Normalität im Dschungel

Kaum hat Deutschlands hünenhafte Drag Queen Olivia Jones in einem Nebensatz in einer TV-Show so etwas wie Sex mit Berlins Regierendem Bürgermeister angedeutet, füllen die Medien ihre angeblich so teuren und angeblich wertvollen Internetspalten mit dem Tratsch. In der üblich verlogenen Mischung aus ironischer Distanzierung von der Show und schlichter Sensationsgeilheit auf alles, was andere Menschen vorführt, folgt Deutschlands Medienwelt den billig zu habenden Promo-Brocken einer TV-Sendung.
Das S.i.e.g.T.-Blog folgt ihnen mit den obigen Zeilen auch – aber ist es eigentlich nicht völlig uninteressant, mit wem eine Drag Queen, ein Bürgermeister oder ein Hetero-Fußballer Sex hatte, hat und haben wird?

Berlins Regierender Bürgermeister will nun gerichtlich gegen die plappernde Jones vorgegen – Jones‘ Manager legt derweil einige Andeutungen aufs entfachte Medienfeuer nach. Er weiß: any press is good press. Im medialen Durchlauferhitzer ist alles recht.
In einem „Tagesspiegel“-Kommentar zur Dschungelcamp-Show schreibt Sydney Gennies: „Fast ein Drittel Marktanteil in der letzten Sendung. Das große öffentliche Interesse rechtfertigt eine ausführliche Berichterstattung in den Medien.“ Ach ja? Dann müssten die Kastelruther Spatzen ja täglich der Aufmacher der Zeitung sein, so erfolgreich wie die Volksmusikgruppe ist. (Es spricht übrigens für die Kastelruther Spatzen, dass sie uns nicht täglich darüber informieren, in welchem Hotel sie über wen gestolpert sind.) Es ist doch eher das Armutszeugnis von Deutschlands Journalismus, der ohne rot zu werden vom Qualitäts-Journalismus faselt, aber auf jeden Hype aufspringt (aufspringen muss), weil er Quote / Klicks verspricht. Man reproduziert den von Privatsendern vorgegebenen Ramsch – und fühlt sich überlegen.
Man kann das – aus Sicht der schwulen Welt – natürlich auch als Erfolg feiern. Als Zeichen von Normalität, dass die bloße Andeutung eines Quickies einer Drag Queen mit einem Bürgermeister ebensolche Hormon- und Zeilenschübe auslöst und medial bedient wird wie, sagen wir mal, das Ehe-Aus von Rafael und Silvie van der Vaart. Man weiß gar nichts, kann aber trotzdem drüber reden! Das ist die Logik des Gerüchts. Die Wahrheit ist allerdings, dass Journalismus nichts mit dem Verbreiten von Gerüchten zu tun hat und dass die mediale Dauergier nach schmierigem Tratsch weder homo- noch heterosexuell normal ist – selbst dann, wenn es normal ist, über andere Menschen zu tratschen. Was für den Stammtisch okay ist, muss es für verantwortungsvolle Medien noch lange nicht sein. Was früher allerhöchstens auf der Seite „Vermischtes“ auftauchte, wird heute zum Aufmacher. Es ist ein Zeichen einer neuen, angenehmen Haltung der Mainstream-Gesellschaft, wenn Nachrichten – etwa über den Streit über die gleichgeschlechtliche Ehe – aufgenommen werden und die Begriffe schwul, lesbisch selbstverständlich verwendet werden. Impliziert das, dass man auch die Kehrseite akzeptieren muss: Schwule als (Sex-)Objekte des Boulevard-Journalismus?
Ich will mich gar nicht zum Engel aufspielen. Gerade ein Entblößungsmedium wie Facebook verführt auch mich dazu, rasch mal irgendwas zu verlinken und einen hämischen Kommentar abzusondern. In den Personalia, die ich für mein Blog zusammenstelle, gibt es sicher auch Links zu entsprechenden Meldungen. Ich hoffe aber, zunehmend weniger.
Es ist an der Zeit, medial wieder zu einer gesitteten Normalität (ja, ja, meine ich jetzt auch im Sinn von NORM-alität) zurückzukehren und eine relevante Gewichtung von Nachrichten vorzunehmen. Die Klatsch-Nachrichten kann man getrost der „Bild“ überlassen. Wer Stil hat, dem genügt die „Gala“. Gerade Journalisten, Blogger und Leute, „die was mit Medien machen“, und kein bisschen weniger die Leser sollten sich der permanenten Verblödung durch (medien-)industriell verfertigte Interessen verweigern – ganz egal, ob die Verblödung im schwulen oder im heterosexuellen Namen geschieht. Oder es zumindest versuchen. (RH / 21.1.2013)

PS: In der ersten Fassung des Textes hatte ich geschrieben, Olivia Jones sollte die Klappe halten. Eine sehr unhöfliche Zurechtweisung – und darum habe ich sie gestrichen.

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