierende Partei Einfluss auf Fragen und Entscheidungen hinsichtlich Sexualmoral / Sexualstrafrecht zu gewinnen. Erst traf es Parteichef Jürgen Trittin, nun den Geschäftsführer und schwulen Menschenrechtsaktivisten Volker Beck. Unversehens sehen sich „taz“, „Welt“ und Becks Lieblingshassgegnerin Erika Steinbach vereint im Verdikt, dass Beck nicht mehr tragbar sein. Das Absurde daran: Es geht gar nicht um Becks Haltung zur Pädophilie – von seiner damaligen Meinung hat er sich mehrfach und – wie ihm von allen Seiten auch attestiert wird – glaubhaft distanziert. Es geht um die – vom „Spiegel“ aufgebrachte – Frage, ob eine Aussage Becks, sein Beitrag im Sammelband „Der pädosexuelle Komplex“ von 1988 sei durch die Herausgeber verfälscht worden, stimmt oder nicht, ob er die Öffentlichkeit täuschte oder nicht. 

Ausgerechnet die „taz“, namentlich Astrid Geisler als Kommentatorin, findet starke Worte: Beck habe als Politiker „jede Glaubwürdigkeit verspielt“. Harter Tobak von einer Zeitung, die sich noch unlängst zum Sprachrohr für Menschen gemacht hat, die es richtig finden, dass verurteilte Mörder durch Genickschuss hingerichtet werden. Und deren Chefin Ines Pohl unlängst höchstpersönlich einen kritischen Artikel über die Grünen und Pädophilie verhindert hatte.
Wer es selbst weder mit grundlegenden Menschenrechten noch journalistischer Redlichkeit so genau nimmt, muss jetzt wohl umso entschiedener gegen Volker Beck schießen, um sich reinzuwaschen.

Tatsache ist doch, dass beide – durchaus streitbare – Fälle von Trittin und Beck unmittelbar vor der Wahl lanciert wurden. (Eine recht undurchsichtige Rolle spielt dabei der Politologe Franz Walter, der im Auftrag der Grünen deren einstigen Umgang mit Pädophilie erforschen soll.) Wie schon mittlerweile üblich in der Politik, wird jemand für eine, misst man es an der politischen Gesamtleistung, Kleinigkeit in einer medial erzeugten moralischen Hysterie zur Verantwortung gezogen. Da gibt es keine Zwischentöne mehr, kein Pardon, sondern nur noch die Freigabe zum Abschuss. Da mag sich der Beschuldigte drehen und wenden wie er will: Es nützt alles nichts!

Sicher, die Grünen selbst haben sich dieser fundamentalistisch anmutenden Selbstgerechtigkeit häufig genug selbst und auf nervende Weise bedient. Auch Volker Beck hat verbal schon manch moralinsauren Teig aufgehen lassen. Insofern muss man auf politischer Ebene vielleicht sagen: Es sollte die Grünen nicht wundern, wenn sich ihr eigener Stil nun gegen sie wendet – und im Wahlkampf der „Gegner“ eine offene Flanke natürlich ausnützt.

Mir persönlich missfällt, dass die Kampagne mit Volker Beck einen Politiker trifft, der sich in den letzten zwanzig Jahren wie kein kaum ein anderer für „unsere“, die Rechte der Schwulen und Lesben eingesetzt hat. Völlig unabhängig, ob ich seine Art und seine politische Vorgehensweise immer für richtig hielt und halte, ist er in der Tat ein Vorkämpfer unserer heutigen schwul-lesbischen Welt. Ausgerechnet er soll nun über eine solch aufgebauschte Medien-Kampagne stürzen?

Zudem beschleichen mich zwei ungute Gefühle, Ahnungen (möglicherweise ist das aber auch schlicht Paranoia): Die Pädophilie-Debatte der achtziger Jahre markiert auch einen entscheidenden Punkt der Schwulenbewegung. Es war gerade die Trennung von der Gruppe der Pädophilen und das Inkaufnehmen eines Rechts, das sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen unter Strafe stellte, die eine breite Akzeptanz und den „Siegeszug“ der Schwulen ermöglichte. Die große Unlust schwuler Medien, die derzeitige Pädophilie-Debatte(n) aufzugreifen, rührt möglicherweise daher, dass man eine erneute und im Kern auch problematische Vermischung befürchtet. Nun scheint es mir, als ob konservativ-reaktionäre Strömungen genau darauf [auf die Vermengung von Homo- mit Pädosexualität] setzen! (Der Streit um das Adoptionsrecht lässt grüßen!) Obwohl es um Unaufrichtigkeit geht, will man Beck in die Nähe zur Pädophilie rücken – und damit eigentlich den selbstbewussten Schwulen Volker Beck loswerden.

Zweiter Verschwörungstheoriegedanke: Es geht mit der Kampagne gegen Beck möglicherweise schon um die Zeit nach der Wahl – und damit vielleicht auch um Grünen-interne Streitigkeiten. Darauf gebracht hat mich ein Beitrag der „Welt“: Darin wird bereits das Ende von Volker Becks politischer Karriere beschworen – völlig unabhängig von der Frage, ob Becks Behauptung, sein Text in dem Sammelband sei verändert worden, nun zutrifft oder nicht. „Denn dass Volker Beck auch in der nächsten Legislaturperiode noch als Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen reüssieren darf, hält man in Kreise der Grünen für äußerst unwahrscheinlich.“
Haben Grünen-Politiker (etwa Tübingens Bürgermeister Boris Palmer) nicht hin und wieder darüber sinniert, ob man nicht manch eine politische Forderung von Schwulen und Lesben (nämlich just die für ein Adoptionsrecht) zugunsten einer Wählermehrheit opfern könne? Wurde freilich stets umgehend dementiert! Nun scheint vielleicht nicht eine bestimmte Forderung, aber der prominenteste Vertreter für schwul-lesbische Forderungen zur Disposition zu stehen.

Vor der Wahl ist nach der Wahl. Und es klingt alles nicht wirklich gut. RH

Nachtrag, 23.9.: Die Wahlen haben den Grünen deutliche Verluste beschert. Volker Beck hat angekündigt, nicht mehr für das Amt des Parlamentarischen Geschäftsführers seiner Partei antreten zu wollen.

7 Responses to “Nützt alles nichts – Volker Beck wird zum Lehrstück eines perfiden Polit-Medien-Spiels”


  1. 1 David Berger September 21, 2013 um 6:12 pm

    Sehr treffender Kommentar! Danke! Bzgl schwuler Medien weiße ich auf folgenden Beitrag hin der schon vor einigen Monaten erschienen ist http://m-maenner.de/2013/08/homosexuelle-und-paderasten/ … außerdem gibt es im kommende Woche erscheinenden Heft dazu noch einmal einen ausführlichen Beitrag!

  2. 2 Luke September 21, 2013 um 9:52 pm

    Volle Zustimmung!

    Es ist ein Skandal, wie die Massenmedien hier eine Schmierenkampagne fahren, ohne ein einziges Mal die gesellschaftlichen Verhältnisse aufzuarbeiten – und an den Pranger zu stellen! – unter denen damals auch die eine oder andere falsche Solidarisierung stattgefunden haben mag.

    Bis 1994 (!) galt ein unterschiedliches Schutzalter für Homo- und Heterosexualität, und Jugendlichen wurde pauschal jegliches Recht auf sexuelle Selbstbestimmung abgesprochen. Und nicht ohne Grund sind homosexuell empfindende Jugendliche noch heute einem vielfach höheren Suizidrisiko ausgesetzt. Wer thematisiert das (Heteronormativität/-sexismus) endlich mal als Missbrauch?? Denn genau das war, ist und bleibt es!

    Die so genannten Leitmedien, darunter das von verbürgerlichten schwulen Anbiederern und Karrieristen erst kürzlich mit der „Kompassnadel“ ausgezeichnete Hetzblatt „Der Spiegel“, operieren hingegen – unter völliger Ausblendung der damaligen Unterdrückungsverhältnisse und ihrer Opfer – in Bezug auf Formulierungen, die in den 70er und 80er Jahren in irgendwelchen Flugblättern oder auch Büchern aufgetaucht sind, mit dem Begriff „Pädophilie-Fälle“ und suggerieren zumindest unterschwellig, es gehe dabei tatsächlich um Fälle von Kindesmissbrauch. Dabei ist in den letzten Jahren doch offensichtlich geworden, wo massenhaft (auch) sexueller Missbrauch stattgefunden hat und weiterhin stattfindet: Gerade in den konservativ-reaktionären, sexualitätsfeindlichen und tabuisierenden Milieus und Strukturen sowie weiterhin (statistisch eindeutig) in der heiligen bürgerlichen Familie!

    Eben diese Milieus versuchen jetzt in Zeiten der immer tieferen Systemkrise mit aller Gewalt und mit tatkräftiger Unterstützung interessierter Kreise der herrschenden Klasse das Rad wieder zurückzudrehen und ihre Feindbilder zu kultivieren. Schwule müssen endlich Schluss machen mit der Anbiederungs- und Unterwerfungspraxis der letzten beiden Jahrzehnte und gesellschaftliche Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse wieder grundlegend in Frage zu stellen und angreifen. Keine sexuelle Befreiung ohne soziale Revolution – keine soziale Revolution ohne sexuelle Befreiung!

  3. 3 Ralf September 22, 2013 um 10:37 am

    Ich erinnere mich sehr gut, wie eng verzahnt in den Achtzigern Forderungen nach Gleichberechtigung der Schwulen und nach Entkriminalisierung vermeintlich einvernehmlicher Pädosexualität waren. Das holt diejenigen, die damals so argumentierten oder zumindest dieses unreflektierte Mischmasch tolerierten, heute ein. Schwulenfeindliche Parteien, gesellschaftliche Gruppen und Medien, allen voran die kath. Kirche (selbst das größte Kinderschänderparadies der Welt) und der „Spiegel“, betreiben genau diese Gleichsetzung von Schwulen und Päderasten immer massiver, um die endgültige rechtliche Gleichbehandlung und gesellschaftliche Anerkennung doch noch im letzten Moment zu verhindern, insbesondere da es gegenwärtig in der öffentlichen Wahrnehmung hauptsächlich ums Adoptionsrecht zu gehen scheint. Wer in den Achtzigern die Freiheit von Schwulen und die von Kinderfickern weder rechtlich noch moralisch zu unterscheiden vermochte, muss das jetzt büßen, mag er auch längst zur Vernunft gekommen sein und das vielfach dokumentiert haben. – Und die Folgerung? Trittin und Beck müssen zurücktreten… sobald Angela Merkel wegen ihrer marxistischen Vergangenheit mit gutem Beispiel vorangeht.

  4. 4 Luke September 22, 2013 um 1:38 pm

    Gibt es für diese „enge Verzahnung“ noch andere Belege als deine „sehr gute Erinnerung“? Weshalb blendest du bei deinen Bewertungen verbaler (!) Ausrutscher und falscher Solidarisierungen die brutalen gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnisse, z. B. das bis 1994 geltende unterschiedliche „Schutzalter“ für Homo- und Heterosexualität (dies stand im Zentrum vieler Diskussionen, im Kern auch der Einlassungen von Volker Beck – und da ging es um Jugendliche, nicht um Kinder), die mediale Hetzjagd auf Schwule im Zuge der „Aids-Krise“ (an der das Kompassnadel-Blatt „Spiegel“ an vorderster Front beteiligt war) oder die Tatsache, dass offenes politisches Engagement als Schwuler auch in den 80er Jahren noch vielfach den beruflichen Tod bedeutete, ebenso aus, wie es die laufenden Diffamierungskampagnen tun? Ist es nicht mehr als verständlich, dass man in diesem Kontext empfänglich war für die (in diesem Punkt sicherlich falsche, aber aus den Verhältnissen heraus erklär- und nachvollziehbare) Vorstellung, sich in einem „gemeinsamen Kampf“ auch mit Pädophilen gegen jede staatliche Repression von Sexualität zu sehen? Da hilft keine verlogene bürgerliche Moral, sondern nur die klare sachliche Feststellung: Der eigentliche Skandal waren, sind und bleiben die damaligen Unterdrückungsverhältnisse in bezug auf Homosexualität und das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Jugendlichen! Zur aktuellen Situation: Was für eine beschränkte Sicht auf die gesellschaftliche Wirklichkeit muss Mensch eigentlich haben, um die Frage der Ehe-Öffnung und des Adoptionsrechtes als Synonym für „endgültige Gleichberechtigung“ zu sehen? Last, but not least (obwohl es mich nach allem anderen nicht wundert): Warum setzt du Stalinismus mit Marxismus gleich?

  5. 5 Ralf September 27, 2013 um 1:32 pm

    @Luke

    Ich weiß noch gut, was in den frühen Achtzigern gefordert wurde und wie damals in schwulen Magazinen Pädosexualität und Homosexualität vermischt wurden. Ich erinnere als Paradebeispiel an den Päderasten Peter Schult, der in „Torso“ als verfolgter Held hochgejubelt wurde. Wer das heute nicht weiß, hat damals noch nicht gelebt oder leidet an Gedächtnisschwäche.

    Die unterschiedlichen „Schutzalter“ waren selbstverständlich verwerflich, das brauchst Du mir, der ich mich schon Mitte der Achtziger (ohne Rücksicht auf berufliche Nachteile) dagegen engagiert habe, nicht zu sagen. Nur ist Sex mit Jugendlichen etwas anderes als Sex mit Kindern, und kein Artikel im Hetzblatt „Spiegel“ oder sonstwo kann meiner Meinung nach rechtfertigen, sich mit Kinderschändern zu solidarisieren.

    Davon, dass ich die völlige rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz mit der Gewährung des Adoptionsrechts gleichsetze, steht in meinem obigen Beitrag nichts. Es wäre auch nicht meine Meinung. Ich weise nur darauf hin, dass diese Diskussion gerade in dem Moment hochkocht, da sich die öffentliche Wahrnehmung auf das Adoptionsrecht fokussiert. Das kann kein Zufall sein.

    Genauso wenig setze ich Stalinismus mit Marxismus gleich. Ich schreibe nur, dass Frau Merkels marxistische Vergangenheit nicht besser ist als Herrn Becks damalige Affinität zu Kinderfickern. Wenn das eine kein Rücktrittsgrund ist, dann das andere auch nicht.

  6. 6 RH September 27, 2013 um 6:07 pm

    Ich würde mir wünschen, dass mein Blog nicht als Platz für aggressive Hetz- und Stammtischausdrücke wie „Kinderficker“ herhalten muss (zumal wenn sie in Verbindung mit Politikern gebracht werden, über die allein schon aufgrund der Wortwahl gerichtet wird) und möchte um halbwegs sachliche Wortwahl bitten.

  7. 7 Ralf September 28, 2013 um 3:42 pm

    Lieber Rainer, es tut mir leid, dass Dich dieser Ausdruck stört. Ich werde ihn deshalb nicht mehr hier verwenden. Nur: Sexueller Missbrauch von Kindern ist eine aggressive Sache, und wer sich für seine Legalisierung stark macht oder früher mal stark gemacht hat, darf sich nicht wundern, wenn ihn das irgendwann einholt. Ich kann nicht einerseits solche Taten verurteilen, wenn sie von Lehrern oder Priestern begangen wurden, und sie andererseits tolerieren, weil Volker Beck und Jürgen Trittin vor Jahrzehnten so blauäugig waren, dafür Straffreiheit zu fordern oder sich wenigstens von solchen Forderungen nicht zu distanzieren. Dass das heute, da es in Erinnerung gerufen wird, ein gefundenes Fressen für die Schmierenpresse und für selbst moralisch höchst zweifelhafte Politiker weit rechts draußen ist, kann ich nur bedauern. Becks und Trittins diesbezügliche Fehltritte sind für mich weit weniger schlimm als Joschka Fischers Prügelattacke oder als die Versuche konservativer Politiker, Vergewaltigung straffrei zu belassen, so lange der Täter mit dem Opfer verheiratet ist. Wir erleben mal wieder ein Lehrstück in Selbstgerechtigkeit. Egal wie weit die Dummheit (mehr ist es nicht, wenn man bedenkt, dass prominente Journalisten, Literaten und Künstler unter dem Einfluss überzogen liberalen Zeitgeistes und vermeintlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse damals genauso dachten) zurückliegt, wie oft die Betreffenden sich seither davon distanziert haben und wie hoch sie über einen Verdacht, selbst Dreck am Stecken zu haben, auch erhaben sind – christliche Ehrenmänner und sensationsgeile Schreiberlinge fallen über sie her und versuchen, sie für immer fertigzumachen. Wen wundert das aber auch in einem Land, in dem die Halskette der Kanzlerin und der Mittelfinger ihres Gegenkandidaten mehr öffentliches Interesse wecken als Mindestlohn, Kriegswaffenhandel, Energiekosten und Geheimdienstschnüffelei zusammen. Und natürlich – es lassen sich mal wieder Homosexualität und Päderastie im selben Satz unterbringen!


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