Die Stunde der Friedensstifter

Frieden„Gut, dass wir darüber geredet haben!“ Ohne diese Floskel ist heutzutage wohl keine Diskussion mehr zu haben. Diese Floskel wird wohl auch am Ende der frisch losgetretenen Debatte über den Ausschluss der CDU aus der Berliner CSD-Parade stehen. Selbst wenn man annimmt, dass die Debatte nicht aus bloßer PR losgetreten, sondern vielleicht aus inhaltlichen Gründen initiiert wurde, lassen bereits die ersten Reaktionen ahnen, dass sie dort endet, wo mittlerweile jede kleine Meinungsverschiedenheit ihren medialen Frieden findet: in den Reihen des üblichen homosexuellen Vereinsklüngels als staatstragendes Gespräch, mit dem die sich selbst auswählenden Auserwählten sich selbst profilieren. Das entmündigt die Teilnehmer der CSD-Parade.

Die Wogen der Empörung wahlweise Zustimmung zur Entscheidung der Berliner CSD-Organisatoren haben noch nicht einmal ihren Höhepunkt in Internet-Foren und Facebook-Kommentaren erreicht, da preschen die ersten Berliner Akteure bereits los zur großen Vermittlungsaktion. Die Hirschfeld Stiftung posaunte eilig den Termin einer Podiumsdiskussion hinaus, Namen von Teilnehmenden und Ort werden zwei Tage später nachgereicht. So dringlich war es anscheinend, sich an die Spitze der Vermittlungshektik zu setzen. Der Wettlauf um die beste Figur auf der Meta-Ebene der Debatte ist eröffnet – und dem Eifer der Hirschfeld Stiftung steht man bei Maneo nicht nach. Und was stünde dem Berliner Anti-Gewalt-Projekt besser an, als Frieden zu stiften. Dessen Chef moderiert nun zusammen mit Lala Süsskind, ehemals Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, ein Gespräch von CSD-Organisatoren und der CDU Berlin mit dem Ziel, doch noch eine Teilnahme der CDU zu ermöglichen. Bis dahin solle „Schlichtungsfrieden“ gewahrt werden.
Wir lesen ja regelmäßig die Pressemeldungen der Berliner Polizei; die Nachricht, dass die CSD-Orga-Gang sich mit den CDU-Schergen eine Straßenschlacht geliefert hätte, muss uns entgangen sein … (und nur am Rande sei angemerkt, dass eine Schieflage ist, dass die lokale CDU unter Frank Henkel nun nicht gerade homo-unfreundlich ist und insofern – gemessen an der Bundes-CDU – keine so schlechte Figur macht).

Es ist freilich nichts dagegen zu sagen, dass man miteinander spricht. Ich finde selbst die Entscheidung, die CDU auszuschließen, nicht wirklich hilfreich, gestehe aber gern zu, dass sich mein Mitleid mit der CDU in Grenzen hält und ich nicht die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet sehe. Schlimm finde ich, wie die Ebene der priviligierten Verbandswelt, die ausschließlich von öffentlichen Geldern lebt und finanziert wird, sich nun um sich selbst zu drehen beginnt. Man muss nicht, wie die Hirschfeld Stiftung, ausgleichend alle Parteien einladen, damit man sich wieder im Glanz derer sonnen kann, die auch das Kuratorium der Stiftung besetzt halten. Man muss die PR der CSD-Organisatoren nicht mit PR fürs Anti-Gewalt-Projekt und dessen ohnehin permanent medienpräsenten Bastian Fink beantworten.
Man will rein in die Medien – selbst mit der Ansage, dass man Hinterzimmerkungelei unter Ausschluss der Öffentlichkeit betreiben will –  und sich elegant bei den (künftigen) Geldgebern präsentieren. Das ist wohlfeil elitär. Vergessen ist längst, wer eigentlich den CSD ausmachen sollte: Schwule und Lesben. Die dürfen, so wie sie in der medialen CSD-Maschinerie der Megastadt Berlin mittlerweile zum billigen Statisten-Fußvolk degradiert sind, sicher auch auf den Hinterbänken der Podiumsdiskussion sich herumdrücken – aber immerhin, so muss man angesichts der Maneo-Bemühungen hervorheben, wenigstens noch öffentlich! Bedauerlich bleibt, dass man bei der Hirschfeld Stiftung nur noch im Horizont von Parteien und Businessmanagern denken kann: brav und staatstragend. Weder hat man darüber nachgedacht, wie man denn „den gewöhnlichen Homosexuellen“, der am CSD teilnimmt, mit aufs Podium bringen kann, noch darüber nachgedacht, wie etwa externe Wissenschaftler und Theoretiker (SoziologInnen, Netzwelt-AktivistInnen, Queer-TheoretikerInnen) mit Blicken von außen die Debatte weiten könnten. Man bleibt beim Klein-Klein, man bleibt unter Seinesgleichen, also am Rockzipfel der Parteien, die man für das Maß aller Dinge hält und mit denen man es sich nicht verscherzen will.
Es geht bestenfalls darum, eine Vermittlungslösung zu finden, die es der CDU und den CSD-Organisatoren ermöglicht, das Gesicht zu wahren. Aber wieso eigentlich? Warum überlässt man es nicht den auf der Parade teilnehmenden Schwulen und Lesben, die Debatte auf ihre Weise zu kommentieren oder meinetwegen auch zu ignorieren? Wenn es ihnen nicht gefällt, dass die CDU nicht teilnimmt, können sie mit entsprechenden Protestplakaten oder witzigen Aktionen die Meinung der CSD-Organisatoren kritisieren. Man und frau kann auch vom CSD wegbleiben, wenn man das Gefühl hat, dass die Politik der Organisatoren den eigenen politischen Vorstellungen widerspricht. Man und frau kann auch genau das Gegenteil tun und gerade deswegen zum diesjährigen CSD gehen und den Unmut über die CDU äußern. Die Hauptstadt hat mit dem Transgenialen CSD ja sogar eine nicht zu unterschätzende Alternative. (Einen CDU-Wagen wird man allerdings auch nicht finden!)
Die Organisatoren des CSD Berlin nutzen die Parade als Plattform für ihre eigene, persönliche Ansicht (wobei sie gute Gründe haben anzunehmen, dass diese von einer Mehrheit der Schwulen und Lesben derzeit geteilt wird). Das ist ihr gutes Recht in einer medialen Welt, in der die Macher die Hebel der Aufmerksamkeitsökonomie nützen müssen. Auch und gerade gegenüber dem eigenen Fußvolk. Wenn Hirschfeld Stiftung und die üblichen verdächtigen Verbände jetzt hektische Bemühungen entwickeln, dann nur, um möglichst rasch – unter Profilierung der eigenen Person bzw. der eigenen Institution – im Vorfeld zu glätten, was vielleicht gar nicht zu glätten ist bzw. nicht geglättet werden muss. Was Schwule und Lesben über die Haltung der CDU in Sachen Gleichstellung denken, gehört auf den CSD und bestenfalls an die Wahlurne. Das kritische Potenzial in gefälligen All-Parteien-Runden und mit der eitlen Pose des Friedensstifters zu ersticken, erscheint mir ein schlechter Weg.

© Rainer Hörmann / April 2013

Nachtrag 29.4.2013: Kommentar zur Debatte um Ausschluss der CDU vom CSD Berlin beim Bloggerkollegen Steven Milverton

5 Responses to “Die Stunde der Friedensstifter”


  1. 1 Hermann Zeller April 28, 2013 um 10:34 am

    Ein wirklich lesenswerter Artikel. Hier wird deutlich, dass es heutzutage immer auch um die Pfründe der Berufsschwulen/-lesben geht, die am Tropf des Steuerzahlers hängen oder anderweitig persönliche Interessen verfolgen. Es gibt nicht Wenige, die diesen Filz satt haben.

  2. 2 Klaus F. April 28, 2013 um 10:52 am

    herzlichen dank fuer diesen lesenswerten kommentar!

  3. 3 Jürgen Bieniek April 28, 2013 um 3:40 pm

    Das Statement von Hermann Zeller trifft es auf den Punkt!

  4. 4 bajazbasel Mai 1, 2013 um 9:42 am

    Ich habe mit Verwunderung festgestellt, dass meine alten Schwulenbewegungs-Kollegen fast alle in staatlichen Institutionen pensioniert werden, während ich mich als Berufsschwuler noch zwei Jahre irgendwie bis zur Rente durchmausern muss…


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