NSU-Prozess beginnt: Auch Carsten S. muss sich wegen Beihilfe zum Mord verantworten

Vor dem Münchener Oberlandesgericht hat der NSU-Prozess begonnen. Neben der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, die die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) mitbegründete, gibt es vier weitere Angeklagte, die am Mord von zehn Menschen beteiligt gewesen sein bzw. Beihilfe geleistet haben sollen. Dazu gehört auch der heute 33-jährige Carsten S. Er wurde im Februar letzten Jahres festgenommen (S.i.e.g.T.-Bericht vom 1.2.2012). Carsten S. hat bereits gestanden, zusammen mit dem NPD-Funktionär Ralf Wohlleben die Tatwaffe besorgt haben (S.i.e.g.T.-Bericht vom 23.2.2012). 2000 stieg er aus der rechten Szene aus und arbeitete bei der Aids-Hilfe sowie in einem schwul-lesbischen Jugendclub in Düsseldorf.
In einem Dossier der „Tagesschau“ zum NSU-Prozess ist zu erfahren, dass Carsten S. in der Jenaer Neonazi-Szene aktiv war und dem sogenannten „Thüringer Heimatschutz“ (THS), einem Zusammenschluss von Nazi-Gruppen in Ostthüringen. In Jena soll er auch die jetzige Hauptangeklagte Beate Tschäpe sowie die beiden anderen Gründer der NSU-Terrorzelle Böhnhardt und Mundlos – die sich Ende 2011 selbst das Leben nahmen – kennengelernt haben. In ihrem Auftrag will der damals 19-Jährige für 2500 DM die spätere Tatwaffe beschafft und Böhnhardt und Mundlos in Chemnitz übergeben haben.
Zu den Motiven von Carsten S. schreibt Patrick Gensing auf „tagesschau.de“:

„Der gelernte Kfz-Lackierer gab zudem an, er habe sich bereits mit 13 Jahren für Jungs interessiert. Da er gemerkt habe, dass er ‚anders sei als die anderen‘, habe er sich besonders stark anpassen wollen. Später in der Nazi-Szene sei es ihm sehr wichtig gewesen, anerkannt zu werden, sagte S. in seiner Aussage. Er sei stolz gewesen, dass Wohlleben ihm vertraut habe. Beim Waffenkauf habe er ein schlechtes Gefühl gehabt, aber es sei in der Neonazi-Szene nicht üblich gewesen, Dinge zu reflektieren oder Anweisungen von altgedienten Kameraden zu widersprechen.“

Aufgrund seines Geständnisses und aufgrund seiner glaubhaften Distanzierung vom Rechtsterrorismus wurde Carsten S. von der Bundesanwaltschaft freigelassen (S.i.e.g.T.-Bericht vom 29.5.2012). Er befindet sich in einem Zeugenschutzprogramm.
Die Strafe für Beihilfe zum Mord beträgt, laut des Dossiers der „Tagesschau“, zwischen drei und 15 Jahren. Die Dauer des Prozesses ist derzeit völlig offen. (RH)

2 Responses to “NSU-Prozess beginnt: Auch Carsten S. muss sich wegen Beihilfe zum Mord verantworten”


  1. 1 Ralf Mai 9, 2013 um 9:22 am

    Äh… wieso muss uns dieser Mann so besonders interessieren, bloß weil er schwul ist? Ich beobachte da schon zum zweiten Mal eine scheinbare Solidarisierung mit jemandem, der eine Straftat begangen hat. Der andere Fall ist der von Bradley Manning. Man mag ja mit beiden Tätern aus verschiedenen Gründen sympathisieren (Gründen freilich, die weder aus ihrer sexuellen Ausrichtung folgen noch mich überzeugen können, insbesondere nicht in Sachen Carsten S.), aber dem Verdacht, es gebe bei Straftätern einen Schwulenbonus, sollte sich niemand aussetzen.

    • 2 RH Mai 9, 2013 um 10:02 am

      Ich blogge hier zu schwulen Themen – wieso sollte ich mich entschuldigen? Ich will mir ungern von anderen den Mund verbieten oder gar zensieren lassen. Und mit dem Schwulenbonus? Aus meinen Beiträgen kann man das sicher nicht entnehmen. Im Gegenteil: Bei Carsten S. gab es nach der Verhaftung eine breite Phalanx, die ihn zum guten Jungen erklärt hat (und seitdem zu den Morden schweigt).
      Aber nochmals der Hauptpunkt: Als schwuler Blogger schreibe ich zu schwulen Themen, Personen etc. Und die Argumentation „bloß schwul“ gefällt mir gar nicht. (Die wird in der Regel benutzt, um alles unliebsame zu unterdrücken.)


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