Hauptsache, den Kindern geht’s gut!

NBC_guys-with-kidsEin Urteil in einem Spezialfall des Adoptionsrechts löst in der Bundesrepublik hohe Wellen aus. Man muss schon pensionierte CSU’ler hervorkramen, um noch jemand zu finden, der es nicht richtig findet, dass ein verpartnertes schwules oder lesbisches Paar das Kind des Partners adoptieren kann. Symbolisch wertvoll, gesellschaftlich erstaunlich, sollte man intern doch mal fragen, wie es eigentlich kommt, dass ausgerechnet das Kinder-Thema einen derartigen Boom erfährt, wo doch die Mehrheit der Schwulen kleine Kinder sonst für schreiende Nervtöter hält. Eine Art Kommentar …

Es geht um gleiche Rechte

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ist ein weiterer kleiner Teilsieg auf dem Weg von Schwulen und Lesben zu gleichen Rechten. Er verdeutlicht einmal mehr, dass die aktuelle Regierung uns die gleichen Rechte ohne Druck nicht geben wird. „Gekämpft“ haben „wir“ für dieses Urteil nicht, sondern ein lesbisches und ein schwules Paar. Umso erstaunlicher, wer sich jetzt alles im Erfolg des Urteils sonnt und schon wieder die Sache für sich nutzt. Soweit ich weiß, ist im Vorfeld niemand auf die Straße gegangen, es gab keine Lila-Laune-Flashmob-Aktion über ein virtuelles Netzwerk. Niemand aus den unzähligen schwulen Strickgruppen kam auf die Idee, eine „Charity“ zur moralischen Unterstützung der Eltern zu veranstalten. Soweit ich mich erinnere, gab es keine wirkliche eigenständige journalistische Begleitung des Geschehens durch schwule Medien.
Das ist das Schöne: Man konnte und kann dem Geschehen wie Fischen im Aquarium zugucken – und hat neben dem Spaß auch noch ein bisschen mehr Rechte.

Schwulsein von Richters Gnaden

Homosexualität stand schon immer unter gerichtlichem Vorbehalt. Generationen von Schwulen vor uns wurden unter großem Zutun der deutschen Richterschaft kriminalisiert. Dagegen nimmt sich der Umstand, dass uns immer noch gleiche Rechte – durch Politiker wie Richter – vorenthalten werden, was das konkrete Alltagsleben angeht harmlos aus. (Heißt nicht, dass die existierende Ungleichbehandlung deswegen geduldet werden müsste!)
Interessant ist doch aber, wie ergeben sich mittlerweile die gesamte schwule Welt den Urteilen der Richter überlässt. Wir wähnen uns bei der Recht sprechenden Gewalt im Staat mittlerweile sehr sicher. Wir gehen alle davon aus, dass das Gericht auch die steuerliche Ungleichbehandlung kassiert. (Sicher wissen wir, dass die Richter uns derzeit niemals das volle Adoptionsrecht zubilligen würden. Weswegen auch niemand klagt!) Wir hoffen auf die Politiker, dass sie uns die Öffnung des Instituts der Ehe „schenken“ werden. Aber wird in der Ehe dann das Adoptionsrecht enthalten sein? Französische Verhältnisse in Deutschland? Mal sehen, wie viele Veranstalter von schwulen Partys sich an den Kosten der Demonstrationen pro Ehe und Adoptionsrecht beteiligen. Erst mal warten, was die Richter sagen.

Kinder vervollständigen ein Bild von Homosexuellen, das sie gesellschaftlich anschlussfähig macht – in den Augen der Heteros

Das hätte es vor zehn Jahren so nicht gegeben: Von Spiegel bis Süddeutsche bis Evangelische Kirche Deutschlands – die Unterstützung des Wunsches von Schwulen und Lesben nach Gleichstellung – sowohl in Sachen Ehe als auch – wenn auch etwas verhaltener – in Sachen Adoptionsrecht ist enorm! Zumindest medial haben wir es so gut wie sicher. Dabei gilt das, was schon für so gut wie alle Berichterstattung über Verpartnerungen galt: (Ewig und treu) zusammenzuleben und Kinderwunsch sind Normen, die primär die heterosexuelle Welt prägen (oder zumindest geprägt haben). Diese Wunschwelt auch in den Homosexuellen zu entdecken, macht es einfacher, Verständnis und Toleranz aufzubringen. Auf der Strecke bleiben – sofern es sie überhaupt noch gibt – alle Ansätze zu anderen Weisen des sozialen Lebens. Letztendlich werden Homosexuelle unter eine diffus durch die Politik und gesellschaftliche Idealvorstellungen wabernde Familien-Ideologie gezwängt und dadurch – „StarTrek“ lässt grüßen – „assimiliert“.
Manchmal tun mir die Hetero-Paare leid, die in „wilder Ehe“ leben. Zusammenleben mit Kind ohne Trauschein! Wow, das ist ja schon ein echt revolutionärer Akt. Was die soziale Absicherung angeht, dürfte diese „Lebensweise“ der Loser sein. Neben den alleinerziehenden Müttern und natürlich neben dem allein lebenden, kinderlosen und seine sexuelle Neigung unverbesserlich auslebenden Homosexuellen!

„Kinder“ ist ein Gutmenschen-Thema und Schwule möchten nichts lieber als gut sein

Politiker mögen das Thema „Kinder“ besonders. Die können nämlich nicht mitbestimmen – und als amorphe Masse, die weder Wahlen beeinflussen noch die Klappe (politisch gesehen) aufreißen kann, sind sie ideal zur Instrumentalisierung für politische Zwecke. Ohne wirklich irgendwas zu tun, kann man auf jeder Veranstaltung, in jeder TV-Show punkten, wenn man hinzufügt, dass einem die Zukunft der Kinder besonders am Herzen liegt. (Zumindest bis sie 12 sind, die Schule schwänzen und Nazi-Musik hören!)
Schwule und ihre medialen Vorzeigefiguren passen sich dieser Art des politischen Gutmenschentums an, weil es die gesellschaftskonforme, bürgerliche Fortsetzung der Heirats-Ideologie ist. Es geht gar nicht darum, ob es für einen selbst relevant ist oder nicht, es geht darum, im Chor mit der zeitgeistigen Norm zu blöken. Der Nachteil: In wenigen Jahren wird es nicht mehr genügen, sich mit einer Verpartnerung (oder bald Heirat) als der bessere, weil verantwortungsvolle Homo zu erweisen. Dann muss auch das Kind her. Was die gesamte schwule Promi-Riege der USA vormacht, wird bald auch in Deutschland Pflicht? Das Kind muss mit aufs Profilbild bei Facebook? Aber keine Sorge: Wir handhaben das nicht so ernst wie die Heteros! Wir setzen unverkrampft auch einen Link zur Anzeigenseite der Agentur, die die indische Leihmutter vermittelt hat – „Gefällt mir“-Klick inklusive.

Wellness-Ideologie fürs Fitnessstudio

Ähnlich wie es in den Schwulenmagazinen und den Mainstream-Medien ausschließlich treu sorgende, füreinander Kirschkuchen backende Homo-Paare gibt, wimmelt es von glücklichen Regenbogenfamilien, wo die Oma stolz ist und der einfühlsame Lehrer das ganz offen in der Klasse besprochen hat, in der der kleine Ben und die kleine Mia mit Buntstiften lustig ihre schwulen Papas zeichnen konnten. Dies alles ist verständlich, weil es eine Reaktion auf jahrzehntealte Unterstellungen ist, homosexuelle Paare e wären zur Kindeserziehung nicht fähig / Kinder würden unter schwulen Eltern leiden!
Und wer will schon im Fitnessstudio, wenn er gerade warten muss, bis das nächste Gerät frei wird, und gelangweilt die Brigitte „Men’s Health“ durchblättert, von vollgeschissenen Windeln lesen, von Mobbing auf dem Pausenhof, von zermürbenden Elternabenden oder gar von schwulen Eltern, die ihre Kinder nicht gut behandeln. Diese Art der Realität ist nichts für die marktkonforme schwule Welt.

Gibt es keine wichtigeren Themen?

Was im Urteil zur Sukzessiv-Adoption verhandelt wurde, betrifft eine sehr kleine Minderheit (homosexuelle Paare, für die diese sukzessiv-adoption relevant ist) innerhalb der kleinen Minderheit (verpartnerte Schwule bzw. Lesben) der Minderheit (Schwule und Lesben). Wie zuvor schon erwähnt, hat dies enorme, symbolische Wirkung auf weitergehende Forderungen nach Gleichstellung.
Trotzdem gibt es wichtigere Themen – vielleicht ist der unterdrückte Vaterwunsch von Schwulen eines davon? Mir käme eher in den Sinn: Die Zersplitterung der schwulen Welt, die Vorsorge für Schwule im Alter, die fortdauernde Diskriminierung durch religiöse Fundamentalisten, die Aufklärung in Schulen, die Solidarität mit Homosexuellen in anderen Ländern.* Ziemlich viel – und das noch neben all den Kindern!

© Rainer Hörmann / Februar 2013

*PS: „Schwuler Fußballer in der Bundesliga“ gehört nicht zu den wichtigen Themen!

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