Schwules Wegsehen, wenn’s um Nazis geht!

Beiträge zum NSU-Prozess, die auf die Homosexualität des Mitangeklagten Carsten S. verweisen, gefallen dem braven Homo-Jet-Set einigen Schwulen nicht. So kurz vor dem CSD mag man es nicht, wenn jemand aus den eigenen Reihen aus Faszination für dumpfes Nazi-Geraune von Ehre und Bruder Teil einer Mordmaschinerie geworden ist. Schlecht fürs Image, noch schlechter allerdings für die zahlreichen Mordopfer. Bei den vier Mitangeklagten wird deren Heterosexualität auch nicht thematisiert – Wieso also bei Carsten S. das Schwulsein eigens hervorheben? Klingt rhetorisch gut – wäre es letztlich nicht der Versuch, Homosexualität immer genau dann zum Schweigen zu bringen, wenn’s einem nicht passt.
Ein Teil des Versuches, alles Unliebsame aus der heilen Idylle schwuler Selbstbilder zu verbannen, verdankt sich wahrscheinlich dem Umstand, dass es innerhalb der Mainstream-Medien seltsam wirkt, wenn Carsten S.‘ Sexualität und seine Faszination fürs Männliche erwähnt werden. Solch eine Andeutung, dass Sexalität etwas mit Gewalt und Verherrlichung von Gewalt zu tun haben könnte, wird aus der Heterosexualität geflissentlich ausgeblendet. Als „Normalfall“ sieht sich Heterosexualität der Selbstreflexion über die (möglichen) Gründe für ihr Handeln enthoben.
Muss darum aber auch ein schwules Blog, ein schwules Nachrichtenmagazin zu Carsten S. schweigen? Ich glaube nicht. Einer schwulen Welt, die das Schicksal schwuler Geier im Zoo wochenlang erregt, darf man zumuten zu hören, zu lesen, dass es auch schwule Verbrecher gibt, schwule Rechtsextremisten gibt. Gar nicht weiter erörtert werden soll hier, wie massiv im Falle von Carsten S. nach seiner Verhaftung in den (wenigen) schwulen Medien darauf verwiesen wurde, dass er sich vom Rechtsextremismus gelöst und in Aids-Hilfe und schwuler Jugendgruppe beliebt war.* Das ist, was die Person von Carsten S. angeht – der sich für die Taten nun verantwortet -, auch eine gute Nachricht. Was die schwule Gemeinde einige aus der schwulen Gemeinde angeht, so hat haben sie damit das gehört, was ihr ihnen am besten gefällt: Eine Geschichte vom geläuterten, guten Schwulen. Damit ist auch das Thema Schwule Nazis elegant entsorgt. Längst vergessen ist Rosa von Praunheims Film zu diesem Thema.
Ich finde es nicht abwegig, dass man sich als schwuler Mann damit auseinandersetzt, was einen anderen schwulen Mann dazu gebracht hat, sich mit rechtsextremem Gedankengut und Mythen zu identifizieren. Ich finde es auch nicht abwegig, sich als schwuler Mann dafür zu interessieren, was einen (homo?)sexuellen Mann dazu bringt, andere Schwule umzubringen, was ihn zu diesem Selbsthass führt, der angesichts heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse in Deutschland doch unnötig wäre. Ich finde es nicht abwegig, sich als schwuler Mann dann für einen Fall von Folter zu interessieren, wenn es einen anderen schwulen Mann betrifft. Das heißt ja noch lange nicht, dass einem die Fälle von Folter an Menschen insgesamt egal wären. Aber ein schwules Blog hat nun mal den Fokus auf schwule Themen und Personen.
Es ist erstaunlich, dass mittlerweile Berichte über schwule Männer (wie etwa Bradley Manning) in einem schwulen Blog unter einen Generalverdacht des Nestbeschmutzens gestellt werden. Interesse „bloß weil er schwul ist“??? Allein die Erwähnung vom schwulen Carsten S. in einem schwulen Blog wird kritisiert. Einige Teile der schwulen Welt wollen nichts wissen, was ihnen nicht passt: kein schwuler Nazi, auch kein schwuler Geheimnisverräter. Dreist, wer sich gegen die Folter von Bradley Manning ausspricht. Die Unterstellung, dies nur zu tun, weil er schwul sei, ist – wenn sie von Schwulen kommt – infam. Anscheinend muss man sich künftig als Schwuler dafür rechtfertigen, dass man sich für Ereignisse, Biografien, Taten von schwulen Männern interessiert und sie vermeldet – und zwar dann, wenn es ums Negative der schwulen Welt geht. Denk- und Redeverbot, wenn ein Thema der neuen Think-Pink-Haltung, der die Community bedarf, um sich noch enger an staatstragende Politik und finanzkräftige Sponsoren anschmiegen zu können, nicht in den Kram passt?
In dem Versuch, unangenehme Themen, in die andere Schwule involviert sind, aus der schwulen Wohnstube rauszuhalten, zeigt sich eine neue Selbstherrlichkeit, die zunehmd zu Methoden der Denkkontrolle greift, um eine Ideologie des ebenso braven wie liberal-toleranten Biedermeiers durchzusetzen. (RH)

*nachträgliche Anmerkung: Durch den Verweis auf die Loslösung von Carsten S. aus der rechten Szene, wurde in schwulen Medien die Frage, wie er überhaupt hineingeriet, (auch von mir) möglicherweise vorschnell suspendiert oder gar nicht erst gestellt. 

5 Responses to “Schwules Wegsehen, wenn’s um Nazis geht!”


  1. 1 Smash Heterosexism Mai 9, 2013 um 8:56 pm

    Hier vergisst offensichtlich jemand, dass es Geschichte und Tradition auch pseudo-linker (im Kern zutiefst antimarxistischer, das nur nebenbei) Akteure und Aggressoren ist, einen kausalen oder psycho-sozialen Zusammenhang zwischen Schwulsein und Faschismus zu konstruieren.

    Dass die heterosexistischen Massenmedien ausgerechnet dann mit der Homosexualität einer Person hausieren gehen, wenn damit die kranke heterosexistische Ordnung wieder einmal durch Abgrenzung von den vermeintlich „Devianten“ (=Defizienten) ein bisschen „Selbst“bestätigung erfahren und damit die fortgesetzte Stigmatisierung von Schwulen bedient werden kann, ist sicherlich nichts, was Schwule auch noch verteidigen sollten.

    Verlogener als die Massenmedien, die rund um die Uhr immer aggressiver zur brutalen Reproduktion der gesellschaftlich gemachten zweigeschlechtlichen Ordnung wesentlich beitragen, geht es kaum.

  2. 2 Ralf Mai 10, 2013 um 2:06 pm

    Da habe ich offenbar in ein Wespennest gestochen. Mein Bedenken ist und bleibt: Was ist so besonders an Carsten S.‘ sexueller Orientierung in Bezug auf seine Verstrickung in die NSU-Mordserie?

    Zwei Falltüren tun sich auf. Einerseits besteht die Gefahr, das marxistische Klischee schwul = faschistisch zu bedienen. Andererseits gerät man schnell in die Sackgasse, einen (noch dazu vermeintlich geläuterten) Täter wegen seiner sexuellen Ausrichtung irgendwie entschuldbar oder gar sympathisch erscheinen zu lassen – sozusagen die nette Nummer von nebenan, die sich nur mal vergaloppiert hat.

    Kein Mensch käme auf die Idee, Zschäpe im Lichte ihrer heterophilen Veranlagung zu betrachten. Carsten S. ist insoweit nicht anders zu sehen. Er ist Täter, nicht Opfer, auch nicht irgendwelcher gesellschaftlicher Umstände oder einer militariaschwulen Vorliebe. Wie schon Kurt Tucholsky (gemünzt auf Ernst Röhm) sagte: Man suche den politischen Gegner nicht im Bett auf. Seine Homosexualität widerlegt den Mann gar nicht. – Sie erklärt oder entschuldigt ihn aber auch nicht. Carsten S. wird durch seine sexuelle Ausrichtung in Bezug auf seine Tat weder be- noch entlastet; sie taugt weder zum Motiv noch zur Exkulpation. Es hat also gar keinen Sinn, sie hervorzuheben, von der Gefahr, dass gewisse Leute den Popanz vom homosexuellen Faschismus aus der Mottenkiste holen, ganz abgesehen.

    Die Frage, wie man ausgerechnet als Schwuler dem Rechtsextremismus anheimfallen kann, steht auf einem ganz anderen Blatt, stellte sich aber in gleicher Weise bei einem jüdischen, schwarzen oder sonst einer naziverfolgten Gruppe angehörenden Mittäter, hat also auch nichts spezifisch Schwules an sich.

    Was nun Bradley Manning angeht, so ist zuallererst die amerikanische Regierung dafür verantwortlich, wenn sie offenbar jedem Nachwuchsgefreiten vertrauliche oder gar geheime Informationen zugänglich macht, deren Veröffentlichung den USA schaden kann. Aber auch Bradley Manning ist trotzdem Täter und nicht der Held, zu dem er stilisiert wird. Seine jetzige Behandlung und die ihm drohende Strafe sprechen jedem rechtsstaatlichen Verfahren natürlich Hohn, das ist klar und muss immer wieder gesagt werden. Nur: Es fehlt jeder Bezug zwischen Mannings Tat und seiner sexuellen Orientierung.

    Ich hoffe, ich habe mich dieses Mal ein wenig klarer ausgedrückt.

    • 3 Smash Heterosexism Mai 10, 2013 um 4:55 pm

      Das „Klischee schwul = faschistisch“ war noch nie marxistisch und ist es auch weiterhin nicht. Dass es Marxist_innen waren, die vom ersten Moment an gegen den (auch deutschen) Faschismus gekämpft haben -und daher auch unter den Ersten waren, die brutal von den Nazis ermordet wurden, ist nur eine von vielen Fakten, die da mal eben (ich vermute: wissentlich) übergangen werden.

  3. 4 RH Mai 10, 2013 um 3:54 pm

    Mir ist deine Auffassung, mich als Schwuler, der über Schwule schreibt, selbst zu zensieren oder ihn zu einem Neutrum zu machen, weil jemand meint, man könne damit irgendein Klischee bedienen, fremd.

  4. 5 Ralf Mai 11, 2013 um 2:03 pm

    Das ist nicht meine Auffassung. Mir ist jedoch fremd, Schwulsein hervorzuheben, wenn es mit der Sache nichts zu tun hat. Es erinnert mich fatal an die Gewohnheit der Boulevardpresse, die sexuelle Orientierung eines Verbrechers gerne dann zu erwähnen, wenn er schwul ist, als hätte das irgendeine kausale Bedeutung.

    @ Smash Heterosexism
    Es ware gerade Marxisten, die staatliche Homosexuellenverfolgung in ihrem Machtbereich aufrecht erhielten oder wieder einführten.


Comments are currently closed.



Das Buch zum Blog

Archiv

Kreuz-und-queer-Blog