Die sieben Todsünden sind auch nicht mehr, was sie mal waren – Das Buch „Banal-Sex“ will eine ironische Nabelschau der schwulen Welt liefern

Banal-Sex_CoverEs gibt sie kaum noch, die Bücher, in denen versucht wird, sich mit sich selbst sowie dem Leser über die schwule Community zu verständigen. Und das gleichberechtigt, auf gleicher Augenhöhe. Mithin also das zu erreichen, was eine bis zum Anschlag selbstgerechte „Queer-Wissenschaft“ im Elfenbeinturm nur müde belächeln kann. Sirko Salka, Ex-Chefredakteur des Berliner Lokalmagazins „Siegessäule“ streift in „Banal-Sex“ (Querverlag) durch die Szene und findet so manchen Stolperstein entlang des Weges. Essayistisch, im Tonfall humorvoll, kumpelhaft vereint er Lebensgefühl und Szene-Analyse, hat also nicht nur „die Anderen“, sondern immer auch sich selbst im Blick.

Die sieben Kapitel des Buches sind dabei mit jeweils einer der sieben Todsünden überschrieben. Schnell wird klar, dass Salka das „sündige“ Potenzial durchaus zu schätzen weiß und auf eigenwillige Weise umdeutet. So etwa, wenn er im „Hochmut“ dauernder schwuler Selbstverklärung das Widerspenstige bejaht, das im schwulen Generve steckt. Er schätzt an der homosexuellen Community, dass sie nach wie vor ein Stachel im Fleisch der Gesamtgesellschaft bleibt: „Wir Schwulen und Lesben sind eine enervierende Minderheit, welche die Masse zum reflektierten Nachdenken veranlasst.“

Heißt nicht, dass es nicht reichlich Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten innerhalb unserer eigenen Reihen gäbe. Sirko Salka spürt ihnen nach, meist heiter und mit ungewohnten Haken in der Argumentation und in den verwendeten Bildern. Letztlich scheinen dabei altbekannte Themen auf wie (Hetero-)Normalität, Jugendwahn, Körperkult, schwule Selbstzensur, der Einfluss des Internets auf unser (Sex-)Leben – und natürlich die Frage, ob und wenn ja was uns abgesehen vom Sex verbindet. All das geht Salka auf entspannte Weise an, ohne Ambitionen, allgemeingültige Erklärungen zu liefern. Stattdessen bleibt er stark beim Einzelfall, bei eigenen Gefühlen und Erfahrungen. Sozio-politische Theoriegebilde à la „So funktioniert die Welt“ oder „Warum der Untergang bevorsteht, wenn wir uns nicht ändern“ sind Salkas Sache nicht. (An mancher Stelle hätte ich mir statt Wiedergabe persönlicher Eindrücke aber auch den einen oder anderen Hinweis auf Texte gewünscht, in denen das Thema schon mal thematisiert oder weitergehend hinterfragt wurde.) Stattdessen hangelt er sich beherzt und wohlgemut von Einzelfall zu Einzelfall durchs (schwule) Leben, fragt mehr als dass er vorschnelle Antworten liefert. Wenn es so etwas wie eine „Leitlinie“ gibt, dann wahrscheinlich sein persönliches Credo, das Vorhandene und Vorgefundene nicht einfach unbefragt zu übernehmen.  „Jedenfalls will ich keine überholten Muster leben und mich mangels eigener Ideen müßig daran abarbeiten, dass mir der Mainstream keine adäquate Angebote macht“, heißt es im Kapitel „Trägheit“.

Damit ist Sirko Salka – Jahrgang 1976 – möglicherweise auch exemplarisch für eine selbstbewusste schwule Generation, die sich zuversichtlich von den alten Tagen der Schwulen-Emanzipation zu emanzipieren weiß.
Ich will gar nicht verhehlen, dass Salkas Sprachstil gar nicht der meine ist! Beim Lesen des Buches meinte ich die zwölf Jahre, die Salka und mich trennen, auch deutlich zu spüren. Das spricht nun gar nicht gegen das Buch – ich wünsche dem Buch und seinem Stil sogar sehr, dass er Nerv und Sprachduktus einer „neuen“, „anderen“ schwulen Generation trifft. Ärgerlich fand die Wortwahl aber mitunter dort, wo sie Salka selbst im Wege steht.

So heißt es in einem kleinen Exkurs über den Paragrafen 175 schon reichlich salopp, „beschloss ein offensichtlich sturzbesoffener Staat, Liebe fortan unterschiedlich zu bemessen und die normabweichende sexuelle Identität unter Strafe zu stellen“. Wenn’s denn mal nur der Vollsuff einiger Politiker gewesen wäre! Wer so jovial und ohne Not historische wie sprachliche Präzision in die Tonne tritt, macht umgangssprachlich auf Kumpel, wo es mal gerade nicht ums Kumpelsein geht. Das ist schade, denn das fehlende Bemühen um gesellschaftliche Mechanismen und Strukturen lässt Salka wenige Seiten später bei der Frage nach dem Rassismus in der schwulen Szene recht ratlos. Später wird es, in anderem Zusammenhang, einmal heißen: „Was ich für wünschenswert ‚normal’ hielte, wäre ein entspanntes Nebeneinander der vielfältigen Lebensformen.“
Wer wünschte das nicht? Es bleibt aber auch ein Stück weit ausweichend hinsichtlich mancher von manchen als unentspannt empfundenen Realitäten.

Ein weiterer, aber wohl nahezu unvermeidbar unerklärlicher Punkt (auch in meinen eigenen Büchern) ist das ominöse „Wir“ der schwulen Community, jener phänomenologische Geist, der – in meiner Wahrnehmung – immer dann nicht da ist, wenn man ihn bräuchte. Für Salka ist das „Wir“ aber höchst präsent und er findet es gut und irgendwie – bei allem Gemecker – ist es für ihn auch ein Stück Heimat.

Hätte ich mittlerweile große Zweifel! Aber gerade weil ich selbst dieses „Wir“ in seiner ganz reellen Wirkmacht spannend und zugleich höchst fragwürdig halte, wünsche ich dem Buch „Banal-Sex“ und seinem Autor mehr als viele einzelne Leser viele öffentliche Lesungen mit debattierfreudigen Zuhörern! Sirko Salkas beherzte Art, Themen und Fragen unter Einbeziehung der eigenen Person anzugehen, die vielfältigen Anknüpfungspunkte ans schwule Alltagsleben sind ebenso einseitig wie reichhaltig. Es wäre schade, wenn darüber nicht gestritten und debattiert und über die schwule Welt sinniert würde. Sie sind jedenfalls ein gutes Sprungbrett, von dem aus man sich in die nicht mehr ganz so stillen, aber unverändert tiefen Gewässer des Schwulseins stürzen kann – gemeinsam!

Sirko Salka: Banal-Sex. Wieso schwules Leben harte Arbeit ist. Querverlag, 160 Seiten, 14,90 Euro. ISBN: 978-3-89656-216-6 — Mehr Infos auf der Verlagsseite. Österreichische Blog-Leser wissen sicher Löwenherz als gute Bezugsquelle zu schätzen.

1 Response to “Die sieben Todsünden sind auch nicht mehr, was sie mal waren – Das Buch „Banal-Sex“ will eine ironische Nabelschau der schwulen Welt liefern”


  1. 1 bajazbasel Oktober 9, 2013 um 10:17 pm

    Das Buch gehört auf den Stapel Analysen und Kommentare zur Szene! (http://www.arcados.ch/?page_id=228)
    Leider hält Salka den originell-satirischen Ton nicht immer bis zum Ende durch. Aber trotzdem lesenswert! Unterhaltend und unakademisch. In der Schweiz natürlich bei ARCADOS am Lager!😉


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