NSU-Prozess: Carsten S. drückt Mitgefühl für Angehörige der Mordopfer aus

Es wurde Zeit! Am 12. Verhandlungstag im NSU-Prozess hat der wegen Beihilfe zum Mord angeklagte Carsten S. wenigstens ansatzweise versucht, sich bei den Angehörigen der Opfer der Nazi-Morde zu entschuldigen und sich zu seiner Verantwortung zu bekennen. Er „fühle auf jeden Fall eine Verantwortung“, weil er sich durch das Beschaffen der Mordwaffe schuldig gemacht habe. Carsten S. war heute vor allem von den Anwälten der Nebenkläger zu seiner Rolle bei den Morden der rechtsextremen Terrorzelle befragt worden. Am Ende der Befragung richtete er dann Worte an die Opfer: 

„Ich kann nicht ermessen, was Ihren Angehörigen für unglaubliches Leid angetan wurde… Sie als Angehörige… mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, wie ich empfinde … da finde ich nicht die passenden Worte, was das in mir auslöst.“ (Zitiert nach „Welt“/Liveblog) Und weiter:
„Eine Entschuldigung wäre zu wenig. Eine Entschuldigung klingt für mich wie ein ’sorry, und dann ist es vorbei‘ – aber es ist noch lange nicht vorbei. Ich wollte Ihnen mein tiefes Mitgefühl ausdrücken.“ (Zitiert nach  „Pforzheimer Zeitung“)

Carsten S.‘ Worte, schreibt die „Süddeutsche“, „wirkten ehrlich und authentisch in ihrer Unbeholfenheit“.

Carsten S. ist einer von fünf Angeklagten im Prozess um die Morde der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Er war in den neunziger Jahren in der Thüringer Neonazi-Szene aktiv und hat dem späteren Mordtrio um die Hauptangeklagte Beate Zschäpe die Tatwaffe für zwischen 2000 und 2006 begangene Morde an acht türkischstämmigen Männern sowie einem Griechen besorgt. 2000 stieg Carsten S. aus der rechten Szene aus und arbeitete bei der Aids-Hilfe sowie in einem schwul-lesbischen Jugendclub in Düsseldorf. Aus seiner Zugehörigkeit zur Szene machte er kein Geheimnis, seine Taten verschwieg er. Er wurde 2012 verhaftet und hat gegenüber den Behörden ein umfangreiches Geständnis abgelegt – heute befindet sich der 33-Jährige in einem Zeugenschutzprogramm. Seine Aussagen im Prozess waren – vor allem, wenn es um die eigene Rolle in der Nazi-Szene ging – immer wieder von Erinnerungslücken geprägt. Die „taz“ äußerte, Carsten S. zeichne von sich das „Bild eines unpolitischen Mitläufers“. Natürlich kann darin auch eine Taktik der Verteidigung vermutet werden.


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