Rücktritt eines Feindbildes – Zum Amtsverzicht Josef Ratzingers

Es gibt sie noch, die gute Nachricht – und sie lautet, dass Josef Ratzinger am 28. Februar 2013 als Führer der katholischen Kirche zurücktritt. Die schlechte Nachricht ist der möglicherweise schlechte Gesundheitszustand, der Ratzinger zu diesem Schritt bewogen haben mag. Ausdrücklich sei hier gesagt, dass ich dem Menschen Josef Ratzinger wünsche, dass er sein Alter ohne Krankheit und Schmerz leben kann.
Was allerdings sein Wirken als Theologe und zuletzt als Kirchenführer angeht,  so geht mit ihm ein von Boshaftigkeit und brutaler, eiskalter Verachtung gegen Homosexuelle getriebener Agitator. Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, gegen Schwule und Lesben zu hetzen. Unermüdlich hat er schwule Liebe, schwule Sexualität und schwule Treue schlechtgemacht, hat die Homo-Ehe als Verfallserscheinung denunziert. Zu allen Verbrechen an Schwulen und Lesben hat er geschwiegen, zu keinem Jugendlichen, der durch Mobbing in den Tod getrieben wurde, auch nur ein einziges Mal ein Wort des Trostes verloren. Zugesehen hat er, wie seine Vollstrecker in Deutschland schwule Schützenkönige zu Menschenabschaum, der in zweiter Reihe laufen muss, erklärt haben, lesbische Putzfrauen gefeuert haben, vergewaltigte Frauen abgewiesen haben. Ratzingers Seele ist eiskalt geblieben – und als gefühlloser Technokrat hat er Homophobie für sein Machtkalkül benutzt. Er hat Homosexuelle (vor allem die Möglichkeit, dass Homosexuelle sich verpartnern bzw. heiraten können) als „Bedrohung“ bezeichnet und – eine besonders dumme und abfällige Bemerkung: Wie der Regenwald vor der Zerstörung müsse die Menschheit vor Homosexualität gerettet werden.
Unter Ratzinger wurde Hetze gegen Homosexuelle geradezu ritualisiert. Er instrumentalisierte den Hass gegen Homosexuelle, um die Fundamentalisten der katholischen Kirche an sich zu binden. Er hat den Kontakt zu den aggressiven, menschenverachtenden Strömungen eines religiösen Furors gesucht, anstatt die toleranten Strömungen der katholischen Kirche, die auf Liebe und Gemeinsamkeit setzen, zu stützen. Noch Mitte letzten Jahres hat er die ugandische Parlamentssprecherin gesegnet, die in ihrem Land für die Todesstrafe für homosexuellen Sex eintritt. Homosexuelle haben nichts, aber auch gar nichts, was sie an diesem Gottstellvertreter, der acht Jahre lang gegen uns Stimmung gemacht hat, gutheißen könnten. Gut ist aber, dass er jetzt geht.
Was oder vielmehr wer kommt nach Ratzinger? Schwule und Lesben dürfen sich kaum etwas erhoffen. Das auf Männerbünde und Missbrauch begründete Machtsystem katholische Kirche braucht Feindbilder. In Zeiten, da in der westlichen Welt immer mehr Menschen den Amtskirchen den Rücken kehren, versucht sie den Zusammenhalt durch Ausschluss des Anderen zu stärken. Zu wünschen wäre, dass Ratzingers Nachfolger andere Akzente setzen würde. Wahrscheinlicher aber ist, dass die eiskalte Maschinerie des Vatikans weiterläuft wie bisher. Auch wenn eine Personifizierung des Systems, ein Feind, zurücktritt, werden die Feindbilder bleiben. Ohne sie kann das System nicht leben.
Zum Schluss muss die Gegenfrage gestellt werden: Was wird aus unserem Feinbild? Ratzinger stand symbolhaft für eine zur Veränderung unfähigen katholischen Kirche, die nicht gewillt ist, uns und unsere Sexualität zu dulden geschweige denn wertzuschätzen. Wie werden wir damit zurechtkommen? Der tägliche Kampf gegen Diskriminierung durch gewählte oder selbsternannte „religiöse“ Führer im Alltag wird uns – leider – weiterhin nicht erspart bleiben – selbst wenn das große Feindbild erst einmal (und zumindest vorläufig) abtritt. (rh)

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4 Responses to “Rücktritt eines Feindbildes – Zum Amtsverzicht Josef Ratzingers”


  1. 1 Dermax Februar 11, 2013 um 6:51 pm

    Ich würde ja die Beatrix vorschlagen, die hat jetzt Zeit, aber die ist leider nicht katholisch. 🙂

    • 2 Big Al Februar 11, 2013 um 10:30 pm

      Muss sie als Päpstin denn katholisch sein?
      Spaß beiseite, bevor sich die katholische Kirche ändert geht vermutlich eher die Welt unter. Knapp 2000 Jahre Machterhaltung durch Unterdrückung „Anderer“ machen mich da sehr skeptisch. Hoffentlich irre ich mich.

  2. 3 Hagen Ulrich Februar 11, 2013 um 9:45 pm

    Dem Menschen J.R. kann man einen erholsamen Ruhestand und noch ein paar nette Jahre wünschen, das gönne ich ihm durchaus. Aber das Feindbild kommt mir dadurch nicht abhanden. Es wäre ein Irrglaube anzunehmen, daß mit einem neuen Papst alles anders wird. Woher soll der kommen?
    Die Kandidaten kommen alle aus dem Stall von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. – wie soll da etwas anders werden?
    Die sind ideologisch so beweglich wie es das Politbüro der KPdSU war. Da kam dann zwar ein Gorbatschow, aber der hat dem siechen Leichnam nur den letzten Tritt gegeben.

  3. 4 Coralle Februar 11, 2013 um 10:58 pm

    Recht so!
    Verdorbene Ware gehört aus die Regale genommen.
    Mal sehen welcher von den Snickers-Onkels der nächste sein wird.
    KOndome und Aids haben sie ja schon verboten…vielleicht kommen
    jetzt endlich mal die String-Tangas dran und die Brustvergrößerung und das Ornanieren wenn kein Pope anwesend ist…usw…Gottes Felder sind groß und unübersichtlich. Helau.


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