NSU-Prozess: Carsten S. beginnt Aussage

Am fünften Verhandlungstag im NSU-Prozess in München hat heute der Mitangeklagte Carsten S. ausgesagt. Er hat eine der Mordwaffen besorgt, mit denen die rechte Terrorzelle später zehn Menschen umgebracht hat (siehe auch S.i.e.g.T.-Bericht vom 6.5.2013). Carsten S. schilderte heute, wie er in die rechte Szene geriet. 1997, mit 16 Jahren, sei er erstmals auf einer NPD-Demo gewesen. Er sei von Uniformen und Springerstiefeln fasziniert gewesen, als Einzelgänger habe ihn das Gefühl von Kameradschaft angesprochen.
Die „Welt“ berichtet sehr ausführlich über die Aussagen von Carsten S., in der auch seine Homosexualität – die er schon mit 13 bemerkt haben will – Thema ist.* 
Letztlich soll die Homophobie des Mitangeklagten Ralf Wohlleben dann auch den Ausschlag zum Ausstieg Anfang 2000 gegeben haben. Die „Welt“ schreibt: „Als er den Film ‚The Beautiful Thing‘ sieht, ein Coming-out-Rührstück, habe er ‚Tränen in den Augen‘ gehabt, sagt Carsten S. Und ein Spruch von Kamerad Ralf Wohlleben, ihn würde es ‚ankotzen‘, wenn die Leute über ihn behaupten, dass er schwul wäre, habe ihm klargemacht: ‚Das sind nicht meine Leute.'“

Neben der Beschaffung der Mordwaffe ist Carsten S. u.a. auch in die Wohnung der Hauptangeklagten Beate Zschäpe eingebrochen, um Ausweispapiere zu besorgen.
Nachträglich ergänzt – nach einem Bericht auf „Spiegel Online„. Dort wird folgender Wortwechsel zwischen dem Richter und Carsten S. wiedergegeben: „‚Haben Sie vom Zweck der Waffe erfahren‘, fragt der Vorsitzende. ‚Nein‘. ‚Haben Sie nachgefragt?‘ ‚Ich denke, ich würde mich erinnern, wenn ich etwas erfahren hätte.'“ 
Für eine mögliche Verurteilung ist es relevant, inwieweit Carsten S. wusste/wissen konnte, was mit der Waffe geplant war.
Am späten Abend wurde die Verhandlung dann beendet, die Befragung von Carsten S. soll am nächsten Prozesstag fortgesetzt werden.

Nach seinem Ausstieg aus der rechten Szene hat Carsten S. in Düsseldorf für die Aidshilfe und in einem schwul-lesbischen Jugendclub gearbeitet. Aus seiner Vergangenheit soll er keinen Hehl gemacht, „Details“ wie die Beschaffung einer Waffe aber verschwiegen haben. Nach seiner Verhaftung im Februar 2012 hat Carsten S. ein weitgehendes Geständnis abgelegt. Er ist der erste, der beim Prozess aussagt. Außer ihm will dies nur noch der Mitangeklagte Holger G. Die anderen drei Angeklagten verweigern die Aussagen. Carsten S. befindet sich nun in einem Zeugenschutzprogramm.

* Die „Welt“ tut dies freilich unter der reißerischen Schlagzeile „Springerstiefel zogen Carsten S. erotisch an“.

1 Response to “NSU-Prozess: Carsten S. beginnt Aussage”



Comments are currently closed.



Das Buch zum Blog

Archiv

Kreuz-und-queer-Blog